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Kunsthalle inszeniert Rhoades' Materialschlacht

Von dpa

«My Madinah: In pursuit of my ermitage, 2004» von Jason Rhoades (1965-2006) in der Kunsthalle Bremen. Foto: Ingo Wagner«My Madinah: In pursuit of my ermitage, 2004» von Jason Rhoades (1965-2006) in der Kunsthalle Bremen. Foto: Ingo Wagner

Bremen. Ein aus der Schweiz angereister Techniker steht auf einem Hubwagen und installiert Neonschriften. Die in Los Angeles gefertigten Buchstaben geben dem abgedunkelten Raum der Kunsthalle Bremen Licht. Doch mit harmloser Leuchtreklame hat dies nichts zu tun.

Der amerikanische Künstler Jason Rhoades (1965-2006) spielt mit Tabus. Die bunten Wörter sind Umschreibungen für das Wort Vagina.

Die aus den USA übernommene Wanderausstellung «Jason Rhoades, Four Roads» ist laut Kunsthalle die erste umfassende Werkschau nach dem Tod des Künstlers mit 41 Jahren. Arbeiten aller Schaffensperioden spiegeln ab Donnerstag (18. September) bis zum 4. Januar die wilden, bisweilen ordinären Träume und Albträume der US-Gesellschaft.

In fünf Containern kommen die Werke an. «Es ist unsere bisher aufwendigste Ausstellung für einen Zeitgenossen», sagt Kunsthallenchef Christoph Grunenberg. Er spricht von einer Materialschlacht. «Rhoades hat Geschichte, Psychologie und das Moment des Spektakulären verknüpft. Im Kunstbetrieb war er ein Ausnahmetalent», erklärt Grunenberg.

Besucher können sich auf Plüschhandtücher legen, um die 96 vulgären Umschreibungen für das weibliche Geschlechtsorgan zu studieren. Weil Rhoades aus Los Angeles stammt, einem Zentrum der Porno-Industrie, fahndete er nach solchen «Pussy-Words». Exakt 1724 Synonyme hat er aufgespürt, eine Anspielung auf das Geburtsjahr von Immanuel Kant, dem deutschen Philosophen der Aufklärung.

Die Mega-Installation «The Creation Myth» nebenan passt mit Mühe in die Große Galerie der Kunsthalle. Rauchmaschine, Spielekonsole, Waffen, Monitore, Projektionen, eine Kindereisenbahn und Papierschnipsel sind Sinnbilder für Rhoades' grenzenlose Schöpfungslust.

Ganz jugendfrei ist auch diese Installation nicht. Auf Baumstämmen kleben pornografische Fotos. Es sind Bilder, die im Internet frei verfügbar und gleichzeitig gesellschaftlich tabu sind. «Es ist diese Doppelmoral, die uns Rhoades zeigen will», sagt Projektleiterin Eva Fischer-Hausdorf.

Der New Yorker Rick Baker, jahrelang Rhoades' Assistent, kennt alle Details. «Was wie das Chaos eines Messies aussieht, ist präzise Ordnung», erklärte der 43-Jährige. Rhoades sei arbeitswütig gewesen: «Er war ein Getriebener, ehrgeizig, fantasievoll, immer charmant.» Zu Unrecht seien ihm später Exzesse angedichtet worden: «Wenn wir gearbeitet haben, gab es keine Drogen. Niemand war high. Das war verboten. Er war der am härtesten arbeitende Mensch, den ich kennengelernt habe. Da blieb nicht viel Zeit für Partys.»

Ein paar Schritte weiter treffen Besucher auf «Garage Renovation New York» von 1993, ein gigantisches Sammelsurium aus Alltagsobjekten, Werkzeugen und Müll. Rhoades' frühestes Werk mit Basketballkorb und Automotor gilt als ein Sinnbild für die USA. Die Garage als Ursprungsort für Musiker und Wirtschaftsimperien wie Microsoft ist ein Lieblingsthema des Künstlers. Als Mechaniker der Kunst hat er sich in dieser Ideenschmiede selbst immer wieder neu erfunden.