Seidenschal führt Hobbydetektiv auf Spur War Jack the Ripper ein Barbier aus Polen?

Diese historische Zeichnung zeigt, wie ein Polizist vor rund 126 Jahren in London ein Opfer des Serienmörders Jack the Ripper entdeckt. Foto: ArchivDiese historische Zeichnung zeigt, wie ein Polizist vor rund 126 Jahren in London ein Opfer des Serienmörders Jack the Ripper entdeckt. Foto: Archiv

London. Nach 126 Jahren soll das Rätsel um die wahre Identität des Londoner Killers gelöst worden sein. „Wir haben Jack the Ripper entlarvt“, sagt Russell Edwards. Der Geschäftsmann steckte sieben Jahre und viel Geld in die Erforschung des Kriminalfalls.

Es ist der frühe Morgen des 31. August 1888, als ein Mann durch das Londoner Armenviertel Whitechapel hastet, um noch pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Dann fällt er, so steht es im Polizeibericht, beinahe über die Prostituierte Mary Ann Nichols, Spitzname „Polly“, die mit durchgeschnittener Kehle, aufgeschlitztem Unterleib und fehlender Gebärmutter auf der Straße liegt.

Nur wenige Wochen später findet ein Gehilfe eines Vermieters den grausam verstümmelten Leichnam der jungen Mary Jane Kelly, ebenfalls Prostituierte mit dem Spitznamen „Ginger“, in ihrer Wohnung im verrufenen Osten der Stadt. Er wollte nur die Miete abkassieren, was er sah, schockierte Polizei wie Bevölkerung, die von den gierigen Boulevardzeitungen mit allerlei Details versorgt wurde. Der Killer trennte Körperteile ab, zog die Haut seines Opfers ab, und nahm abermals ein „Souvenir“ mit: das Herz.

Es war der fünfte und letzte Mord, der offiziell jenem Mann zugeschrieben werden konnte, der damals London und vor allem die Elendsviertel im Osten der Stadt in Angst und Schrecken versetzte und einfach nur „Jack“ genannt wurde. Seinen Beinamen „Ripper“, der Schlitzer, erhielt er wegen der Grausamkeit seiner Taten. Gefasst wurde er nie, es entwickelte sich vielmehr ein Mythos um einen der berüchtigtsten Serienmörder der Geschichte.

Nun soll nach 126 Jahren das Rätsel um die wahre Identität des Killers gelöst worden sein. „Wir haben Jack the Ripper entlarvt“, sagt Russell Edwards. Der Geschäftsmann steckte sieben Jahre und viel Geld in die Erforschung des Kriminalfalls und präsentiert mithilfe neuester DNA-Analysen eines finnischen Wissenschaftlers den Täter: Ein Barbier war’s. Der aus Polen eingewanderte Friseur Aaron Kosminski habe die Frauen auf dem Gewissen, schreibt Edwards in seinem Buch „Naming Jack the Ripper“, das heute in Großbritannien erscheint.

Den Schlüssel zum Erfolg soll ein blau-brauner Seidenschal, fast zwei Meter lang, geliefert haben. Das Schultertuch lag angeblich am Tatort des vorletzten Mordes an Catharine Eddowes, die am 30. September 1888 getötet wurde. Ein junger Polizist habe es mitgenommen, und dessen Nachfahren bewahrten laut Edwards das Stück Stoff, das noch immer erhebliche Blutspuren aufwies, „ungewaschen und sicher“ auf.

Im Jahr 2007 erstand der Hobbydetektiv das Textil bei einer Auktion, und damit soll die Enthüllung begonnen haben. Denn dass der reich verzierte Schal der bettelarmen Prostituierten Eddowes gehört hat, schloss er aus. Edwards ließ die auf dem Stoff gefundenen DNA-Spuren vom Biochemiker Jari Louhelainen mit denen der weiblichen Nachfahren aller damals Tatverdächtigen abgleichen und landete bei einer direkten Nachfahrin von Kosminski einen Treffer. „100 Prozent passte es zusammen“, so der Wissenschaftler. Ihre Blutprobe stimmte nicht nur mit den Spuren überein, sondern auch mit den erst später entdeckten winzigen Spermaresten auf dem Schal. Hat Kosminski die brutalen Morde begangen?

Der Pole siedelte mit seiner Familie wegen antisemitischer Pogrome nach London über, lebte unweit der Tatorte und arbeitete im East End als Barbier, kannte sich also mit dem Messer gut aus. Schon damals rückte er ins Blickfeld der Ermittler, weil eine Zeugin ihn bei einem Angriff gesehen haben wollte. Doch sie zog ihre Aussage zurück, der Verdächtige kam wieder auf freien Fuß. Im Februar 1891 wurde der damals 26-Jährige, er galt als Frauenhasser, in ein Heim für Geisteskranke eingewiesen, 1919 starb er. Die britische Hauptstadt hat mittlerweile aus der legendären Figur eine Touristenattraktion gemacht. Fast täglich spazieren Besuchergruppen jene Orte ab, an denen der grausame Serienmörder sein Unwesen trieb. „Die Menschen sind fasziniert“, erklärt ein Tourguide den Erfolg des Konzepts. Hinzu kommt, dass die damaligen Elendsviertel Spitalfields und Whitechapel sich zu hippen Gegenden entwickelt haben. Muss der Mythos um den einst meist gesuchten Mann Englands nun endgültig begraben werden?Kritiker bezweifeln jedoch die Erkenntnisse von Russell Edwards, vor allem die Herkunft und das Alter des Schals werfen Fragen auf. Die Faszination, daran besteht wiederum kaum Zweifel, wird bleiben.