Türmerin Martje Saljé wäre gern dabei Lust auf Rolle im Münster-„Tatort“

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Münster. Seit Anfang Januar beherrscht Martje Saljé das Stadtgespräch in Münster – und darüber hinaus. Die 33-jährige Musikerin ist die neue und erste Türmerin der Lambertikirche. Um den Arbeitsplatz zu erreichen, müssen erst mal 300 enge Treppenstufen bewältigt werden. Aus 80 Meter Höhe tutet Saljé dann jeden Abend – außer dienstags. Was sie daran fasziniert und was von ihr im Einstellungsgespräch erwartet wurde, erzählt das moderne „Rapunzel“ im Interview mit unserer Zeitung.

Frau Saljé, Sie sind jetzt mehr als fünf Monate Türmerin: Immer noch ein Traumjob, oder folgt der Faszination bereits die Ernüchterung?

Mein Vorgänger hat mir prophezeit, dass die Euphorie der ersten Tage ganz schnell nachlassen werde. Davon spüre ich noch nichts. Ich finde es jeden Morgen genial, dass ich abends auf den Turm darf, und werde immer wieder aufs Neue belohnt mit einer tollen Aussicht. Jeder Tag, jeder Abend ist hier oben anders. Heute ist das Wetter zwar nicht so schön, aber auch Regen und grauer Himmel haben ihren Reiz für mich. Ich wünsche mir allerdings mal so ein richtig fettes Gewitter.

Haben Sie keine Angst vor Blitz und Donner hier oben?

Nein. (lacht) Ich habe prinzipiell vor nichts Angst.

Worin besteht der Reiz des Jobs?

Es fängt an mit den 300 Stufen nach oben, die man bewältigen muss. Wenn man das geschafft hat, fühlt man sich schon mal richtig gut. Und dann wird man auch noch mit dem Ausblick belohnt – und mit dem Dasein in dieser skurrilen Stube, die ja auch ihren eigenen Zauber hat.

Müssen Sie überhaupt noch weiteren Sport treiben?

Nein, der fällt weg. Das Fitness-Studio kann ich mir definitiv sparen. Ich merke auch, wie sich meine Kondition von Woche zu Woche verbessert. Mit jeder Stufe entferne ich mich mehr von den Sorgen des Alltags.

Wie merken Sie das?

Indem zum Beispiel mein Atem hier oben ruhiger wird. Ich bin ein sehr offener und kommunikativer Mensch, der viel unternimmt. Ich komme im Moment noch mit vielen Leuten zusammen, die sich für mich als Türmerin interessieren. Abends verarbeite ich dann die Eindrücke des Tages und komme zur Ruhe. Die Höhenluft verändert mich. Ich mache mir Gedanken über das eine und andere Thema und komme so weiter – persönlich für mich. Auch diese halbstündige Taktung des Tutens ist eine schöne Konstante und kommt meinem Charakter sehr entgegen.

Wie schnell schaffen Sie die 300 Treppenstufen?

Ich muss hier ja keine Rekorde brechen. Mein Vorgänger hat mir seine Bestzeit mit drei Minuten angegeben. Das habe ich auch schon geschafft.

Weil Sie knapp dran waren?

(lacht) Nein, weil ich es wollte. In Münster gibt es neuerdings auch den Sky-Run, wo in einem Hochhaus um die Wette treppauf gelaufen wird. Ich habe mal kurz darüber nachgedacht, da mitzumachen. Aber nur außer Konkurrenz. Das wäre ja sonst kein fairer Wettbewerb, ich kann hier schließlich jeden Tag üben.

Betrachten Sie sich als Münsteraner Attraktion?

Würde ich schon sagen. Ich bin hier respektiert, obwohl ich zwei der Münsteraner Todsünden erfülle: Ich bin zugezogen und evangelisch. Immerhin fahre ich Fahrrad. Das macht vieles wett. Früher war der Türmer aber nicht gut angesehen. Er gehörte zu den Geächteten wie Henker und fahrendes Volk.

Was war der schönste Moment bisher?

Ein Nebeltag im Februar war außergewöhnlich. Sogar der Dom, der ja von hier zum Greifen nah ist, war hinter einer Nebelwand verschwunden. Das Horn klang auch ganz anders, eben wie ein richtiges Nebelhorn. Beides zusammen, also der visuelle und akustische Effekt, waren unglaublich. Fehlte nur noch, dass ein Ozeandampfer vorbeischipperte. (lacht)

Der seltsamste Moment?

Es gab mal zwei Besuchergruppen zur selben Zeit: eine Hörfunk-Journalistin und einen Blogger aus New York. Da musste ich ständig zwischen den Sprachen hin- und herspringen. Das geht zwar noch, aber gleichzeitig durfte ich meine Signalzeiten nicht vergessen.

Machen Sie viele Fotos hier oben?

Noch nicht. Aber ich bekomme demnächst einen professionellen Fotoapparat vom Münster Marketing gestellt. Dann kann ich all die schönen Sonnenuntergänge festhalten.

Oh, ich sehe hier ein Fernglas...

Ja, das brauche ich auch. Es gehört zu meinen Pflichten, nach Bränden und Feinden Ausschau zu halten. Die Halunken kommen zwar erst nach Mitternacht aus ihren Löchern, deswegen habe ich noch keine gesehen. Einen Brand habe ich aber schon bemerkt, am 16. März, als es im Kreuzviertel brannte. Außerdem muss ich das Gefahrensignal abgeben, kurze Stakkato-Töne, damit die Bürger sofort wissen, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Wie klingen denn die normalen Töne?

Ich tute um neun Uhr dreimal drei lange Töne. Dahinter steckt eine ausgefuchste Zahlenmystik. Ich habe ein Semester Mathe studiert, deswegen kann ich das. (lacht) Ich blase dieses Signal jeweils in drei Himmelsrichtungen, den Osten lasse ich aus.

Warum?

Es gibt mehrere tradierte Erklärungen, die alle ein Fünkchen Wahrheit enthalten. Eine ist Goethes Totentanz: Da hat der Türmer dem Skelett zur Geisterstunde das Hemdchen geklaut und von oben damit gewinkt. Das Skelett wollte sich rächen und dem Türmer an die Gurgel gehen. Dann hat es eins geschlagen, und das Skelett ist zerfallen. Kurzum: Die Totenruhe muss gewahrt bleiben. Richtung Osten muss es mal einen nahen Friedhof gegeben haben. Eine andere Erklärung ist ganz profan: Ein reicher Patrizier hat Geld springen lassen, um in Ruhe schlafen zu können. Böse Zungen behaupten, diesen reichen Bürger gebe es immer noch. Das ist natürlich nur Spaß!

Gibt es um Mitternacht ein besonderes Signal?

Dann gibt es die volle Dröhnung: viermal drei lange Töne – und das in jede der drei erlaubten Himmelsrichtungen.

Ist das Tuten schwer?

Ich habe es mir einfacher vorgestellt. Man braucht viel Puste, aber muss die Luft dosieren. Ich spiele diverse Arten von Blockflöten, aber das ist etwas anderes.

Sind Sie schwindelfrei?

Ja. Das wurde sogar im Vorstellungsgespräch abgefragt. Körperliche Fitness war auch wichtig. Und die Fähigkeit zum Alleinsein gilt als Bedingung. Überall sonst bei Jobbeschreibungen ist doch Teamfähigkeit wichtig, das war hier ausdrücklich nicht der Fall.

Sind Sie tatsächlich danach gefragt worden?

Ja. Die Frage lautete: Ertragen Sie es, wenn Sie ganz allein abends im Turm sitzen? Sind Sie psychisch dafür gefestigt?

Ist kein Männerbesuch erlaubt?

Nein. Auch kein Frauenbesuch. Das hat versicherungstechnische Gründe. Stellen Sie sich vor, auf dieser engen Treppe knickt mal einer um und kann nicht weiter. Wie will der gerettet werden? Wer bezahlt das? Der Turm gehört ja der Kirche. Und die hat der Stadt seit 1383 das Recht eingeräumt, eine Ratsglocke zu betreiben und die Stube für den Türmer bereitzustellen. Deswegen muss der Kirchenvorstand immer Bescheid wissen, wer hier wann hochkommt.

Dürfen Sie hier übernachten?

Auch nicht. Ich muss mich ja nach jedem Dienst wieder abmelden, und zwar bis halb eins unten am Tor. Bleibt der Anruf bei der Feuerwehr aus, schicken die einen Wagen vorbei. Dann ist hier richtig Alarm.

Hören Sie manchmal von unten den Spruch „Rapunzel, lass dein Haar herunter“?

Klar, das hat es schon gegeben. Beliebt ist auch „Ruhe da oben“ oder „Ey, was ist denn das für Musik, kannst du auch noch andere Töne?“. Aber auch „Zugabe“ rufen hin und wieder manche.

Haben Sie dann mit „Smoke on the water“ geantwortet?

(lacht) Natürlich nicht. Das wäre wohl auch ein Kündigungsgrund. Außerdem muss ich ja erst noch die Probezeit überstehen, die dauert ein halbes Jahr. Im öffentlichen Dienst muss alles seine Ordnung haben. Aber „Smoke on the water“ oder eine andere Melodie würde ich niemals tuten, auch wenn ich es könnte. Das verbieten einfach der Respekt und die Würde des Amtes. Öffentlich Musik mache ich außerhalb des Turms. Ich habe schon gelesen, dass so manche Vorgänger von mir wegen geringerer Vergehen abgemahnt und suspendiert wurden.

Zum Beispiel?

Saufabende, Weibergeschichten. Gäste mit nach oben mitgenommen. Oder am helllichten Tage eine Kerze entzündet.

Sie haben hier oben gar keinen Fernseher, um den „Münster-Tatort“ zu gucken…

Nein, bloß nicht. Dann müsste ich ja ständig bei den spannenden Stellen raus zum Tuten. Oder ich vergesse die Zeit. Aber ich würde gern mal im Tatort mitspielen – und wenn es nur die Leiche ist, von der man am Ende den linken Fuß sieht. Ich bin ein großer Fan vom Münsteraner Tatort.

Sie könnten ja auch als Türmerin mitspielen.

Stimmt. Als Türmerin könnte ich sogar eine Zeugin spielen, die von ihrem Turm aus den Mord oder etwas Verdächtiges beobachtet.

Jan Josef Liefers hat unserer Zeitung gesagt, dass er davon träumt, zu Beginn eines Tatorts mal in einem der Wiedertäuferkäfige aufzuwachen…

Oh, das wäre bestimmt lustig. Und ich befreie ihn dann aus seiner misslichen Lage.

Wilsberg gäbe es auch noch…

Na klar, auch ganz großes Kino. Über Wilsberg habe ich sogar ein Lied geschrieben, das weiß der Herr aber noch gar nicht. Öffentlich vorgetragen habe ich das Stück zwar noch nicht, aber vielleicht ergibt sich ja mal eine Gelegenheit, dem Wilsberg das Lied persönlich vorzuspielen.

Sie sind bei der Stadt angestellt. Für Urlaub und Vertretung ist dann also gesorgt?

Ich habe eine halbe Stelle im öffentlichen Dienst. Das ist gleichzeitig das Besondere an Münster. Es gibt ja noch weitere Türmer im Land, aber die machen das ehrenamtlich, auf Honorarbasis oder freischaffend. Manche wohnen auf dem Turm wie etwa in Bad Wimpfen. Ich habe Urlaubsanspruch und auch einen Vertreter, der das seit zwölf Jahren sehr zuverlässig macht. Das ist der wichtigste Mann im Hintergrund.

Und wenn der Vertreter mal krank ist und Sie im Urlaub?

Das wird nie passieren, das haben wir uns gegenseitig versprochen. Zur Not würde ich auch mit Fieber hier hochsteigen.

Und auf Urlaub verzichten, wenn es nicht anders geht?

Was Urlaub ist, weiß ich sowieso noch nicht. Wozu soll ich Urlaub nehmen, ist doch so schön hier. Höchstens, wenn ich irgendwann die Tour des Tours mache, also andere Türmer besuche, zum Beispiel in Lausanne oder Krakau.

Wie viele Urlaubstage haben Sie?

So viele, wie andere auch, die eine halbe Stelle im öffentlichen Dienst haben. Das kann man googeln.

Halbe Stelle heißt auch halbes Geld. Kann man davon leben?

Ich bin ein Mensch mit ganz geringen Ansprüchen: Ich brauche nur Luft, Liebe und einen Turm. Und genug Geld, um mein Katzenfutter für meine beiden Miezen bezahlen zu können.

Wie lange wollen Sie das denn hier machen?

Für immer. Bis ich aus eigener Kraft diese Stufen nicht mehr schaffe, das meine ich ernst. Sonst hätte ich den Job gar nicht erst angefangen. Ein Türmer wurde ja nicht für drei Monate, sondern für viele Jahre gesucht.

Eine Wahnsinnsverpflichtung.

Mein Vorgänger hat es fast 20 Jahre gemacht, und der vor ihm 37 Jahre lang. Das kann ich toppen, den Ehrgeiz habe ich.

Dann sind Sie gebunden und können nie eine längere Reise machen.

Ich war schon überall, habe schon alles gesehen.

Und wenn Sie Familie haben?

Das steht im Moment nicht zur Debatte. Aber wenn es wider Erwarten passieren sollte, kann man alles organisieren. Es gibt Babysitter und auch Männer, die vielleicht abends gern zu Hause bleiben und aufs Kind aufpassen.

Andere gehen abends ins Theater, ins Kino, in die Disco…

In der Disco ist vor zwölf ja nichts los, habe ich mir sagen lassen. Ins Kino könnte ich vorher gehen. Aber ich habe jeden Dienstag frei, das ist der geballte Kulturtag.

Warum eigentlich dienstags?

Ich wollte mir noch eine schöne Erklärung dafür ausdenken. Aber die Wahrheit ist, dass der Dienstag der – statistisch gesehen – am wenigsten gefragte touristische Tag ist.

Warum kommt in der Türmerbude keine Langeweile auf?

Weil ich zum Beispiel komponiere. Hier gibt es meine Blockflöten, meine Gitarre, eine Mandoline, und ich habe noch ein Schifferklavier. Ich vertone Gedichte, neuerdings gern mit Türmerbezug, weil es mein neues Steckenpferd ist. Ich schreibe auch selber Gedichte. Ich habe mein Studium mit Tanzmusik, Schlager, Jazz, Metal und Pop verdient. Irgendwann wurde mir klar, dass ich das nicht ewig machen wollte. Das ging auf die Knochen.

Demnächst soll es hier oben eine Reisetoilette geben. Haben Sie den Eimer abgelehnt?

Es ist nicht so, dass ich mir gesagt habe, ich möchte jetzt alles anders und neu haben, einen Whirlpool und dass alles pink gestrichen wird. Es gibt die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers und Sicherheit am Arbeitsplatz. Hier ist alles überprüft und für gut befunden worden. Es gibt einen Feuerlöscher und einen Erst-Hilfe-Kasten. Aber die älteren Möbel entsprechen nicht mehr der DIN-Norm, deswegen gibt es nun neue Besucherstühle und auch einen Bürostuhl, weil ich ja von hier oben ganz offiziell den Türmer-Blog betreibe. Im Zuge dessen wurde entschieden, dass auch eine ReiseToilette ohne Chemie kommt. Und es werden auch neue Heizungen kommen. Die haben einen Frostschutzschalter und eine Zeitschaltuhr. Es wird doch arg kalt hier oben.

Der Winter war doch mild.

Angeblich. Ich habe gefroren wie Espenlaub. Es wird hier oben unter null Grad kalt.

Welche Tipps haben Sie von Ihrem Vorgänger bekommen?

Ganz viele. Zum Beispiel, dass man immer darauf achten sollte, dass alle Lampen funktionstüchtig sind, wenn man hinaufgeht. Die Kirche ist nämlich nur bis zur Orgelempore zuständig, darüber die Stadt. Er hat mir natürlich alles zum Tuten beigebracht, wie oft, wie lange, in welche Richtungen.

Bekommen Sie viele Heiratsanträge?

Ach, es gibt den einen oder anderen Liebesbrief und auch Mails. Besonders gefreut habe ich mich über den Liebesbrief eines 83-jährigen Rentners aus München. Der hat mir sogar ein Gedicht geschrieben, weil er auch Lyriker ist und gelesen hat, dass ich auch der Lyrik sehr zugetan bin. Das fand ich rührend. Ich habe ihn gefragt, ob ich es vertonen darf. Daran arbeite ich jetzt.


Martje Saljé ist seit dem 1. Januar 2014 die erste Türmerin der Lambertikirche in Münster. Damit folgte die 33-Jährige dem langjährigen Türmer Wolfram Schulze. Neben ihrem Musik- und Geschichte-Studium wirkte Saljé zuvor in Oldenburg jahrelang in einer Top-40-Band mit. Sie spielt mehrere Instrumente. Als Türmerin ist sie bei der Stadt Münster angestellt. Aus dem höchsten Dienstzimmer der Stadt postet Saljé (der Name stammt aus dem Hugenottischen) auf Facebook und in ihrem Blog Fotos, Erfahrungen und Erlebnisse, die sie über den Dächern von Münster gemacht hat. tac

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