Wahlaufruf von Rainer Höß Schwedisches Video: Nazi-Enkel warnt vor Nazis

Meine Nachrichten

Um das Thema Vermischtes Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Mit einem eindringlichen Video wirbt die Jugendorganisation der schwedischen Sozialdemokraten für die Europawahl. Ihr Protagonist: Rainer Höß, Enkel des früheren Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Er warnt vor dem Erstarken rechtsextremer Parteien in Europa – denn seine Familiengeschichte habe ihn gelehrt, dass Demokratie und Menschenrechte nie als selbstverständlich betrachtet werden dürften. Doch auch Rainer Höß ist nicht unumstritten.

Ein Mann sitzt am Schreibtisch, die Kamera fährt ihm langsam über die Schulter. Wir sehen sein Gesicht nicht, nur sein Auge; er blickt auf alte Schwarz-Weiß-Fotos, die vor ihm auf dem Tisch liegen. „Ich kenne das Verlangen zu vergessen besser als die meisten anderen Menschen“, sagt die Stimme des Mannes auf Englisch aus dem Off. „Es gab Zeiten, in denen ich meine Vergangenheit verleugnen wollte, vorgeben wollte, jemand anders zu sein. Aber wir dürfen unsere Vergangenheit nicht verleugnen, ganz gleich, wie sehr sie auch schmerzt.“

„Mein Großvater war Rudolf Höß“

Während er das sagt, durchstöbert er die Fotos; die Kamera schwenkt über die Dächer Stockholms, im Hintergrund läuft eindringliche Streichermusik. „Denn wenn wir vergessen, wird sich die Geschichte wiederholen“, hören wir weiter. Und: „Ich fürchte, dass dies gerade geschieht.“ Überall in Europa erstarkten derzeit rechtsextreme Parteien, und wenn wir jetzt nichts unternähmen, dann hätten wir nichts gelernt. Und dann stellt der Mann sich vor: „Mein Name ist Rainer Höß, mein Großvater war Rudolf Höß, Nazi-Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz.“

„Never forget – to vote“ heißt die Kampagne, der Rainer Höß sein Gesicht leiht: Vergiss nie – zu wählen. Der schwedische sozialdemokratische Jugendverband, (Sveriges Socialdemokratiska Ungdomsförbund, SSU), das Pendant zu den Jusos, macht mit dem Video Werbung für die Europawahl am 25. Mai – mit der klaren Botschaft, wählen zu gehen, um rechten Parteien Einhalt zu bieten.

Frühere Nazis im Parlament

Die Sorge des SSU ist in Schweden berechtigter denn je, seit der ehemalige Christdemokrat Jimmie Åkesson die einstige Neo-Nazi-Truppe „Schwedendemokraten“ 2010 mit 5,7 Prozent der Stimmen ins Parlament führte. Die Partei, der Experten einen rassistischen Hintergrund bescheinigen, kämpft offen gegen Einwanderung, warnt vor dem Islam, der mit schwedischen Werten nicht zu vereinbaren sei, und stellt Schwedens Mitgliedschaft in der Europäischen Union infrage. Ihr Erfolg bei der Wahl zeigt, dass die lange als tolerant geltende schwedische Gesellschaft sich bei der Integration der Einwanderer offenbar sehr schwer tut. Nicht ohne Grund fürchten die etablierten Parteien ein weiteres Erstarken der Schwedendemokraten bei der nächsten Parlamentswahl im September – die den Europawahlkampf im tendenziell europaskeptischen Schweden ohnehin längst übertönt.

Geld mit Nazi-Devotionalien?

Mit Rainer Höß konnte der SSU nun den Nachfahren eines der prominentesten NS-Verbrecher für das Projekt gewinnen. Höß, der seinen 1947 in Polen hingerichteten Großvater nie kennenlernte, ist allerdings nicht unumstritten. Vor einigen Jahren versuchte er, Fotos und Erinnerungsstücke an die jüdische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu verkaufen. Geld mit Devotionalien eines Nazis verdienen? Die Museumsleitung lehnte entrüstet ab.

Doch als der israelische Journalist Eldad Beck vom geplatzten Deal mit dem Nazi-Nachlass hörte, lud er Höß junior nach Auschwitz ein - den Ort, den Höß nie zuvor besucht hatte. Der israelische Filmemacher Chanoch Ze’evi dokumentierte die Reise im Film „Meine Familie, die Nazis und ich“ und ließ neben Höß unter anderem auch die Großnichten von Hermann Göring und Heinrich Himmler zu Wort kommen. Beck aber, der die Reise eingefädelt hatte und dessen Großvater im Lager umgekommen war, bezweifelte die Echtheit jener Reue, die Höß in Auschwitz an den Tag legte. Bei der Premiere im Juni 2012 kommt es zum Eklat, als Beck Höß vorwirft, das Entsetzen nur gespielt zu haben.

Vergangenheitsbewältigung oder Selbstdarstellung?

Ein Jahr später, 2013 veröffentliche Rainer Höß den Stand seiner Spurensuche als Buch: „Das Erbe des Kommandanten“. Geht es ihm um Vergangenheitsbewältigung oder Selbstdarstellung? Politische Botschaften oder mediale Aufmerksamkeit? Dem SSU dürfte das egal sein, solange seine Botschaft ankommt. Zur Sicherheit haben die Jung-Sozialdemokraten das Video mit Untertiteln in mehreren Sprachen versehen. So kann jeder den „Enkel des Kommandanten“ verstehen.

Sehen Sie hier auch ein schwedisches TV-Interview mit Rainer Höß (auf Englisch).


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN