Allergien und Übergewicht Ist künstliche Babynahrung schädlich für Kinder?

Eine Mutter füttert ihr zwei Wochen altes Baby mit der Milchflasche. Foto: ImagoEine Mutter füttert ihr zwei Wochen altes Baby mit der Milchflasche. Foto: Imago

Osnabrück. Der Medizin-Professor Bodo Melnik sieht in künstlicher Babynahrung eine Ursache für Übergewicht und Allergien. Um die grassierenden Krankheiten der Neuzeit zu stoppen, empfiehlt er: Die Mütter sollen stillen.

„Das gibt Ärger“, ist sich Professor Dr. Bodo Melnik sicher. Vermutlich hat er recht, denn seine Thesen eignen sich bestens dazu, Widerstand hervorzurufen. Melnik, der in Gütersloh eine Dermatologie-Praxis betreibt, sagt: Künstliche Babynahrung ist verantwortlich für einige der schlimmsten Zivilisationskrankheiten, für Übergewicht und Allergien.

Melnik wird seine Thesen an diesem Dienstag beim dritten Kieler Food-Science-Symposium des Max-Rubner-Instituts (MRI) Kollegen aus Forschung und Wissenschaft präsentieren. Sie klingen auch für Laien logisch: Schon länger ist bekannt, dass Übergewicht und Allergien häufig in Kombination auftreten. Auf der Suche nach einer Ursache hat Melnik Forschungsergebnisse von Kollegen ausgewertet. Dabei fand er Überraschendes: „Zum einen hat die Kinderheilkunde in den letzten Jahren bereits bewiesen, dass künstliche Säuglingsnahrung mit zu hohem Eiweißgehalt zu Übergewicht bei Kindern führt. Die Kinder wachsen einfach zu schnell.“ Zum anderen steht rasches Wachstum auch im Zusammenhang mit Allergien.

Stillen in der Öffentlichkeit: Die Brust des Anstoßes

Der Schuldige im Organismus, den Melnik identifizierte, heißt mTORC1 und ist ein Enzym. In der Zelle fungiert es als „Schaltstelle des Zellwachstums“, erklärt Melnik. Und das, was mTORC1 in Aktion bringt, ist eben Eiweiß, genauer die Verfügbarkeit von Aminosäuren. Bekommt also ein Baby dank der künstlichen Babynahrung reichlich davon, wird mTORC1 aktiv und sorgt für das Zellwachstum. Fatalerweise legen die Säuglinge nicht nur blitzschnell an Größe und Gewicht zu, sondern auch das Fettgewebe sprießt. „Das sind die Fettzellen, die man zeitlebens nicht mehr loswird“, sagt Melnik.

Fettzellen sind das eine. Das Problem der Allergien hängt aber offenbar auch mit mTORC1 zusammen, so der Hautarzt. Der Wachstumsbeschleuniger hemme zugleich den Aufbau von wichtigen Zellen, nämlich solchen, die allergische Reaktionen in Schach halten, so Melnik. Diese Zellen sind die sogenannten regulatorischen T-Zellen. „Allergiker weisen einen Mangel daran auf“, erklärt Melnik. „Bemerkenswerterweise hemmt eine überhöhte Aktivität von mTORC1 die Reifung dieser wichtigen regulatorischen Immunzellen“, so Melnik.

Eiweißreiche Babynahrung kann Kinder dick machen

Kurz gefasst stellt Melnik damit folgende These auf: Künstliche Babynahrung bedeutet zu viel Eiweiß, zu viel Eiweiß lässt das Enzym mTORC1 überaktiv werden, was zu mehr Fettzellen und weniger Anti-Allergie-Zellen bei den Babys führt. „Wir programmieren unsere Kinder damit auf Fettleibigkeit und Allergien. Und das tun wir seit 100 Jahren“, beklagt Melnik, denn so lange gibt es künstliche Babynahrung.

Die Lösung dieses Dilemmas liegt laut Melnik auf der Hand: „Die Kinder sollten gestillt werden, mindestens ein halbes Jahr lang, besser ein Jahr.“ Die Muttermilch sei erfolgreiches Ergebnis einer fast zwei Millionen Jahre alten Evolution der Säuglinge, sie habe die perfekte Zusammensetzung. „Stillen schützt vor Übergewicht und Allergien“, sagt Melnik.

Die Langzeitschäden der künstlichen Babynahrung träten derweil immer deutlicher ans Licht, bedauert der Arzt. Es sei schon „sehr verwunderlich“, so Melnik, „warum wir unseren Instinkt verloren haben und nicht mehr unserem evolutionsbiologisch über Jahrmillionen gereiften eigenen Signalsystem, der Muttermilch, das gebührende Vertrauen entgegenbringen“.

Seit Jahr und Tag arbeiten Forscher daran, künstliche Babynahrung immer perfekter zu machen. Dass Melnik mit seinen Erkenntnissen bei ihnen und bei den mächtigen Hersteller-Konzernen nicht auf Gegenliebe stößt, weiß Melnik. „Das halte ich aus“, sagt der 58-Jährige.

Er kennt den Gegenwind. Vor zwei Jahren machte er mit seiner These Furore, zu viel Milch schade der Gesundheit . Auch da gab es Widerspruch. So zweifelt etwa das MRI: „Allerdings konnte diese Hypothese bis jetzt nicht beim Menschen bestätigt werden“, formuliert es etwa das Institut. Auch reklamierten viele Kollegen Beweise. „Wir haben quasi 100 Jahre Feldversuche am Menschen gemacht, indem wir ihm künstliche Babynahrung gegeben haben“, sagt Melnik zu seinen neuesten Erkenntnissen.

Ist Melnik ein Spinner, der einer kruden These nachjagt? Kaum. Denn das MRI hat ihn erneut zum Symposium eingeladen. Überhaupt bitten ihn bedeutende Forschungseinrichtungen, seine Thesen vorzustellen, jüngst kam eine Einladung der Harvard University.Auch ausgezeichnet wurde Melnik schon, unter anderem mit dem renommierten Felix-Hoppe-Seyler-Preis der deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (1989). Auch veröffentlicht der streitbare Mediziner seine Ergebnisse in aller Welt, vom deutschen Ärzteblatt bis hin zu internationalen Fachblättern zu den Themen Übergewicht, Diabetes oder Allergien.

Eine Besonderheit bei Melniks Forschungen ist sicher, dass er nicht selbst Versuche anstellt, um seine Thesen zu belegen, sondern sich der Erkenntnisse anderer bedient. „Ich brauche keine eigenen Experimente, es gibt genug“, sagt er, und präsentiert eine Reihe von Diagrammen, etwa Wachstumskurven von Kälbern oder Rhesusäffchen.

Getriebener in dieser Sache

Der Hautarzt und Allergologe, ist ein Getriebener in dieser Sache. Leidenschaftlich erklärt er, führt aus, formuliert neu – auf dass seine Botschaft ankomme. „Die Mütter müssen wieder zum Stillen kommen“, fordert er. Der Schlüssel dazu sei Information.“ Ohne Informationen können junge Mütter nicht einschätzen, was wirklich gut für ihr Kind ist“, sagt er. Auch Hebammen seien eine zentrale Stelle, auf die er seine Hoffnungen lege. Mit vielen stehe er bereits in gutem Kontakt. Man müsse die „Ernährung als Programm“ verstehen, sagt er. Säuglinge und Kinder hätten ein Recht darauf, die für sie beste Ernährung zu bekommen. „Doch Babys können nicht selbst entscheiden, also liegt alles bei der Mutter“, so Melnik.

„Ich glaube nicht, dass eine Mutter wirklich möchte, dass ihrem Kind die Veranlagung zum Dicksein einprogrammiert wird“, sagt Melnik. Aber hat der Arzt, der zudem Lehrbeauftragter an der Universität Osnabrück für Dermatologie, Umweltmedizin und Gesundheitstheorie ist, nicht Sorge, arbeitslos zu werden? Denn wer keine Allergien hat, benötigt ja keine Fachärzte mehr. „Nein“, sagt Melnik und lacht. „Ich fürchte, so schnell findet der Erkenntnisprozess nicht statt.“


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