Neue Kultur der Erinnerung gefragt Historiker Janz: Globalisierung schützt nicht vor Krieg


Berlin. Der Erste Weltkrieg spielt in der Erinnerung keine große Rolle. Der Berliner Historiker Oliver Janz fordert deshalb eine neue Erinnerungskultur.

lü Berlin. Der Erste Weltkrieg ist ein globaler Krieg. Das gilt für seine bislang unterschätzte lange Dauer und für das Gedenken an den Krieg. Der Berliner Historiker Prof. Dr. Oliver Janz fordert eine neue Erinnerungskultur zum Ersten Weltkrieg.

Sie weisen darauf hin, dass dieser Krieg ein langer und globaler Krieg war. Wie müssen wir den Krieg sehen?

Der Erste Weltkrieg ist in der Tat ein langer und globaler Krieg. Er ist zunächst einmal ein gesamteuropäischer Krieg. Unser Bild des Krieges ist nach wie vor stark von der Westfront geprägt. Einer breiteren Öffentlichkeit ist nicht mehr bewusst, dass Osteuropa noch wesentlich stärker in Mitleidenschaft gezogen worden ist als der Westen des Kontinents. Es gab dort keine neutralen Staaten wie im Westen und Norden Europas. Dort waren alle Staaten im Krieg. Die Verluste der Armeen fielen noch höher als im Westen aus. Zudem waren die Opfer unter der Zivilbevölkerung ungleich größer. Dies war vor allem der Tatsache geschuldet, dass der Krieg hier viel stärker Bewegungskrieg war und sich die Fronten oft verschoben. Dies führte zu Vertreibungen und Deportationen. Wer noch den Nahen und Mittleren Osten hinzunimmt, kommt zu einer noch eindeutigeren Bilanz. Ich verweise nur auf den Völkermord an den Armeniern, der allein eine Million Opfer gefordert hat.

Dieser Völkermord ist nie in das allgemeine Bewusstsein gedrungen, oder?

Richtig. Vor allem wird er nicht als Teil des Ersten Weltkrieges wahrgenommen. In der Erinnerung bleibt es ein Ereignis für sich, das nicht mit dem Kriegsgeschehen in Verbindung gebracht wird. Es gibt aber auch an anderen Orten Gewalt gegen Zivilisten, vor allem gegen ethnische Minderheiten, die gerade in multinationalen Reichen immer wieder verdächtigt werden, mit dem Feind in Verbindung zu stehen. Die Armenier wurden verdächtigt, auf der Seite der Russen zu stehen. Ein anderes Beispiel liefert das russische Reich mit der Gewalt gegen Juden oder Deutsche. Wenn man den Blick in Richtung auf Osteuropa, Südosteuropa und den Nahen und Mittleren Osten richtet, dann wird deutlich, dass sich die konventionellen Periodisierungen relativieren. Das betrifft vor allem das Ende des Krieges. Dieses Datum macht für Osteuropa und das Osmanische Reich keinen Sinn. An den Krieg schließen sich hier Folgekonflikte an, die in einigen der betroffenen Länder wahrscheinlich mehr Opfer als der Erste Weltkrieg gefordert haben. Dazu gehören der russische Bürgerkrieg und der türkische Unabhängigkeitskrieg, die erst 1923 enden. Es gibt eine ganze Menge weiterer Konflikte nach 1918, vor allem Grenzkonflikte in Osteuropa. Einige Historiker reden daher nicht mehr vom „Großen Krieg“, vom „Great War“, sondern vom „Greater War“.

Stehen aktuelle Konflikte, wie wir sie jetzt in Syrien und der Ukraine erleben, mit diesem langen Kriegsgeschehen in Verbindung?

Die Folgen des Ersten Weltkrieges sind im ganzen Nahen und Mittleren Osten bis heute zu spüren. Das locker gefügte, multiethnische Osmanische Reich wurde von den Siegern in Mandatsgebiete aufgeteilt - von Jordanien bis zum Irak - aus denen sich dann eigenständige Staaten entwickelt haben. Diese Aufteilung in staatliche Gebilde hat sich als nicht sehr tragfähig erwiesen. Andere Loyalitäten, vor allem ethnischer und religiöser Art, sind offenbar in diesem Raum langfristig stärker als nationale. Das gilt besonders dann, wenn staatliche Instanzen versagen.

Ist der Erste Weltkrieg vor allem für sich zu betrachten oder ist er nur ein Teilstück mehrerer Jahrzehnte schwerer Konflikte?

Man kann nicht leugnen, dass der Zweite Weltkrieg nicht ohne den Ersten zu verstehen ist. Ich würde die beiden Kriege aber nicht zu eng verkoppeln. Ab Mitte der zwanziger Jahre gibt es in Deutschland eine Phase der Stabilisierung. Erst mit der Weltwirtschaftskrise beginnt der eigentliche Aufstieg des Nationalsozialismus. Erst in den dreißiger Jahren beginnen der italienische Faschismus, der Nationalsozialismus und der japanische Imperialismus in größerem Stil die Nachkriegsordnung in Frage zu stellen und kriegerisch zu agieren. Zwischen 1923 und dieser Zeit liegt eine über zehn Jahre dauernde Phase der relativen Ruhe. Es gibt keinen direkten Weg vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg. Ich bin ein Anhänger der These vom langen Ersten Weltkrieg, der mindestens von 1914 bis 1923 dauert. Ich würde ihn aber auch schon früher beginnen lassen. Ab 1911 gibt es eine ununterbrochene Kette von Krisen und Kriegen an der europäischen Peripherie. Wir haben die Marokkokrise, auf diese folgt die italienische Invasion Libyens, die das Osmanische Reich destabilisiert. Daraufhin fühlen sich die Balkanstaaten ermutigt, gemeinsam gegen das Osmanische Reich vorzugehen und es aus Europa zu verdrängen. Das geschieht in den beiden Balkankriegen, die wiederum recht direkt in den Weltkrieg führen. Schon vor 1914 sehen wir also eine Folge von Konflikten, so dass der Erste Weltkrieg eigentlich schon 1911/12 beginnt. Das wäre eine neue Periodisierung. In globaler Hinsicht könnte man den Beginn des Weltkriegs sogar noch früher ansetzen - nämlich mit den Kriegen, die den Aufstieg der neuen Großmächte USA und Japan markieren. Dazu gehören der chinesisch-japanische Krieg 1894/95 und der japanisch-russische Krieg 1904/05. Japan wird damit zu einer Vormacht in Ostasien. Hinzu kommt der Kriege der USA gegen Spanien 1899. Diese markieren die Globalisierung des Mächtesystems und leiten den Niedergang Europas ein, der sich mit dem Ersten Weltkrieg verstärkt. Europa ist am Ende des Ersten Weltkrieges nicht mehr Zentrum der Welt. All das beginnt Mitte der Neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts. In globaler Hinsicht ist der Erste Weltkrieg daher in die Koordinaten 1894/95 und 1923 einzuordnen.

Dann ist der Erste Weltkrieg nur eine Etappe dieses größeren Geschehens?

Richtig. Aus globaler Sicht wäre der Erste Weltkrieg nur eine Etappe, allerdings eine entscheidende. Er ist ein globaler Krieg vor allem deshalb, weil außereuropäische Mächte in ihn eintreten. Dazu gehören Japan, das Osmanische Reich und die USA sowie einige lateinamerikanische Staaten. Hinzu kommt die Beteiligung der britischen Dominions (Australien, Neuseeland, Kanada, Südafrika). Alle diese Staaten verfolgen im Ersten Weltkrieg auch ihre eigene Agenda. Sie benutzen den Krieg für ihre Zwecke und docken ihre Interessen und ihre regionalen Konflikte an.

Wir erleben im Ersten Weltkrieg ja eine enorme technische Innovation, zudem Luftkrieg und Übergriffe gegen Zivilisten...

Wir assoziieren diese Erscheinungen stark mit dem Zweiten Weltkrieg. Den Ersten sehen wir als Krieg der Soldaten, den Zweiten als einen Krieg, in dem auch die Zivilisten stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Dies ist jedoch schon im Ersten Weltkrieg im erheblichen Umfang der Fall. Der Erste Weltkrieg ist überdies waffentechnisch viel dynamischer als der folgende Weltkrieg - einmal abgesehen von der Atombombe, die den Zweiten Weltkrieg binnen weniger Tage definitiv beendet. Der Zweite Weltkrieg ist ansonsten technologisch eher stabil. Panzer, motorisierte Verbände, Flugzeuge - das alles ist von Anfang an da. Im Ersten Weltkrieg ist das Maschinengewehr von Anfang an da. Aber die Panzerwaffe wird erst entwickelt, ebenso wie die Gaswaffe. Am Ende wird fast jedem Artilleriegeschoss Gas beigemischt, was den Artilleriekrieg völlig verändert. Das Flugzeug entwickelt sich dynamisch weiter, bis hin zum Bombenkrieg. Das alles führt zu neuen Taktiken, die 1918 erprobt werden. Es kommt zu hoch mobilen und flexiblen Formen der Kriegsführung. Der starre, massierte Frontalangriff wird gegen Ende immer weniger praktiziert. Die Lernkurve verläuft im Ersten Weltkrieg enorm steil.

Die Fischer-Kontroverse von der deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg hat seinerzeit die Sicht auf den Krieg stark geprägt. Wie weit führt heute die Frage nach der Kriegsschuld?

Es ist die Frage, ob der Begriff der Schuld überhaupt sinnvoll ist und ob nicht eher von Verantwortung gesprochen werden sollte. Der Krieg war 1914 als legitimes Mittel der Politik noch nicht geächtet. Es gibt inzwischen einen weitgehenden Konsens unter den Historikern, dass keine Macht den großen Krieg 1914 unbedingt wollte, auch das Deutsche Reich nicht. Alle Mächte haben vor 1914 dazu beigetragen, politischen Zündstoff anzuhäufen. Italien destabilisiert das Osmanische Reich, Russland will die Meerengen. Frankreich und Großbritannien fallen ihnen nicht in den Arm. Es ist nicht nur die auftrumpfende Weltmachtpolitik des Deutschen Reiches, die hier Wirkung entfaltet. Die Frage ist nur, wer den Zündstoff dann zur Explosion bringt. Viele Historiker sind weiter der Meinung, dass Deutschland hier eine größere Verantwortung als andere Staaten trägt. Es war fatal, Österreich den Blankoscheck zu einem harten Vorgehen gegen Serbien auszustellen. Deutschland hat Österreich keine Grenzen gesetzt. Zudem kalkuliert die deutsche Reichsleitung den Krieg als Möglichkeit ein. Der Konflikt wird riskiert. Man will den Konflikt lokalisieren und hofft darauf, Frankreich und Russland auseinanderdividieren und den Ring der „Einkreisung“ sprengen zu können. Falls dies nicht gelingt, will man den Krieg an zwei Fronten lieber früher als später führen, weil man glaubt, ihn schon in wenigen Jahren nicht mehr gewinnen zu können. Die deutsche Reichsleitung unterwirft sich Ende Juli überdies ganz dem Schlieffenplan und damit einer rein Logik. Damit wird die Tür für Verhandlungen in letzter Minute zugeworfen. So ist eine erhebliche Mitverantwortung Deutschlands gegeben. Christopher Clark („Die Schlafwandler“) dagegen gibt den westlichen Mächten eine Mitschuld dafür, dass sich der Konflikt nicht lokalisieren ließ und die seiner Meinung nach berechtigten Interessen Österreichs nicht berücksichtigt wurden. Jeder entwickelt einen Tunnelblick. Insgesamt kann von einer Alleinschuld Deutschlands nicht die Rede sein. Im Hinblick auf die Erinnerung ist die Schuldfrage nicht unproblematisch, weil sie leicht in nationale Narrative und einseitige Schuldzuweisungen hineinführt. Die Aufgabe ist viel eher, eine gemeinsame Erinnerung an diesen Krieg zu ermöglichen. Da hilft der Blick auf die Folgen des Krieges schon eher.

Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg hat in Deutschland im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien lange Zeit keine Rolle gespielt. Woran liegt das und welche Konsequenzen hat das?

Erinnerung hat viel mit Identität zu tun. Bislang sind unsere Identitäten immer noch stark national geprägt. Wir brauchen aber auch eine europäische Erinnerung, gerade auch im Hinblick auf Osteuropa. Das ist gerade jetzt wichtig, da die Gefahr besteht, dass sich Teile Osteuropas vom europäischen Haus abwenden. Ich glaube, dass transnationale Erinnerung möglich ist. Das sehe ich gerade im europäischen Maßstab. Diese Form der Erinnerung basiert auf Empathie, auf dem Mitgefühl für die Leiden anderer. Das funktioniert unabhängig von der nationalen Zugehörigkeit. Die Trauer über das unnötig vergossene Blut, der Blick für die Traumata gehen über Grenzen hinweg. Sie sind die Basis für eine transnationale Erinnerung. Die Frage der Schuld führt eher in die entgegengesetzte Richtung.

Wie sieht es mit nationalen Unterschieden der Erinnerung aus?

Leider gibt es derzeit noch sehr starke Unterschiede in der Erinnerung. In Frankreich und Großbritannien ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg sehr stark. Im Ersten Weltkrieg hatten diese Länder mehr Gefallene zu beklagen als im Zweiten Weltkrieg. In Deutschland ist das genau anders herum. Für Frankreich ist der Erste Weltkrieg deshalb so wichtig, weil er ein klarer Sieg und ein gerechter Verteidigungskrieg war. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist in Frankreich durch die verblüffende Niederlage und das kompromittierende Verhalten des Vichy-Regimes sehr viel komplizierter. Deshalb eignet sich der Erste Weltkrieg in Frankreich sehr viel besser für eine positive Identifikation. In Deutschland ist der Erste Weltkrieg in der Erinnerung vom Zweiten Weltkrieg und vom Holocaust überlagert worden. Die Deutschen brauchen den Ersten Weltkrieg für ihr nationales Narrativ eigentlich nicht. Diese Erzählung ist ganz auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust konzentriert. Diese Erzählung läuft auf das Eingeständnis größter Verbrechen, aber auch auf weitgehende Läuterung hinaus. Deutschland ist danach sozusagen Erinnerungsweltmeister geworden. Der Erste Weltkrieg wird dafür nicht gebraucht. Der Blick auf diesen Krieg verunklärt dieses Narrativ eher, weil die Frage nach der Schuld hier nicht so eindeutig zu beantworten ist.

Was trägt die Traumaforschung zur Klärung von Fragen nach Erinnerung in der Geschichte bei?

Sie zeigt, dass die Erinnerung an Kriege auf der privaten Ebene vor allem von der Trauer um gefallene Söhne, also erwachsene Kinder geprägt ist. Deutlich wird vor allem, wie lange diese Trauer anhält. Die Traumaforschung hat Belastungsskalen entwickelt. Die Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass der Verlust erwachsener Kinder das maximale Trauma schlechthin darstellt. Solche Ergebnisse der psychologischen Forschung erklären die Endlosigkeit der Trauer um gefallene Söhne. Diese Trauer kann sich im öffentlichen Raum aber ganz unterschiedlich artikulieren. Es gibt keine automatischen Brücken zwischen privater Trauer und öffentlichem Gedenken. Dieses private Gedenken kann andocken an öffentliches Erinnern. Probleme gibt es, wenn dieses Erinnern nicht ermöglicht wird. In der Zwischenkriegszeit gab es ein solches Erinnern, vor allem dadurch, dass die Gefallenen heroisiert wurden. Das leistete allerdings auch der Vorbereitung neuer Kriege Vorschub. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Situation anders. Die Trauer um die Gefallenen blieb eher privat. Mitunter äußert es sich aber auch heute noch in Todesanzeigen für deutsche Gefallene des Zweiten Weltkriegs, etwa in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Zeigt die Geschichte der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, wie wichtig es ist, Erinnerung möglichst als Konsens zu gestalten?

Das Erinnern ist eine Gestaltungsaufgabe, die im öffentlichen Raum zu bewältigen ist. Gesellschaften brauchen einen Minimalkonsens über ihre Geschichte, weil sie sonst in einem zentralen Punkt ihrer Identität im Konflikt miteinander liegen. Im schlimmsten Fall ist dann eine Art symbolischer Bürgerkrieg vorprogrammiert. Die Weimarer Republik ist ein Lehrbeispiel dafür, welche Folgen das haben kann. Auf der anderen Seite dürfen und müssen moderne Gesellschaften auch eine gewisse Pluralität und Reflexivität von Erinnerung zulassen. Es darf kein Identitätsdiktat geben. So gibt es eine zentrale Erinnerung an die Verbrechen, die im Namen des nationalsozialistischen Deutschland begangen wurden. Es darf aber auch eine Erinnerung geben an jene Vorgänge, in denen Deutsche Opfer wurden. Ich denke dabei an Bombenkrieg, an Flucht und Vertreibung. Dadurch darf das zentrale Narrativ natürlich nicht zugunsten eines deutschen Opfermythos ausgehebelt werden. So ist auch an den Ersten Weltkrieg zu denken, ohne den die Geschichte der letzten hundert Jahre nicht zu verstehen ist. Auch der Erste Weltkrieg sollte besser als bisher in unsere Erinnerungskultur integriert werden.

Wie verändert das Gedenkjahr 2014 das Gedenken an den Ersten Weltkrieg?

Die Lehren aus der Geschichte müssen Politiker und Pädagogen ziehen. Als Historiker zögere ich da. Der Blick auf den Ersten Weltkrieg kann sensibel machen für Fragen der Konfliktvermeidung und Kriegsverhinderung. Der Vorgang zeigt, dass Frieden in Europa nicht einfach gegeben ist, sondern immer wieder erarbeitet werden muss. Frieden kann schnell leichtsinnig verspielt werden, wenn die entscheidenden Akteure nicht genug Empathie für die andere Seite aufbringen. Wichtig sind auch übernationale Mechanismen der Konfliktregelung. Heute gibt es diese Mechanismen. Das ist ein entscheidender Unterschied zu 1914. Außerdem sollte der Krieg als Mittel der Politik ausgeschlossen werden. Der Erste Weltkrieg ist zudem eine Erfahrung, die die Europäer verbindet. Es gibt keinen anderen Kontinent, der über eine solch dichte Kriegserfahrung im 20. Jahrhundert verfügt und dadurch in die Katastrophe gestürzt worden ist. Die Europäer haben aber auch gemeinsam lernen können. Auf dieses Lernen kommt es besonders an. Letztlich bleibt die Lehre, wie unsinnig und grausam Kriege im technologischen Zeitalter sind. Der Zweite Weltkrieg fügt dem nichts hinzu. Es ist der Erste Weltkrieg, der diese Lehre bereits erteilt. Weiter sehen wir, wie globalisiert die Welt schon 1914 war und wie schnell sich der Krieg deshalb ausbreiten konnte. Auch globale Vernetzung, welcher Art auch immer, ist kein Allheilmittel gegen Krieg.


Oliver Janz: Buch zum Ersten Weltkrieg

War der Erste Weltkrieg wirklich 1918 zu Ende? Und wurde vor allem an der Westfront gekämpft? Beide Fragen beantwortet der Berliner Historiker Prof. Dr. Oliver Janz mit einem klaren Nein. Der Professor für Neuere Geschichte holt den Großen Krieg aus seinen gewohnten Grenzen und macht ihn erst damit als Urkatastrophe des Jahrhunderts voll kenntlich. Nach Janz hat der Krieg vor 1914 schon begonnen und zum Teil bis in die Zwanzigerjahre gedauert. Außerdem ist er in der Sicht von Janz als globaler Konflikt neu zu bewerten. Der Historiker zeigt in seinem 2013 erschienenen Buch ungewohnt große Dimensionen des Ersten Weltkriegs auf. Damit verändert sein Buch die gewohnte Sicht auf den Krieg. Aber auch darüber hinaus ist der Band mit Gewinn und Genuss zu lesen – als konzise Gesamtdarstellung aus der Feder eines ausgewiesenen Weltkriegs-Experten. lü

Oliver Janz: 14. Der große Krieg. 415 Seiten. Campus Verlag. Frankfurt/M. 24,99 Euro.

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