Massaker überlebt Utøya-Opfer will zum Eurovision Song Contest

Von André Anwar

Gedenken an das Massaker auf Utøya im Juli 2011. Foto: dpaGedenken an das Massaker auf Utøya im Juli 2011. Foto: dpa

Stockholm. Der 21-jährige Mo hat vor drei Jahren das Massaker auf Utøya überlebt. Jetzt will er Norwegen beim Eurovision Song Contest vertreten.

Mohamed „Mo“ Abdi Farah hatte Glück. Er schwamm im günstigen Winkel raus ins Wasser und wurde von einem Boot gerettet, als Anders Breivik vor knapp drei Jahren mit systematischer Ruhe die Insel Utøya abschritt und mit Kopfschüssen seine Opfer hinrichtete . Nun schaut der damals 19-Jährige nach vorne.

Heilung braucht Zeit

Breivik begründete den Mord an 69 zumeist noch jungen Sozialdemokraten damals damit, dass deren Partei so viele Muslime ins Land gelassen habe. Mohameds bester Freund, Ismail Hajoi Ahmed, gehört zu denen, die das Massaker nicht überlebten. „Du hast Freunde. Und dann hast du jemanden, der dein bester Freund ist. Das war er“, sagt Mo. Viele Überlebende kommen auch heute nicht klar mit den Ereignissen des Sommers 2011. Sie sind krankgeschrieben. Auch Mo leidet seitdem an posttraumatischen Belastungsstörungen.

Seine Sängerkarriere hatte er bereits vor jenem Sommer begonnen, als er ins Halbfinale der Talentshow X-Factor kam. Dann hörte man nichts mehr von ihm. Nun will er Norwegen beim Eurovision Song Contest (ESC) in Kopenhagen mit seiner Elektropop-Ballade „Heal“ vertreten. Er will damit sich selbst und seiner erschütterten Nation helfen, den Horror zu verarbeiten.

Über das Massaker selbst redet er nicht gern. Aber über den Bewältigungsprozess schon. „Im Stück geht es darum, zu akzeptieren, dass Heilung Zeit braucht. Ich will den Menschen sagen, dass sie nicht aufgeben dürfen“, sagt der Sänger. Sein ESC-Beitrag und die der anderen norwegischen Bewerber werden am Mittwoch veröffentlicht. Der junge Mann muss sich gegen 14 Mitbewerber durchsetzen, um zum Finale nach Kopenhagen reisen zu dürfen.

Sieg würde rechtes Spektrum ärgern

Für den 21-Jährigen mit den himmelblauen Kontaktlinsen war der Weg ins Showgeschäft auch ohne das Massaker länger als für andere. Seine Kindheit verbrachte Mo mit seiner Mutter in einem Asylbewerberheim für die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Somalia. Mit sieben Jahren lernte er dort seinen verstorbenen besten Freund kennen. Sie malten sich eine Karriere als Tänzer und Sänger aus, verkleideten sich als Stars und übten. Beide hatten einiges zu vergessen. Mohammeds Vater wurde 1994 in der alten Heimat ermordet. Mutter und Sohn flohen mit Menschenschmugglern, denen sie 3500 Euro gaben, aus Mogadischu nach Norwegen. Ein reiches Land, das Somaliern bekannt war, weil es bereits viele Flüchtlinge aufgenommen hatte und sie gut behandelte.

Ob Mo es zum Eurovision Song Contest schafft, bleibt bis zur Landeswahl am 15. März offen. Erst im Herbst wählte Norwegen eine Regierung, an der die einwanderungsfeindliche Fortschrittspartei beteiligt ist. Breivik war dort einst aktives Mitglied. Mo mit seinem somalisch-muslimischen Ursprung als Vertreter Norwegens durchzusetzen, würde „die richtigen Leute in Norwegen ärgern“, umschreibt es ein norwegischer Kulturjournalist. Und jenseits des rechten Spektrums ist die Anhängerschaft des 21-Jährigen groß und engagiert.

2009 zuletzt gewonnen

Der ESC 2014 findet vom 6. bis 10. Mai in Kopenhagen statt. Im Vorjahr gewann die Dänin Emmelie de Forest das Finale mit dem Lied „Only Teardrops“ im schwedischen Malmö. Die Norwegerin Margaret Berger erreichte mit ihrem Beitrag „I Feed You My Love“ immerhin den vierten Platz. Nachdem Finnland, Schweden und Dänemark den ESC gewonnen haben, erhofft sich Norwegen nun auch wieder, einen ersten Platz zu holen. Norwegen konnte bisher dreimal den Eurovision Song Contest gewinnen. 1985 mit den Bobbysocks und „La det swinge“, 1995 mit der Gruppe Secret Garden und deren Lied „Nocturne“ sowie 2009 mit Alexander Rybak und dessen Beitrag „Fairytale“.


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