Debatte in den Niederlanden Sterbehilfe auch bei psychischer Erkrankung?

Von Helmut Hetzel

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Per Giftspritze starb eine 35-jährige Niederländerin – auf eigenen Wunsch. Sie war psychisch krank, körperlich aber völlig gesund. Symbolbild: ImagoPer Giftspritze starb eine 35-jährige Niederländerin – auf eigenen Wunsch. Sie war psychisch krank, körperlich aber völlig gesund. Symbolbild: Imago

Den Haag. Die Niederlande waren vor zwölf Jahren das erste Land der Welt, das die aktive ärztliche Sterbehilfe gesetzlich regelte. Doch nun schockt ein Fall von aktiver ärztlicher Sterbehilfe das Land: Eine 35-jährige Niederländerin, die psychisch krank, körperlich aber völlig gesund war, starb mithilfe eines Arztes.

Die 35-Jährige litt an einer Psychose. Obwohl sie körperlich völlig gesund war, wollte sie sterben. Doch ihr Hausarzt wollte ihr den Sterbewunsch nicht erfüllen. Er hielt die Frau für heilbar, war zugleich aber davon überzeugt, dass sie unerträglich leidet. Mit dieser Einschätzung war eine der gesetzlich vorgeschriebenen Bestimmungen für aktive ärztliche Sterbehilfe erfüllt.

Der Hausarzt musste jedoch – so schreibt es das Sterbehilfegesetz in den Niederlanden vor – noch mindestens eine zweite Meinung einholen. Er zweifelte. Er wollte sehr sorgfältig sein. Er zog nicht einen, sondern drei weitere (Fach-)Ärzte hinzu, um mit den Kollegen den Fall der 35-jährigen Patientin zu besprechen und zu analysieren. Die anderen drei Ärzte waren und sind Mitglieder der Ärzteorganisation „Steun en Consultatie bij Euthanasie in Nederland“ – Unterstützung und Beratung bei Euthanasie in den Niederlanden.

Tödliche Injektion

Zwei der nun insgesamt vier Ärzte, die sich mit dem Fall und dem Sterbehilfeersuchen der psychisch kranken Frau befassten, kamen zu dem Schluss, dass die Krankheit der Frau unheilbar sei. Die beiden anderen Ärzte verneinten das. Unter ihnen war auch der Hausarzt, der die 35-Jährige schon lange behandelte. Er war nach wie vor überzeugt, seine Patientin könnte geheilt werden.

Am 19. Dezember 2012 wurde der Frau von einem Arzt, der sie in einer psychiatrischen Klinik in Maastricht behandelte, die tödliche Injektion zugedient. Sie starb.

Der Hausarzt, der die psychisch kranke Frau von allen vier Ärzten, die sich mit dem Fall befassten, wohl am besten kannte, ging nun an die Öffentlichkeit. Er berichtete der Tageszeitung „Trouw“ von der in seinen Augen sehr fraglichen ärztlichen Sterbehilfe seines Kollegen – nachdem die zuständige „Euthanasie-Kommission“ zu dem Urteil gekommen war, es sei „sorgfältig“ gehandelt worden. Denn das ist ein weiterer Teil der niederländischen Gesetzgebung zur ärztlichen Sterbehilfe: Jeder Arzt, der aktive Sterbehilfe leistet, ist verpflichtet, dies zu melden. Eine Ärztekommission überprüft dann, ob sorgfältig und gesetzeskonform gehandelt wurde.

Diese Ärztekommission aber scheint den Hausarzt, der gegen die Sterbehilfe seiner Patientin war, sehr herablassend behandelt zu haben. „Sie haben mich mindestens 15 Mal gefragt, ob ich überhaupt eine Ahnung von psychischen Krankheiten habe“, sagte der Arzt der „Trouw“. Nun klagt er gegen die „Euthanasie-Kommission“.

Untersuchungskommission soll Fall prüfen

Inzwischen hat sich auch die Haager Regierung in den heftig umstrittenen Sterbehilfe-Fall eingeschaltet. Das Gesundheits- und das Justizministerium wollen eine spezielle Untersuchungskommission einsetzen, die prüfen soll, ob im Fall der 35-jährigen Frau von allen beteiligten vier Ärzten sorgfältig und gesetzeskonform gehandelt wurde oder nicht.

Es ist der erste Fall dieser Art, seit es in den Niederlanden die gesetzliche Sterbehilferegelung für Ärzte gibt. Er ist besonders sensibel und speziell, weil bei psychisch kranken Personen nicht davon ausgegangen werden kann, dass sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind. Denn auch das schreibt das niederländische Sterbehilfegesetz ausdrücklich vor: Ein Patient muss bei vollem und klarem Bewusstsein, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, eine selbstständige Willenserklärung abgeben können, dass er sterben möchte.

Es scheint so, dass dies bei der psychisch kranken, aber körperlich völlig gesunden Frau nicht der Fall gewesen ist.


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