Mit dem Büro um die Welt Digitale Nomaden machen das Reisen zu ihrem Lebensinhalt

Arbeiten am Strand: Digitale Nomaden verdienen ihr Geld ortsunabhängig. Foto: ImagoArbeiten am Strand: Digitale Nomaden verdienen ihr Geld ortsunabhängig. Foto: Imago

Osnabrück. Strand statt Büro, zum Feierabend an die Poolbar statt in die Kneipe, Sonne statt deutsches Durchschnittswetter – was sich die meisten nur im Urlaub gönnen, haben abenteuerlustige Weltenbummler längst zu ihrem Alltag gemacht.

Sie nennen sich „digitale Nomaden“ und arbeiten dort, wo andere Ferien machen. Das Internet macht’s möglich.

Ein digitaler Nomade arbeitet ortsunabhängig und benötigt in der Regel nur eine stabile Internetverbindung, sei sie nun in Berlin, Hongkong oder auf Madagaskar. Auch Conni Biesalski hat sich für ein Nomadenleben entschieden, sie hat 40 Länder auf sechs Kontinenten bereist. In ihrer Heimat, einer bayerischen Kleinstadt, fiel der 30-Jährigen schon früh die Decke auf den Kopf. Schon mit 15 brach Biesalski zum ersten Mal in die weite Welt auf und verbrachte ein Austauschjahr in den Vereinigten Staaten. Mit 27 Jahren, so erzählt sie auf ihrer Website, ging sie in einer Berliner PR-Agentur erstmals einer „geregelten“ Arbeit nach. „Ich hasse Büros. In jeglicher Form“, erklärt die 30-Jährige. Die Eintönigkeit des Alltags, das Wochenende als einziger „Rettungsanker“ – Biesalski fühlte sich nicht wohl mit dem „normalen“ Leben. „Angestellt sein bedeutet für mich, für einen Traum eines anderen zu arbeiten, aber nicht an meinem eigenen“, erklärt sie. Die üblichen Regeln im Job, zum Beispiel das Anmelden des Urlaubs oder die festen Arbeitszeiten, empfand Biesalski als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit. Nach nur sechs Monaten hat sie die Stelle schließlich gekündigt, noch mal zwei Monate später war das Thema „geregelter 40-Stunden-Job“ ein für alle Mal erledigt.

„Ich habe einen Geldpuffer angespart, mich zur Minimalistin downgesized und mir Gedanken darüber gemacht, wie ich mein Leben gestalten möchte“, fasst die 30-Jährige zusammen. „Dann habe ich mir einen Plan gemacht, welche Optionen ich habe, passives Einkommen zu generieren.“ Die Lösung: Biesalski wollte fortan Dienstleistungen im Bereich Social Media und Bloggen verkaufen, hat sich in diesem Zusammenhang weitergebildet, Kontakte zu anderen digitalen Nomaden aufgenommen und es einfach mal versucht: Mit dem „Büro“ im Rucksack ging es nach Indonesien und Thailand. Das Nomadenleben hatte begonnen. „Freiheit ohne Kompromisse“, so beschreibt Biesalski ihre Lebenseinstellung. „Freiheit von Zeit, Freiheit von Orten, Freiheit von Arbeit, Freiheit von Besitz. Ich will mein Leben einfach so gestalten, wie ich es gerne hätte.“

Sie hat ihren Lebensplan sogar in ihrer Masterarbeit aufgegriffen und über Backpacking in Lateinamerika und die Bedeutung der Kommunikation geschrieben. Auf den Internetseiten www.planetbackpack.de und www.alifeofblue.de berichtet sie über ihr Leben als digitale Nomadin und gibt denjenigen Tipps, die auch ein solches Leben abseits des Mainstreams führen wollen.

Johannes Klaus steht den selbst ernannten digitalen Nomaden kritisch gegenüber. Der 32-jährige Grafikdesigner, dessen frühere Website www.reisedepesche.de 2011 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, hat in den vergangenen zwölf Jahren mehr als siebzig Länder bereist, arbeitet online, könnte sich also selbst berechtigterweise zu dieser „Berufsgruppe“ zählen. „Entweder ich mache Urlaub, oder ich verdiene Geld“, sagt der gebürtige Weinheimer. „Beides geht eigentlich nicht, und wer das nicht aushält, hat ein echtes Problem.“

Zudem hält er nicht viel vom „missionarischen Eifer“, den viele digitale Nomaden an den Tag legen. „Als gäbe es keine annehmbare Alternative dazu, einen minimalistischen, nomadischen Lebensstil zu führen. Als wäre nur dies der Weg zum Paradies und seinen Jungfrauen.“

Der Journalist Oliver Zwahlen hält das digitale Nomadentum für eine Illusion . Hinter der Fassade der vermeintlichen Freiheit und Glückseligkeit seien mehr Probleme verborgen, als man auf den ersten Blick ahnen würde.

„Die meisten digitalen Nomaden halten sich bei Angaben zu ihren Einnahmen etwas bedeckt – vielleicht, weil sie ihre Gewinne nicht beim Steueramt melden wollen, möglicherweise aber auch ganz einfach, weil die Zahlen vielleicht doch nicht so sexy sind wie das Mantra der großen Freiheit.“

Wie Johannes Klaus ist Zwahlen der Ansicht, dass man entweder reist oder arbeitet – aber nicht beides gleichzeitig. „Selbst in Indien erkaufst du dir deine Einnahmen damit, dass du jeden Tag vor dem PC hockst und deiner Arbeit nachgehen musst, während andere sich Sehenswürdigkeiten anschauen oder in der Hängematte ein Buch lesen.“

Die Einnahmen digitaler Nomaden sind in der Regel geringer, als es bei einem „normalen“ Job in Deutschland der Fall wäre. Allerdings sind die Lebenskosten im Ausland in der Regel günstiger. Man verdient quasi in einer starken Währung und gibt nur eine schwache Währung aus.

Die Idee, sich das Nomadenleben mit einem eigenen Reiseblog oder einem Blog übers Geldverdienen im Ausland zu finanzieren, hält Zwahlen nur begrenzt für sinnvoll. „Das Problem ist, wenn nun jeder Reiseblogger übers Geldverdienen mit Reiseblogs schreiben würde, gibt es bald keine interessierten Leser mehr.“

Florian Blümm, der über sein Nomadentum auf www.flocutus.de berichtet, veröffentlicht seine Einnahmen regelmäßig. Im Dezember verdiente der 33-Jährige in Thailand 359 Euro, hauptsächlich durch Übersetzertätigkeiten. Ausgegeben hat er 347 Euro. Der Verdienst sei auf „Grundlagenniveau“ gesunken. Dennoch verdiente Blümm immer noch mehr als doppelt so viel wie die meisten Thais. „Da fühlst du dich plötzlich reich“, fasst er zusammen. Nun will er Station in Kambodscha machen. „Das Grundlagenniveau dort ist noch niedriger.“


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