Der Krieg elektrisierte Viele Jubel, Trubel, Kriegsbegeisterung?

Meine Nachrichten

Um das Thema Vermischtes Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Auf nach Paris: Ein betagter Kriegsfreiwilliger vor einem Zug Richtung Westfront. Foto: dpaAuf nach Paris: Ein betagter Kriegsfreiwilliger vor einem Zug Richtung Westfront. Foto: dpa

Osnabrück. Heute kaum mehr vorstellbar, begrüßten im August 1914 viele Menschen den Kriegsbeginn. Die Gründe dafür sind vielschichtig - und dass es durchaus auch andere Reaktionen gegeben hat, ging lange Zeit unter.

Osnabrück. Tausende Menschen drängten sich vor dem Berliner Schloss und warteten gespannt darauf, ob am Ende dieses Tages Krieg oder Frieden stehen würde. Es war der 1. August 1914, und das Ultimatum des Deutschen Reichs an Russland lief ab. Als am Nachmittag ein Offizier vor die Menge trat und die Mobilmachung verkündete, stimmten die Anwesenden einen Choral an: „Nun danket alle Gott“. Der Krieg war da.

Hurrapatriotismus als Reaktionen der Bürger der Krieg führenden Staaten, später als „Augusterlebnis“ oder „Geist von 1914“ idyllisiert, gehören zum Schulbuchwissen: Blumen an den Bajonetten der Einberufenen, Verabschiedung der abmarschierenden Kontingente mit Jubelrufen und Tschingderassabumm, Graffiti an den Richtung Front rollenden Eisenbahnwaggons. „Jeder Stoß ein Franzos’“, stand da zu lesen, oder auch: „Auf in den Kampf – mir juckt die Säbelspitze“.

Jüngere Forschungen relativieren das Bild der allgemeinen Kriegsbegeisterung ein wenig. Manch einberufener Fabrikarbeiter oder Landwirt, der seine Familie unversorgt zurücklassen musste, war durchaus nicht wild darauf, an die Front zu kommen; und manche Verabschiedung ging mehr mit Tränen als mit Täterä einher. Zudem hatte es während der Julikrise auch bedeutende Antikriegskundgebungen gegeben, sagt der Historiker Wolfgang Kruse. Dass sich das Bild eines umfassenden Kriegsjubels verfestigt habe, war einer „überzeichneten Verallgemeinerung“ geschuldet, der nicht zuletzt auch Historiker lange erlegen waren, sagt Kruse: „Es war das Unnormale, das Außergewöhnliche, das die Aufmerksamkeit auf sich zog.“ Die bald anlaufende Propaganda tat ihr Übriges. Dabei habe der Krieg durchaus „eine Vielfalt an emotionalen Reaktionen“ ausgelöst: „Angst und Siegeswille, Friedenswünsche und Hass auf den Feind, Trauer über die Einberufung [...] und Stolz auf die neuen Uniform- und Ordensträger.“

Mit den Mobilmachungen Anfang August kamen Protestbekundungen indes bald zum Erliegen. Die Überzeugung, in diesem Krieg nicht der Angreifer, sondern der Angegriffene zu sein, herrschte schichtübergreifend vor. Zumal es zunächst „nur“ gegen Russland ging: das reaktionäre Zarenreich, für das gerade die Arbeiterbewegung keine Sympathie hegte. Dazu setzte sich das Gefühl feindlicher Einkreisung durch, unterstützt von einer Propaganda, die die für das Reich ungünstige Mächtekonstellation als langfristig vom Feind geplant beschrieb. Der – neben dem Erbfeind Frankreich – Schuldige war schnell ausgemacht: Großbritannien, die See- und Kolonialmacht, die dem jungen Deutschen Reich seinen Platz an der Sonne vorenthielt.

Wer in dieser aufgeheizten Stimmung gegen den als gerechten Verteidigungskrieg angesehenen Waffengang Position bezog, galt schnell als Verräter – eine Dynamik, die ganze Schulklassen, Studienjahrgänge oder Firmenbelegschaften geschlossen in die Rekrutierungsbüros strömen ließ, um sich freiwillig zu melden.

Der nationalistische Tenor wurde auch von anderer Seite befeuert, von Kanzeln und Lehrstühlen. „Denn einerlei, wie der Erfolg ist – dieser Krieg ist groß und wunderbar“, jubelte der Soziologe Max Weber; und der spätere Nobelpreisträger Thomas Mann schrieb: „Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.“ Eine verbreitete Haltung im bürgerlichen und gebildeten Lager, in dem viele die überkommene Gesellschaftsordnung als erdrückend und den – ohnehin als unausweichlich angesehenen – Krieg als Erlösung daraus empfanden. Sie waren, kurz gesagt, des Friedens überdrüssig geworden.

Und trugen ihren Teil zur geistigen Mobilmachung bei. Akademiker und Künstler rechtfertigten den Waffengang Anfang Oktober 1914 im „Manifest der 93“, in dem sie von „russischen Horden“ und von „Mongolen und Negern“ schrieben, die auf die „weiße Rasse gehetzt“ würden. Kurz darauf unterzeichneten nicht weniger als 3000 Hochschullehrer eine Erklärung, die den erzieherischen Wert des Heeresdienstes für die Jugend pries – jener Jugend, die zu diesem Zeitpunkt bereits hunderttausendfach auf den Schlachtfeldern verblutete.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN