Auszeichnung für Niedersachsen „Held der Straße“: Trucker stoppte Geisterfahrer

Von Sven Mechelhoff


Osnabrück/Friesoythe. Weil er auf der A1 mit seinem Truck einen Geisterfahrer stoppte, ist der Fernfahrer Jürgen Thesing zum „Held der Straße“ im Monat März gekürt worden. Am Dienstag wurde im Bundesverkehrsministerium der „Held der Straße 2013“ ausgezeichnet – gewonnen hat ein anderer. Der stammt aber auch aus Niedersachsen. Weniger heldenhaft ist Thesings Aktion nördlich von Osnabrück deshalb nicht.

Kurz vor Vechta warnt ihn über den CB-Funk ein Kollege: Geisterfahrer. Es ist drei Tage vor Heilig Abend und Fernfahrer Jürgen Thesing ist mit seinem Lkw auf der A1 unterwegs - Fahrtrichtung Osnabrück. Die Gefahr rollt unmittelbar auf ihn und die Autos hinter ihm zu. Doch dann geht er gemeinsam mit einem Trucker-Kollegen auf Kollisionskurs zu dem Falschfahrer. Sie blockieren beide Spuren - um den Verkehr in den Rückspiegeln zu schützen.

Als Held will der 44-Jährige aus Friesoythe nicht bezeichnet werden. Das Wort mag er nicht. „Ich bin Lkw-Fahrer“, schlägt er stattdessen vor, „mit Leib und Seele.“ Heldenhafte Züge hat sein Verhalten auf der A1 aber dennoch.

Erst bei Cloppenburg, wenige Kilometer nördlich von Vechta, hatte Thesing seinen 440 PS starken Lkw auf die Autobahn gelenkt - seine Lebensgefährtin Jasmin auf dem Beifahrersitz. Über das Funkgerät bedankt er sich bei dem Fahrer eines schwedischen Trucks. Der war auf die linke Spur ausgewichen, sodass Thesing vom Beschleunigungsstreifen auffahren konnte. Der Kollege ist Deutscher und die Trucker kommen ins Gespräch - bis die Geisterfahrer-Warnung das Gespräch unterbricht.

„Ich stoppe den“, habe er zu seiner Lebensgefährtin gesagt. Früher war Thesing Personenschützer. Das habe sich eingebrannt und sei wohl der Grund für den dann geschmiedeten Plan. Der Kollege im schwedischen Truck - über Funk instruiert - stimmt zu und schert mit seinem rollenden Koloss auf die linke Spur. Die inzwischen nur noch zweispurige A1 ist blockiert.

Beide Lkw schalten die Warnblinkanlage ein, um nach hinten zu symbolisieren: „Da vorne ist irgendetwas.“ Dann drosseln sie ihre Geschwindigkeit auf etwa 50 Kilometer pro Stunde. Thesing denkt an den Aufprall, aber nicht daran, dass er sich und seine Freundin in Lebensgefahr bringt: „Wir wollten die kinetische Energie so gering wie möglich halten.“

Wie lange die Kolosse nebeneinander rollen, kann der Trucker nicht abschätzen: „Zwischen fünf bis zehn Minuten vielleicht.“ Dann tauchen die Scheinwerfer des Geisterfahrers auf. Beide Brummifahrer blenden ihn mit der Lichthupe, machen klar, dass etwas nicht stimmt. „Damit das nicht in einer Katastrophe endet“, sagt Thesing. „Und dann hatte ich ihn irgendwann direkt vor meinem Kühlergrill stehen.“ Ohne Aufprall!

Aber dann will der Geisterfahrer mit seinem Sprinter auf dem Seitenstreifen vorbeischlüpfen. Doch Thesing lenkt seinen Lkw herüber, blockiert die Spur und setzt das Auto fest. Den Rückwärtsgang legt der Sprinterfahrer nicht ein. Der belgische Fahrer ist völlig aufgelöst, als Thesing ihm anschließend auf Englisch seinen Fehler erklärt. Dann kommt die Polizei dazu.

Antenne Niedersachsen, MDR, NDR, und Spiegel Online - alle klingeln im Verlauf des Jahres an Thesings Tür. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass das so eine Welle schlägt.“ Ausgelöst hat er den Medienrummel selbst. Während einer Tour im Januar hat er aus Langeweile Domian auf Eins Live seine Geschichte erzählt. Dessen Redakteure hätten zuvor „riesige Elefantenohren“ gekriegt und ihn in die Radio-Talksendung gebracht.

Für seine Zivilcourage ist er im März dann zum „Held der Straße“ gekürt worden. Monatlich suchen der Reifenhersteller Goodyear und der Automobilclub von Deutschland Verkehrshelden wie Thesing. Einmal im Jahr kürt dann das Bundesverkehrsministerium den Helden des Jahres. Thesing war nominiert, es gewann aber ein anderer Niedersachse.

Bad Bentheimer ist „Held des Jahres“

Ein 45-jähriger IT-Berater wurde an diesem Dienstag ebenfalls wegen einer mutigen Rettungsaktion auf der Autobahn zum „Held der Straße 2013“ gekürt. Wilhelm Dirkmann, der aus Bad Bentheim stammt und in Ettlingen lebt, hatte im April drei Frauen aus einem brennenden Auto gerettet. Deren Wagen hatte auf der abschüssigen Autobahn 8 bei Karlsruhe Flüssigkeit verloren und zu brennen begonnen. Gleichzeitig wurde er immer schneller. „Innerhalb von Sekunden war aus ein bisschen Rauch ein Flammeninferno geworden“, sagte Dirkmann, der die Flammen aus dem Heck des Wagens bemerkte. Er setzte sich mit seinem Wagen davor, ließ das brennende Fahrzeug auffahren und bremste, bis beide auf dem Seitenstreifen zum Stehen kamen. Die Frauen kamen mit einer leichten Rauchvergiftung davon. Staatssekretär Rainer Bomba überreichte ihm dafür die Auszeichnung am Dienstag im Bundesverkehrsministerium in Berlin.


Nach Angaben des ADAC werden jährlich bundesweit zwischen 2400 und 2700 Geisterfahrer gemeldet, der Großteil davon auf Autobahnen. Die allermeisten Falschfahrten gehen glimpflich aus und machen nur einen Bruchteil der tödlichen Unfälle auf Autobahnen aus: Doch kommen wegen Geisterfahrten laut ADAC jährlich knapp 20 Menschen ums Leben, 2012 waren es 26. Insgesamt sterben bei Verkehrsunfällen auf deutschen Autobahnen pro Jahr etwa 400 Menschen. Nach Auskunft des Auto Club Europa (ACE) gibt es gegen Geisterfahrten keine Patentrezepte. Was hilft, um sie zu verhindern? - Bewährt hat sich die sogenannte BESCHLEUNIGTE KOMMUNIKATION, bei der beispielsweise der Verkehrsfunk Radiosendungen unterbricht und vor Falschfahrern warnt. - Auf der technischen Seite kann die BESCHILDERUNG weiter optimiert werden. So gibt es in Österreich und in Bayern gelbe Neontafeln mit einem Handsymbol, das vor Falschfahrten warnt. - In der Diskussion sind FAHRERASSISTENZSYSTEME, die akustisch und optisch signalisieren, wenn jemand falsch fährt und diese Warnungen auch an Radiostationen oder die Polizei weiterleiteten. - KRALLEN in der Fahrbahn hält der ACE für unangemessen. Dazu müssten alle rund 2000 Autobahnauffahrten umgerüstet werden, hinzu kämen noch die Raststättenauffahrten. Aufwand und Nutzen würden hier in keinem vernünftigen Verhältnis stehen, denn Krallen würden einen vorsätzlichen Geisterfahrer nicht aufhalten.