Experte Michael Butter im Interview Verschwörungstheorien: Wahrheit ist Ansichtssache

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Die Mondlandung der Amerikaner 1969 – nur ein Trick aus dem Filmstudio? Bis heute sind viele Leute davon überzeugt. Fotos: dpa, ColourboxDie Mondlandung der Amerikaner 1969 – nur ein Trick aus dem Filmstudio? Bis heute sind viele Leute davon überzeugt. Fotos: dpa, Colourbox

Osnabrück. Egal ob Mondlandung, Kennedy-Attentat oder die Anschläge vom 11. September: Verschwörungstheoretiker sind davon überzeugt, dass die Mächtigen die Geschicke der Welt im Hintergrund steuern und inszenieren. Michael Butter von der Universität Wuppertal ist Experte auf dem Gebiet und erklärt, warum unter anderem starke Frauen Männer zu Verschwörungstheoretikern machen.

Herr Butter, sind Verschwörungstheorien nur etwas für Spinner?

Verschwörungstheorien waren in Amerika bis in die 50er-Jahre eine vollkommen akzeptierte und legitimierte Form von Wissen. Ex-Präsidenten wie Abraham Lincoln oder George Washington waren große Verschwörungstheoretiker. In Deutschland und dem übrigen Europa galten sie immerhin bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts als offizielles Wissen.

Warum spielen die Theorien in der westlichen Welt heute kaum noch eine Rolle?

Für die USA weiß man das bislang noch nicht genau. Vermutlich änderte sich Mitte der 50er-Jahre das Verständnis von Kausalität, was historische Ereignisse betrifft. Man ging lange Zeit davon aus, das Menschen intentional Geschichte betreiben, also alles, was geschah, zuvor geplant war. In den USA gab es immer einen starken Glauben an das Individuum, während in Europa durch Marx und Engels eher das große Ganze in den Mittelpunkt rückte.

Mittlerweile gelten Verschwörungstheoretiker eher als Menschen, die einfach alles infrage stellen. Warum tun sie das?

Vieles hängt damit zusammen, dass sie Zufall und Chaos nicht ertragen können. Das führt uns zurück zu den Anfängen der modernen Verschwörungstheorien im 17. Jahrhundert. Damals verabschiedete man sich langsam von einem religiösen Weltbild, wo Gott alles bestimmte und auch Geschichte vorherbestimmt war. Im Grunde erlauben Verschwörungstheorien, dieses Weltbild in seiner Struktur zu behalten. Mit dem Unterschied, dass jetzt nicht mehr Gott, sondern die Verschwörer alles steuern.

Sehnen sich Verschwörungstheoretiker nur nach Sicherheit?

Genau. Neben einigen anderen Faktoren sind Ordnung und Sicherheit die Hauptantriebskräfte. Vielleicht auch Angst.

Angst?

Es ist für viele offensichtlich einfacher zu akzeptieren, dass zum Beispiel die USA die Anschläge vom 11. September selbst durchgeführt haben, als dass eine so mächtige Nation nicht in der Lage ist, solche Anschläge zu verhindern. Die chaotischen Zustände bei den US-Geheimdiensten vor dem 11. September wurden ja gut aufgearbeitet. So etwas schließen Verschwörungstheoretiker aber komplett aus. Für sie ist alles geplant und miteinander verbunden.

Wie muss man sich den typischen Verschwörungstheoretiker vorstellen?

Er ist fast immer männlich. Ansonsten sind alle Schichten und Ethnien vertreten. Die Gender-Komponente ist aber nicht zu verachten. Es gibt da eine auffällige Parallele zwischen dieser Beobachtung und der aufkommenden Frauenbewegung in der westlichen Welt.

Starke Frauen machen aus Männern Verschwörungstheoretiker?

Marginalisierte Personen fühlen sich zu diesen Theorien hingezogen. Die Emanzipation ist sicherlich ein Grund, warum sich manche Männer marginalisiert fühlen und dann empfänglich werden für solche Theorien. Es gibt eine Krise von Männlichkeit, die sich dann in Verschwörungstheorien entlädt.

Und das wertet die Männer auf?

Die Einnahme einer Position abseits des Mainstreams ist ein Mittel, sich der eigenen Besonderheit, Wichtigkeit und Identität zu versichern. Nach dem Motto: ,Ich weiß, wie der Hase läuft, ihr seid nur die tumbe Masse, die von den Mächtigen getäuscht wird.‘

Haben Sie persönlich ab und zu Kontakt zu Verschwörungstheoretikern?

Zum Glück, kaum. Wenn, per E-Mail oder per Brief. Und meist nicht sehr erfreulich. Fotos von mir tauchen dann auf bestimmten Webseiten auf, auf denen ich mit den Kräften des Bösen auf eine Stufe gestellt werde. Dort gelte ich als „Feind der Wahrheit“ und Teil der Verschwörung. Deshalb kann man mit Verschwörungstheoretikern leider auch nicht diskutieren.

Woher kommt Ihr Interesse für die Theorien?

Ich habe meine Dissertation über die Darstellung Hitlers in der US-Literatur geschrieben. Dabei gab es ein Buch, in dem Hitlers Tochter unbemerkt nach Amerika geschleust wurde und nun kurz davor steht, amerikanische Präsidentin zu werden. Auf der Metaebene geht es um die Kritik an machtgierigen Frauen in der Politik, aber von da an wollte ich mehr über Verschwörungstheorien wissen. Adolf Hitler war übrigens selbst ein großer Verfechter dieser Theorien. Der Nationalsozialismus basiert ja zu weiten Teilen auf der Fantasie einer jüdisch-kommunistischen Weltverschwörung, der man entgegentreten muss.

Sprechen Sie auch mit Freunden über diese Themen?

Man spricht schon ab und zu drüber. Ich erinnere mich an eine Silvesterfeier, auf der mich ein ganz bodenständiger Bekannter auf die Mondlandung ansprach. Er war der festen Überzeugung, dass sie im Studio gedreht wurde. Wir haben die Diskussion nach einer halben Stunde ergebnislos abgebrochen und zusammen ein Glas Sekt getrunken.

Die Mondlandung gilt bis heute als eines der Lieblingsthemen der Skeptiker.

Sie ist auch meine liebste Verschwörungstheorie, weil sie so schön harmlos ist. Man kann sich Fragen wie „Warum fällt der Schatten auf diese Art und Weise?“ spielerisch hingeben; das finde ich lustig. Hier findet übrigens erstmals diese exzessive Bildanalyse statt, die typisch für moderne Verschwörungstheorien ist.

Waren die Amerikaner denn auf dem Mond?

Meiner Meinung nach ja. Wenn die Amerikaner die Landung tatsächlich nachgestellt haben sollten, hätten die Russen das doch für ihre Propaganda genutzt.

Warum glauben Skeptiker das nicht auch?

Weil für sie klar ist, dass die Amerikaner und Russen unter einer Decke stecken und der Kalte Krieg nur inszeniert war.

Spielt das Internet bei modernen Verschwörungstheorien eine besondere Rolle?

Es vereinfacht den Zugang zu diesen Theorien, in ähnlicher Weise wie damals die Einführung des Buchdrucks. Zudem verschwimmen online die Grenzen zwischen akzeptiertem und nicht akzeptiertem Wissen. Die Art und Weise, wie Verschwörungstheoretiker argumentieren, hat sich im Laufe der Jahrhunderte aber nur wenig verändert. Die Grundhypothese ist für sie das Wichtigste. Sie besagt, dass man alles erklären kann. Die Skeptiker stricken eine Erzählung, in der alles geplant worden ist und alles miteinander zusammenhängt. Das ist wichtiger als die angeblichen Beweise. Generell gilt: Man findet immer die Beweise für die Position, die man vertritt. Ein gutes Beispiel ist der Watergate-Skandal, der den Skeptikern den ultimativen Beweis liefern sollte, dass derart groß angelegte Verschwörungen zu dieser Zeit gar nicht möglich waren.

Warum das?

Wenn nicht mal der amerikanische Präsident den politischen Gegner abhören kann, ohne dass das öffentlich wird – wie sollen dann die ganz großen Nummern funktionieren? Für die Skeptiker ist Watergate aber der ultimative Beweis, dass ihre Theorien wahr sind. Sie sagen sich: ‚Siehst du, die machen es ja alles, was wir so vermuten. Hier sind sie einmal aufgeflogen – vielleicht wollten sie auch auffliegen, damit wir alle denken, dass sie es nicht können?‘ So funktioniert die Argumentation.

Und die Enthüllungen um die NSA? Die sind doch Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker?

Sicherlich ist damit eine ihrer Grundannahmen bestätigt. Und nun denken sie, dass sich auch alle anderen Annahmen bestätigen lassen. Dabei hat die NSA im Kern nichts mit Verschwörung zu tun, denn sie handelt ja im Interesse der USA, nicht einer neuen Weltordnung. Wieder ein schönes Beispiel, wie Skeptiker sich die Zusammenhänge so bauen, wie sie sie brauchen.

Trotzdem erinnert vieles an einen Hollywoodfilm, oder?

Das stimmt, denn dort arbeiten die Geheimdienste häufig ohne Wissen der obersten Entscheidungsträger. Mittlerweile scheint es in den USA aber eine Art Strategie zu geben, den Präsidenten, in diesem Fall Barack Obama, bewusst ohne Kenntnis zu lassen, damit er später nicht als verantwortlich gilt. Das wäre allerdings eine höchst bedenkliche Entwicklung.

Gibt es eine Verschwörungstheorie, die Sie für realistisch halten?

Kurz gesagt: nein. Auch wenn mir die Skeptiker nun wieder unterstellen werden, dass ich naiv und bestenfalls ein unbeabsichtigter Erfüllungshelfer der Mächtigen bin.


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