Umstrittene Gratisaktion Hakenkreuz-Tätowierer provoziert in Dänemark

Von André Anwar

Kein Hakenkreuz, aber eindeutig rechtsradikal: Ein tatowierter Neo-Nazi mit der Aufschrift „purer Hass“. Foto: dpaKein Hakenkreuz, aber eindeutig rechtsradikal: Ein tatowierter Neo-Nazi mit der Aufschrift „purer Hass“. Foto: dpa

Stockholm. Der Andrang im zentral gelegenen Kopenhagener Tätowierungsladen Meatshop war am Mittwochabend besonders groß. Gleich 60 Kunden kamen. „Normalerweise habe ich einen Kunden am Tag. Also das war schon eine Menge“, sagt Peter Walrus.

Der Tätowierer sorgt derzeit für eine sonderbare Debatte in Dänemark über die Rehabilitierung des Hakenkreuzes. In einer spektakulären Aktion ritzte Walrus mehrere Stunden lang Hakenkreuze in Arme, Oberkörper oder Beine der aus dem ganzen Land angereisten Kundschaft. Ohne Entgelt.

Was auf den ersten Blick wie eine geschmacklose Verspottung der Millionen von Todesopfer der Nationalsozialisten wirkt, habe einen tieferen Sinn, meint Walrus in Medienauftritten. „Ich und 250 weitere Tätowierer in der ganzen Welt haben zum Todestag des Künstlers ManWoman am 13. November die Gratisaktion für Swastikas eingeführt“, erklärt er der dänischen Boulevardzeitung „Ekstrabladet“. Swastikas sind Kreuzsymbole wie das Hakenkreuz. Damit wolle dazu beitragen, das Hakenkreuz als Kreuzsymbol zu rehabilitieren.

Der kanadische Künstler ManWoman, kurz Manny genannt, sorgte schon in den 70er Jahren für Aufsehen. Bekannt wurde er durch seine zahlreichen Hakenkreuz-Tattoos am Körper. Seine laut eigenen Angaben seit 1967 in Träumen wiederkehrende Mission: das an sich unschuldige Symbol von seiner Verbindung mit den Abscheulichkeiten der Nazis rein zu waschen.Das Symbol sei vor den deutschen Nationalsozialisten in unterschiedlichen Kulturen unter anderem mit den positiven Begriffen Glück und Stärke belegt gewesen, so einst der Künstler. Statt Hass solle das Hakenkreuz Liebe verbreiten, habe ihm ein gottähnlicher Mann mit weißem Bart in weißer Kleidung in einem seiner Träume gesagt, erzählte ManWoman immer wieder.

Tätowierer Walrus sieht das genauso. Die Menschheit müsse sich das Symbol von den Nazis zurückerobern, sagt er. Seine Aktion soll nun jährlich stattfinden. „Das Symbol selbst ist ja nicht böse. Wir wollen es den Nazis wegnehmen und es zu unserem machen“, sagt er. Richtige Nazis würde er sofort untätowiert wegschicken. „Wir wollen hier keine Nazis haben“, unterstreicht er den Sinn der Aktion. Auch wenn am Mittwoch nicht gänzlich ausgeschlossen werden konnte, dass sich der eine oder andere richtige Neonazi unter die Kundschaft geschlichen hatte, um die Gunst der Stunde zu nutzen, waren die meisten Anstehenden offensichtlich keine.

Eine Teilnehmerin der Aktion war Psychologiestudentin und Yogaliebhaberin Marlene Larsen, die sich ein Hakenkreuz auf den Oberkörper tätowieren ließ. Das Zeichen habe so viele unterschiedliche Bedeutungen in unterschiedlichen Kulturen, sagt sie. „Für mich bedeutet es den Lebenskreislauf“, erklärt die Buddhistin. In Deutschland ist die Darstellung „hakenkreuzförmiger Symbole“ nur erlaubt, wenn sie „der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient“. Im liberalen Dänemark gab es auf die obskure Aktion hingegen eher ein gleichgültiges Achselzucken.

Auf die Frage, ob ein Symbol wie das Hakenkreuz nicht so beschädigt ist, dass eine Reinigung nie mehr möglich ist, antwortet Tätowierer Walrus: „Ich glaube nicht, dass es so beschädigt werden kann. Wir haben dieses Symbol ja gewählt weil es seit 7000 Jahren und in allen Kulturen existiert. Von den Eskimos und Aborigines über die Hopi-Indianer, vom Amazonas bis nach Skandinavien. Juden wie Moslems haben es benutzt. Es eignet sich fantastisch als universelles, gutes und positives Symbol“, sagt er.


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