Riesen-Hochzeit in der Türkei Münsterländer ist Trauzeuge für weltgrößten Menschen

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Vreden/Mardin. Mit 30 Jahren hat Sultan Kösen sich getraut. In Mardin, der türkischen Heimat des größten Menschen der Welt, sagen sie: „Endlich!“ Im traditionellen Südosten des Landes gilt: „Wenn Männer mit 27 noch nicht verheiratet sind, dann stimmt da was nicht.“ Das weiß sein Trauzeuge, Georg Wessels aus dem münsterländischen Vreden, zu berichten. Wessels war am vergangenen Wochenende der einzige deutsche Gast bei der Hochzeit des Bauernsohnes. Bei Kösens Körpergröße von 2,51 Metern stimmt in der Tat etwas nicht. Weil er wegen eines Tumors in der Hirnanhangdrüse immer weiter gewachsen ist, bis US-Mediziner das Wachstum mit einem Eingriff vor wenigen Jahren stoppen konnten.

Obwohl der Schuster Wessels Kösen erst seit vier Jahren kennt, ist ihr Verhältnis mittlerweile so eng, dass der Türke ihn liebevoll „meinen deutschen Vater“ nennt. Aus der Sicht unseres mitteleuropäischen Kulturkreises ist es erstaunlich unromantisch, was Wessels über die Kennenlerngeschichte von Sultan Kösen und seiner Frau Merve Dibo berichtet, mit der Kösen zwei Kinder zeugen will. Als Wessels im Juli in der Stadt an der Grenze zu Syrien zu Besuch war, um Schuhe der Größe 60 zu bringen und Kösens Hausbau zu beobachten, war von einer Frau noch gar keine Rede. Im Gegenteil, ein Freund Kösens sagte zu ihm: „Das Einzige, was ihm nach dem Haus jetzt noch fehlt, das ist eine Frau. Hast du keine deutsche Frau für ihn?“ Wessels versuchte ihm beizubringen, dass eine deutsche Frau sich ihren Partner für gewöhnlich selbst aussucht. Bei Kösen lief es anders. „Der Kontakt zu seiner syrischen Frau wurde irgendwie vermittelt“, berichtet der Schuster des Riesen. „Auf dem Land in Anatolien und Mesopotamien werden die Leute verheiratet.“

Türkische Blitzhochzeit

Selbst für die Verhältnisse in der Provinz im Süden der Türkei ist es aber ungewöhnlich, dass es mit der Hochzeit so schnell geht wie bei Kösen. Erst vier Wochen vor der Hochzeit informierte Kösen seinen deutschen Freund darüber, dass er am 27. Oktober den Bund der Ehe schließen wird. Gleichzeitig fragte er ihn, ob er ein Paar Hochzeitsschuhe fertigen und eine Schmuckmanufaktur aus Vreden, ob sie Ringe fertigen könne. Wessels ärgerte sich, dass er so spät informiert wurde. Ein Spezialschuh für Riesen benötigt eigentlich mehr Zeit. Für seinen Freund legte er sich aber ins Zeug und stellte andere Projekte zurück.

Die Schmuckmanufaktur Niessing aus Wessels’ münsterländischem Ort Vreden hatte Kösen bei seinem ersten Besuch in Deutschland zusammen mit dem Schuster im Sommer vergangenen Jahres ohnehin versprochen, dass sie kostenlos die Eheringe fertigt, wenn es bei ihm so weit ist. „Wenn es ein Trauringspezialist macht, dann wir“, erklärt Betriebsleiter Johannes Verwohlt in der Produktionsstätte und zeigt stolz auf einen Musterring, den Niessing im Beisein Kösens gefertigt hatte. Gleichzeitig bekam Kösen ein Größenmuster mit verschiedenen Ringweiten für seine Auserwählte. Verwohlt zeigt an einer Trauring-Weitenmaschine, wie ein Ring auf Sultans Größe 84 gebracht wird. Normalerweise werden dort nur Ringe bis Größe 75 gefertigt, ein Ringmaß endet bei Größe 81. „Ein Durchschnittsring hat 19 Millimeter Durchmesser, Kösens Ring 28 Millimeter“, berichtet Verwohlt, während er einen Ring mit der Maschine bis auf Größe 84 „aufpustet“, wie er es mit Kösens Ring vor ein paar Wochen gemacht hat. Der Ring ist aus 750er-Gelbgold. Der Damenring aus demselben Material wurde mit einem Brillanten versetzt. Seine 1,75 Meter große Frau habe bei Ringgröße 67 sehr große, „fleischige Finger“. Bei dem schlanken und hageren Kösen, der mit 30 Jahren bereits Gehhilfen benötigt, war nicht die Dicke der Finger das Problem, sondern „die überdimensionalen Gelenke“, wie Verwohlt betont. Wegen des Musterringes für Kösen und des Größenmusters für seine Frau konnte Wessels zum Abflug am 25. Oktober neben den Anzugschuhen auch die Eheringe mitnehmen.

In Istanbul traf er auf Kelly Garrett. Sie gehört als Jurorin der Guinness-Buch-der-Rekorde- Redaktion inzwischen genauso zu Kösens neuer Familie wie Wessels. Für PR-Aufträge der Guinness-Buch-Redaktion fliegt Kösen seit vier Jahren rund um die Welt. 2009 war er in London mit 2,51 Meter Körpergröße, 28 Zentimeter langen Händen und 37 Zentimeter langen Füßen (Größe 60) als größter Mensch der Welt vorgestellt worden. Damit, durch Spenden und Auftritten für die Werbung verdient er sein Geld. Bevor er als größter Mensch der Welt entdeckt, vermessen und ins Guinness-Buch aufgenommen wurde, war er ein einfacher Ziegenhirte auf dem Bauernhof der Familie in Mardin, seit vier Jahren ist er so etwas wie ein Weltstar.

Die muslimische Hochzeit hatte beide Gesichter. Die Zeremonie wurde am Samstag traditionell im kleinen Rahmen gefeiert, die Feier hatte am Sonntag eher die Weltstar-Dimension. Für die Zeremonie kamen ein Imam, 30 Familienangehörige und Freunde ins Wohnzimmer seines Hauses. In dieser kleinen Runde konnte der Schuhmacher genau sehen, wie sich das Paar die Ringe gegenseitig ansteckte. Der Vredener verfolgte die Zeremonie direkt hinter Kösen, der im Schneidersitz, auf dem Wohnzimmerteppich sitzend, genauso groß war wie Wessels, als er hinter ihm stand und ihn nach dem Ritual umarmte.

Mehr als 3000 Gäste

Die Feier am folgenden Tag sprengte alle Grenzen, die Wessels bisher erlebt hatte. „Da waren mehr als 3000 Menschen und Hunderte Journalisten, der größte Teil arabischsprachig“, erzählt er. Vor der Feier kam Kösen zu ihm ins Hotel, wo Wessels ihm in das Hemd und den Anzug half, die zuvor drei Schneider brachten. Der Riese war so aufgeregt, dass sein Freund ihm den Nacken massieren musste, damit er sich etwas beruhigte. Seine syrische Frau wurde danach in einem von Girlanden geschmückten Auto vorgefahren, bevor in einem Festsaal, der laut Wessels so groß wie die Halle Münsterland war, um sechs Uhr abends die Party begann.

Wessels, der in den vergangenen 30 Jahren alle größten Menschen der Welt besohlt hat, saß mit Garrett vom Guinness-Buch am Ehrentisch mit dem Bürgermeister von Merdin und anderen regionalen Größen. Sultan Kösen thronte wie ein König neben seine Frau Merve Dibo auf der Bühne. Wessels empfand die kurdische Musik mit Tröten und Gitarren als ohrenbetäubend laut. Zudem hätten die Frauen mit ihren Zungen Geräusche gemacht, die er als das kurdische Pendant von bayerischem Jodeln wahrnahm. Wessels bereut lediglich, dass er sich nicht getraut hat mitzutanzen. „Dabei wäre das relativ leicht gewesen. Sie tanzten wie in Trance zu Hunderten in einer Reihe, hielten sich nur mit den Fingern fest und sprangen von links nach rechts“, berichtet er. Die Fotografen mit ihrem Blitzlichtgewitter und die Beleuchtung der Kamerateams sorgten zudem für den medialen Glamour. Das Ende der Riesen-Hochzeit in den frühen Morgenstunden hat Wessels allerdings nicht mehr mitbekommen. Aus gutem Grund: „Ich wurde vorher gewarnt, dass irgendwann Männer mit Revolvern in die Luft schießen. Dann ist die Party vorbei.“


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