Der Altmeister geht neue Wege Howard Carpendale und seine jungen Wilden

Von Stefan Alberti


Osnabrück. Er könnte auch aus dem Telefonbuch vorsingen – seine Fangemeinde lechzt nach allem, was er anpackt. Howard Carpendale gehört zu den Ausnahmeerscheinungen und Konstanten im deutschen Showbusiness. Und dennoch wird der in Südafrika geborene Mann mit dem unvergleichlichen Akzent auch nach mehr als 40-jähriger Karriere nicht müde, sich einmal mehr musikalisch neu zu erfinden. Diesmal mit einem außergewöhnlichen Experiment.

Wer Howard Carpendale mit den Songs „Das schöne Mädchen von Seite 1“,„Deine Spuren im Sand “ oder „Hello Again“ ausschließlich in die Schlagerkiste einordnen will, befindet sich auf dem Holzweg. „Es gibt keine Möglichkeit, als Künstler lange zu überleben, wenn man dauernd der Gleiche ist und bleibt. Viele haben das unterwegs vergessen“, sagt „Howie“ im Gespräch mit unserer Zeitung. Pardon, „Howie“ hört er überhaupt nicht gerne. Nur ein Enkelkind dürfe ihn „Howie“ anstatt „Opa“ rufen. Ansonsten bitte: „Howard Carpendale“. Einverstanden.

Doch zurück zum Überleben des Künstlers. In den vergangenen Jahren überraschte der heute 67-Jährige immer wieder mit Cross-over-Projekten. Jetzt folgt der nächste Paukenschlag: „Viel zu lang gewartet“ heißt sein neues Album, das am Freitag veröffentlicht wird. Der Weg zu den 13 neuen Songs führte über ein ungewöhnliches Hotel-Camp: Howard Carpendale hatte sich zunächst von seinem langjährigen Manager Dieter Weidenfeld getrennt und Kai Maser als neuen Mann installiert: „Ich brauchte einen, der nicht immer die üblichen Wege geht.“

Kai Maser entwickelte für die Arbeit am neuen Album ein alles andere als branchenübliches Konzept. Howard Carpendale und er kontaktierten „viele kleine Juwelen“ aus der neuen deutschen Musiklandschaft. Mit diesen Songschreibern und Komponisten, alle zwischen 20 und 35 Jahre alt und aus aller Herren Länder, wollte der Altmeister mehrere Tage lang in einem mit feinster Technik ausgestatteten „Musik-Hotel“ in Berlin ein neues Album erarbeiten. „Die Tatsache, dass Kai Maser mich mit diesen jungen Leuten zusammengebracht hat, war überlebenswichtig für mich“, sagt Howard Carpendale.

Die „Juwelen“ aus der neuen deutschen Musiklandschaft ließen sich nicht lange bitten: Popsänger Johannes Oerding, Texterin und Komponistin Katrin Schröder (sonst auch für Peter Maffay oder Roger Cicero tätig), Alexander Freund von der Alternative-Rockband P:lot, Johannes Walter (Keyboarder der Band Jennifer Rostock), Robert Redweik (Songwriter und Frontmann der Pop-Rockband Redweik) und einige andere. Sogar Rapper Sido schnupperte zwischendurch etwas Camp-Luft. „Eine totale Ehre für mich“, erzählt Robert Redweik in der Nachbetrachtung, „Howard Carpendale, den gibt es ja irgendwie schon immer.“ Das Gefühl der Ehre beherrschte dann auch die erste Begegnung: „Als Howard den Raum betrat, sind wir aufgestanden und haben applaudiert. Er ist halt eine Respekts- und Autoritätsperson.“ Dem Bejubelten fiel ein Riesenbrocken vom Herzen: „Unglaubliche Menschen. Ich merkte schnell, dass sie alle darauf hinfieberten, diesen neuen Weg mit mir auszuprobieren.“

Howard Carpendale gewährte seinen jungen Wilden tagelang Einblicke in sein Leben. Es wurde getextet, komponiert, verworfen, neu getextet – so lange, bis das neue Album stand. Mit 13 Songs – teilweise autobiografisch, wenn Howard Carpendale zum Beispiel in „Bedingungslos“ über die Beziehung zu seinen Söhnen Wayne und Cass singt oder die Zeilen in der Ballade „Unterwegs“ seiner vor zweieinhalb Jahren verstorbenen Mutter widmet.

Und Robert Redweik? Der darf sich nun auf die Fahne schreiben, an fünf Songs beteiligt zu sein. „Tierisch, was da herausgekommen ist. Moderne Texte, die auch ein Andreas Bourani oder ein Adel Tawil von ,Ich + Ich‘ singen könnten.“ Sein schönster Moment während der Zusammenarbeit? „Für mich war total irre, dass mich anschließend morgens Howard Carpendale anruft und mit mir über einen seiner neuen Texte spricht.“