Fernsehen 2.0 und die Emmys Wie Internetdienste wie Netflix das Fernsehen verändern

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Osnabrück. Der Emmy ist der bedeutendste Fernsehpreis der Welt. Doch wie konnte es dazu kommen, dass in diesem Jahr mit „House of Cards“ eine Serie nominiert wurde, die nie fürs TV produziert wurde?

„Ist ein Film noch ein Film, wenn sie ihn zu Hause auf dem Fernseher schauen und nicht im Kino? Ist eine Fernsehserie noch eine Fernsehserie, wenn Sie sie auf Ihrem iPad gucken?“ Kein anderer als Oscar-Preisträger Kevin Spacey war es, der Ende August beim „Guardian Edinburgh International Television Festival“ diese Grundsatzfragen stellte.

Just spielt er den sinistren US-Kongressabgeordneten Francis Underwood, der in der Serie „House of Cards“ Washington mit seinen intriganten Machtspielen aufmischt. Für seine Rolle wurde er als bester Hauptdarsteller für den US-Fernsehpreis Emmy nominiert, „House of Cards“ selbst wurde unter anderem als Beste Serie nominiert. Allerdings – und spätestens hier wird die Geschichte interessant – lief diese Serie nie im „richtigen“ TV.

Stattdessen finanzierte Netflix die Produktion der ersten 13 Folgen. Der US-amerikanische Internetdienst war ursprünglich eine reine Online-Videothek, doch seit 2011 produziert er eigene Fernsehserien, die online abrufbar sind und dann auf Computern, Tablets, aber auch Fernsehern angeschaut werden können.

Mit „House of Cards“ – dem Remake einer ebenfalls hochgelobten britischen Serie aus dem Jahr 1990 – gelang der Firma ein Erfolg, der nun das gesamte US-Fernsehseriensystem auf den Kopf stellen könnte. Denn anstatt zu produzieren, was nach Meinung der Sender Erfolg haben könnte, müsse man dem Publikum geben, was es haben will, resümierte Spacey: „Gib den Menschen, was sie wollen, wann sie es wollen, in der Form, in der sie es wollen – zu einem vernünftigen Preis.“

Einen Sender oder gar einen Kanal brauche es dafür jedoch nicht mehr, denn die neue Generation wachse längst nicht mehr mit dem Gefühl auf, dass das Fernsehen die erste Adresse für spannende Geschichten sei. „Sie kennen nur eine unfassbar breite und große Vielfalt an Entertainment und guten Geschichten im Netz, und wenn sie eine gute Serie auf Netflix oder Apple TV lieben lernen, wissen sie möglicherweise gar nicht mehr, auf welchem Sender die Serie ursprünglich lief.“

Natürlich kann man sagen, dass Spacey nicht objektiv urteilt, schließlich verdankte er die Emmy-Nominierung über Ecken auch dem Netflix-System. Doch der Erfolg der aufwendig gefilmten und inszenierten Serie zeigt, dass Internet-Serien nichts mehr mit wackeligen YouTube-Experimenten zu tun haben. So markiert die Serie eine Zäsur all der Seh- und Produktionsgewohnheiten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten gebildet haben.

Binge-Watching

Denn früher war nicht alles besser. Besonders nicht im Fernsehen. Nicht wenige deutsche Serien mieften ob ihrer Piefigkeit, US-amerikanische hingegen brauchten mindestens zwei Jahre, bis sie den Sprung auf die deutschen Mattscheiben geschafft hatten. Dort angekommen, entwickelten sie zwar schnell einen Kultfaktor, der sich heutzutage jedoch nur noch schwer erklären lässt. Anders gesagt: In 45 Minuten „Breaking Bad“ passiert mehr als in einer ganzen Staffel der 80er-Jahre-Serie „Ein Colt für alle Fälle“.

Spätestens seit dem Durchbruch der DVDs gewannen komplexe Serien auch in Deutschland ihre Fans, denn nun war man als Zuschauer nicht mehr darauf angewiesen zu warten, bis ein Sender sie zeigte. Ein Beispiel hierfür sind „Die Sopranos“, die das ZDF im Jahr 2000 im Samstagnachtprogramm versendete und die erst dank DVD und Mundpropaganda auch in Deutschland zu einem Must-Seen von Serienliebhabern wurden.

Zudem begünstigte das Erscheinen von Serien auf DVD einen Aspekt, der für den heutigen Konsum typisch ist: das Binge-Watching. Angelehnt an die von Fressanfällen geprägte Essstörung „Binge-Eating“, bezeichnet man so den Konsum vieler Folgen hintereinander. Das Zuschauen wird so zur Marathonsitzung.

Die Verfügbarkeit von Serien im Internet über iTunes oder auch illegale Tauschbörsen nur wenige Stunden nach deren Erstausstrahlung hat den Konsum ein weiteres Mal eklatant verändert: Vorbei sind die Zeiten, dass wöchentlich auf die nächste Folge und die Auflösung des Cliffhangers gewartet wird. Undenkbar gar, dass brav auf die Ausstrahlung im deutschen Fernsehen gewartet wird. Dank Internet weiß man schnell, welche Serie – beispielsweise in den USA oder in Großbritannien – neu gestartet ist und schaut, ob sie per Download oder schon als DVD und Blu-Ray zu haben ist.

Die Ausstrahlungen im öffentlichen Fernsehen kommen im Vergleich dazu oft viel später – und dann vielfach nur auf Randsendern wie RTL Nitro oder ZDFneo, wo weltweite Hitserien wie „Mad Men“ und die britische Adelssaga „Downton Abbey“ kaum Zuschauer fanden.

Download-Hits

Diese Sendepolitik hat Folgen: Anhand des Filesharing-Blogs „Torrentfreak“ lässt sich nämlich folgende Regel ablesen: Je später die weltweite TV-Ausstrahlung, desto mehr wird illegal heruntergeladen.

So hat sich das Fantasy-Epos „Game of Thrones“ zu einem weltweiten Hit entwickelt – und dass trotz oder wohl eher dank ihres Status, König der illegal heruntergeladenen Serien zu sein: Die Folgen der im Frühjahr gezeigten dritten Staffel wurden jeweils 5,2 Millionen Mal illegal heruntergeladen. Produziert wird die Serie vom Bezahlsender HBO, der schon „Die Sopranos“ und „Sex and the City“ zeigte.

Dort scheinen die Downloads nicht wirklich zu stören: „Ich sollte das wahrscheinlich nicht sagen, aber auf eine Art ist das ein Kompliment“, sagte jedenfalls Programmdirektor Michael Lombardo dem US-Magazin „Entertainment Weekly“. Vielleicht, weil sich die Serie dank dieser unfreiwilligen Werbung auch zum größten DVD-Erfolg des Senders entwickelt hat.

Die Sender müssen nun darauf reagieren, dass sich die Verhältnisse geändert haben. Teilweise tun sie das auch: RTL 2 konnte sich beispielsweise im Jahr 2012 über zweistellige Quoten freuen, als er – Stichwort „Binge-Watching“ – die erste Staffel von „Game of Thrones“ komplett an einem Wochenende zeigte. Und seitdem in Deutschland der Bezahlsender Sky Go die – unsynchronisierten – Folgen der Fantasy-Serie jeweils einen Tag nach der US-Ausstrahlung zeigt, nahmen hierzulande die illegalen Downloads ab.

Neue Serien nur fürs Netz

Das Netflix-System geht jedoch viel weiter: Für die Kunden des Dienstes wird explizit ein eigenes Programm produziert. Dieses kann anschließend wann, wo und wie man will abgerufen werden. Ein Service, der laut Spacey die Anzahl illegaler Downloads noch weiter eindämmen könne: „Einige werden weiter stehlen, aber ich glaube, mit diesem neuen Modell können wir Piraterie entscheidend verringern.“

Just entstehen weitere Netflix-Serien, darunter die Comedy „Orange is the new Black“. Und auch die Konkurrenz freundet sich mit dem Modell an: Amazon kündigt an, in Zukunft eigene Serien zu produzieren, unter anderem eine namens „Alpha House“ mit illustren Schauspielern wie John Goodman und Bill Murray. Doch während Netflix in Deutschland nicht zu beziehen ist, könnte man die Amazon-Serien über deren Anbieter Lovefilm bekommen.

Ausgezeichnet wurde „House of Cards“ trotz der Nominierungen übrigens nur mit einem Emmy für Regisseur David Fincher. Doch das will nicht heißen, dass die Serie und besonders ihre Produktionsweise nicht den Anfang vom Ende des etablierten Systems markieren könnte.

Den Serienfans ist das übertragene Medium laut Kevin Spacey nämlich herzlich egal: „Für die Kinder, die heute aufwachsen, macht es keinen Unterschied, ob sie ,Avatar‘ auf ihrem iPad gucken oder YouTube auf dem Fernseher oder ,Game of Thrones‘ auf ihrem Computer. Es geht um die Inhalte. Es geht um die Geschichten.“


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