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„Enormer Bedarf nach deutschsprachigen Imamen“

Lobt Minister Schünemann: Prof. Bülent Ucar. Foto: OsterfeldLobt Minister Schünemann: Prof. Bülent Ucar. Foto: Osterfeld

Im Interview mit unserer Zeitung äußert sich Prof. Bülent Ucar, Leiter des Osnabrücker Zentrums für Interkulturelle Islamstudien, zur Imamausbildung in Deutschland. Dazu findet vom 25. bis 27. Februar eine internationale Tagung in Osnabrück statt.

Professor Ucar, welches Ziel hat die Tagung zur Imamausbildung?

Wir wollen das Signal aussenden, dass in Deutschland der Bedarf nach einer Ausbildung von Imamen immens ist. Wir brauchen Imame, die in Deutschland heimisch sind und auf die religiösen Bedürfnisse der Muslime reagieren können. In dieser Tagung möchten wir Fragen rund um die Imamausbildung kritisch reflektieren und kontrovers debattieren.

Wie viel Interessierte wollen sich denn ausbilden lassen?

Der Bedarf ist enorm. Wir merken das am Masterstudiengang Islamische Religionspädagogik. Weil die Einstellungsvoraussetzungen hoch sind – zwei abgeschlossene Lehramts-Fächer –, müssen wir viele Interessierte nach Hause schicken. Wir wissen, dass Hunderte Muslime aus Deutschland in Istanbul und Ankara studieren, weil die türkische Regierung dort jeweils einen internationalen Studiengang eingerichtet hat. Das zeigt das große Interesse.

Wie steht d er Dachverband Türkisch-Islamische Union (DITIB) zur Imamausbildung in Deutschland?

Die DITIB wünscht eher eine Imamausbildung in der Türkei, auch weil diese Imame zu hundert Prozent vom laizistischen türkischen Staat bezahlt werden und damit Staatsbeamte sind. Würde man Imame in Deutschland ausbilden, fiele diese Bezahlung weg. Das ist ein entscheidendes Kriterium dafür, warum die DITIB dies ablehnt.

Kann die Imamausbildung in Osnabrück als Vorbild für andere Länder dienen?

Wir bekommen Anfragen aus ganz Europa und sogar aus den USA. Das zeigt, dass westliche Staaten die Brisanz mittlerweile verstanden haben. Jahrzehntelang wurde das Thema ausgeklammert. Mittlerweile hat die Politik Gott sei Dank verstanden, dass die Rolle der Imame auch für die Integration der Muslime wichtig ist. Ich hoffe nur, dass man das Thema in beide Richtungen anpackt.

Was heißt in beide Richtungen?

Zum einen müssen die Sensibilitäten bei der Berufung von Hochschullehrern beachtet werden. Es hilft nichts, wenn wir Imame ausbilden, die von der Basis nicht akzeptiert werden. Das zeigt der Fall des Münsteraner Professors Kalisch, der grundsätzliche Lehren des Islam wie die Existenz Muhammads in Zweifel zieht. Theologen müssen aus dem islamischen Mainstream kommen, damit sie als religiöse Autoritäten anerkannt werden. Selbstverständlich müssen sie wissenschaftliche Kriterien einhalten. Die Studenten und Dozenten zugleich dürfen nicht ultrakonservativ oder Fundamentalisten-Extremisten sein, sondern müssen dem Mainstream in der Mehrheitsgesellschaft angehören, also auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und damit im Universitätsbetrieb akzeptiert werden.

Gibt es Reaktionen aus der Türkei?

Der Islam in Deutschland besteht nicht nur aus Türkischstämmigen. Wir haben auch Muslime aus Marokko, aus Bosnien, aus arabischen Ländern und deutschstämmige Muslime. Man muss die ganze Palette zur Kenntnis nehmen. Auch im türkisch geprägten Islam gibt es verschiedene Richtungen: Aleviten, Sunniten, Schiiten. Und innerhalb der Sunniten gibt es unterschiedliche Verbände. Dieser Vielfalt muss man gerecht werden. Es hilft nicht weiter, vereinfachend den Blick nur auf die Türkei oder auf eine bestimmte Organisation zu richten.

Sind im Studium kritische Fragen zum Leben Muhammads oder zum Koran möglich?

Wissenschaft beansprucht, die Meinungsvielfalt innerhalb eines Faches darzulegen. Das heißt, über kritische Äußerungen zur Echtheit des Korans oder die Frage, ob Muhammad tatsächlich gelebt hat, muss man kontrovers diskutieren. Aber man muss auch fragen, ob Meinungen wissenschaftlich abgesichert sind. Man darf nicht irgendwelche Haltungen zur Erkenntnis der Wissenschaft hochstilisieren. Sofern Thesen wissenschaftlich haltbar sind, müssen sie selbstverständlich im Theologiestudium neben anderen Meinungen dargelegt werden.

Sollten Imame in Deutschland auf Deutsch predigen?

Mein Kollege Rauf Ceylan fordert seit rund zehn Jahren, die Imamausbildung nicht auszublenden. Langfristig werden wir Imame in Deutschland haben, die Deutsch sprechen. Derzeit sind viele Moscheevereine eher ethnisch organisierte Heimatvereine. Aber auf Dauer werden sich multiethnische Gemeinden bilden, wo Muslime mit unterschiedlicher Muttersprache zusammenkommen. Dann wird man nur noch den Bedarf haben nach Imamen, die auf Deutsch predigen. Aber dieser Prozess wird noch mindestens zehn Jahre dauern. Gerade deshalb muss man zügig vorankommen. In dem Moment, in dem wir in Deutschland ausgebildete Imame haben, kann der Staat den Zuzug von Imamen aus dem Ausland erschweren.

Wie sind Sie mit der Unterstützung Niedersachsens zufrieden?

Ich bin kritisch gegenüber allen Seiten, das gehört zur Wissenschaft dazu. Aber dem Land Niedersachsen muss ich ein großes Lob aussprechen: Innenminister Schünemann hat bereits vor der Erklärung des Wissenschaftsrats laut danach gerufen, die Imamausbildung nach Deutschland zu holen. Er hat es nicht nur angekündigt, wie das Politiker häufig tun, sondern auch erste Schritte eingeleitet. Herr Schünemann ist Vorreiter, das rechne ich ihm hoch an. Die finanzielle Grundausstattung für den Weiterbildungsstudiengang, den wir zum Wintersemester starten wollen, ist abgesichert. Jetzt brauchen wir dieselbe Unterstützung bei der Gründung eines Instituts für islamische Theologie!


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