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Hallo, Welt! Salamworld, ein Netzwerk für Muslime: Noch nicht online, aber schon heiß diskutiert

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Muslime auf der ganzen Welt will das soziale Netzwerk Salamworld künftig miteinander verbinden. Fotos: colourbox/Montage: Matthias MichelMuslime auf der ganzen Welt will das soziale Netzwerk Salamworld künftig miteinander verbinden. Fotos: colourbox/Montage: Matthias Michel

Die Übersetzung klingt wie eine freundliche Begrüßung: „Salam“ ist das arabische Wort für Frieden und ein typischer Gruß, ähnlich dem deutschen „Hallo“. Salamworld – Hallo, Welt! So heißt das muslimische soziale Online-Netzwerk, dasim Juli an den Start gehen soll. Seit Monaten werben dieMacher weltweit heftig damit, dass Nutzer hier nur auf In-halte treffen werden, die „halal“ sind – also islamkonform. Kritiker wittern eine mögliche Zensur.

Als „muslimische Antwort auf Facebook“ wird Salamworld in Medienberichten immer wieder bezeichnet. Akif Sahin hält diesen Vergleich für unpassend. „Ob sich Salamworld mit dem Giganten Facebook messen kann, wird sich erst herausstellen müssen“, sagt der Social-Media-Experte, der in seinem Blog über den Islam und das Internet schreibt. Er sieht in der neuen Plattform eher einen „Service für Muslime“.

Damit spielt Sahin auf die zahlreichen Angebote an, die Salamworld neben den typischen Netzwerk-Anwendungen wie dem Hochladen von Urlaubsfotos plant: Es soll eine Bibliothek geben für islamische Texte, eine Online-Beratung, in der sich Nutzer an religiöse Gelehrte wenden können, einen Service, der Pilgerreisen organisiert, eine Gebetszeiten-App oder die Möglichkeit zu theologischen Fernkursen.

Mit diesem Bündel wollen die Macher von Salamworld punkten – und eigenen Angaben zufolge allein in den ersten drei Jahren 50 Millionen User gewinnen. Ihre Rechnung klingt so einfach wie logisch: Von den weltweit 1,5 Milliarden Muslimen seien 54 Prozent unter 25 Jahre alt und damit eine potenzielle Zielgruppe. Die Gründer, ein in Istanbul ansässiges Unternehmen, betonen allerdings, dass Salamworld keine Exklusivplattform nur für Muslime seinsoll. „Jeder, der unsere Ideen teilt, kann Mitglied werden“, sagte Geschäftsführer Abdulvahed Niyazov kürzlich der türkischen Zeitung Hürriyet Daily News.

Blogger Sahin hält dies für Augenwischerei. „Mal ehrlich, das ist ein Netzwerk für Muslime“, sagt er. „Dafür muss man sich nur die Angebote anschauen. Wer interessiert sich denn sonst für eine Beratung durch einen Online-Imam?“ Im Grunde sei die Idee zu begrüßen: eine Internetplattform, auf der sich Muslime ausführlich informieren und zahlreiche Dienstleistungen in Anspruch nehmen können. „Damit könnte Salamworld eine Marktlücke schließen“, sagt Sahin. Das breit gefächerte Angebot biete einen Mehrwert, den bisherige muslimische soziale Netzwerke wie Muxlim missen ließen.

Kritiker des Projektes fürchten jedoch, die Betreiber von Salamworld könnten durch den Anspruch, „halal“ – also islamkonform – zu sein, Inhalte ausschließen und so Zensur betreiben. Was Gründer Niyazov beispielsweise unter „haram“ als verboten und unislamisch versteht, sagte er der Zeitung Hürriyet Daily News: „Manche Videos von Madonna sind ,haram‘.“ Andere kritische Stimmen bemängeln darüber hinaus das Grundprinzip eines Netzwerks mit konkreten religiösen Angeboten. Sie sehen darin den Versuch, die Idee einer weltumspannenden muslimischen Gemeinde zu propagieren, die über alle nationalen und ethischen Unterschiede hinwegsieht. Dann hätten die Macher von Salamworld die Möglichkeit, „mit den Usern dieser Plattform Politik zu machen“, sagte etwa die Journalistin Dorothea Jung im Deutschlandradio.

Tatsächlich wird ein wichtiger Faktor von Salamworld sein, dass Dritte von außen islamkonforme Inhalte wie etwa religiös relevante Nachrichten bereitstellen – anders als bei Facebook, das gerade davon lebt, von den Nutzern selbst gestaltet zu werden. Für Social-Media-Experte Sahin ist dieses Vorgehen von Salamworld Chance und Risiko zugleich. „Es könnte eine Möglichkeit schaffen, sich moderat über den Islam zu informieren“, sagt er und verweist darauf, dass bisher diejenigen jungen Muslime, die sich radikalisieren, ihr gefährliches Gedankengut oft aus dem Internet beziehen. Allerdings erkennt auch Sahin die Gefahr, dass die Betreiber ihre Macht ausnutzen und Inhalte ihren Ansichten entsprechend platzieren oder eben ausschließen könnten.

Diese Befürchtung wird befeuert von dem Problem, dass nicht allgemeingültig feststeht, welche Inhalte überhaupt „halal“ sind. „Was islamkonform ist, wird unter Muslimen aller Glaubensrichtungen weltweit ständig diskutiert“, sagt der Muslim Sahin. Im sozialen Netzwerk werde das künftig kaum anders sein, vermutet er.

Bisher präsentiert sich Salamworld als große Vision, Muslime aus aller Welt in einem Netzwerk zu vereinen. Firmenangaben zufolge stehen bereits 100000 Menschen auf der Warteliste, die sofort informiert werden wollen, wenn es losgeht. Der Start ist inzwischen für Juli 2012 angesetzt – aber Sahin rät, diese Ankündigung mit Vorsicht zu genießen: „Es hieß auch schon, Salamworld würde Ende 2011 online gehen.“

In acht Sprachen soll die erste Version der Plattform erscheinen. Deutsch ist nicht darunter. Trotzdem waren die Macher aus Istanbul im Dezember 2011 in Köln und haben auf einer Veranstaltung für Salamworld geworben. Laut Sahin waren etwa 200 geladene Gäste da, vor allem Vertreter türkischer Verbände in Deutschland.

Der Social-Media-Experte prophezeit übrigens: „Salamworld wird auf die Nase fallen.“ Zu viel Aufregung im Vorfeld,zu viele Erwartungen, die geweckt würden – er glaubt nicht, dass sich junge Muslime dauerhaft und mit Begeisterung auf ein Netzwerk einlassen, in dem sie nur auf andere Muslimetreffen. Derzeit ist dies jedoch alles noch Zukunftsmusik. Das Konzept der Salamworld-Gründer wird sich erst beweisen müssen.


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