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"Die Mutter flehte um ihr Leben"

Ganz in Schwarz gekleidet, etwas blass und mit hängenden Schultern tritt der Angeklagte in den Sitzungssaal. Die Taten, für die der 20-jährige Quakenbrücker sich seit gestern vor der Jugendkammer des Landgerichts Osnabrück verantworten muss, liegen ein halbes Jahr zurück: Mit 19 Stichen hat er seine 39 Jahre alte Mutter erstochen. Einen 13-jährigen Jungen, der zufällig am Tatort vorbeikam, versuchte er laut Anklage zu ermorden, um die erste Straftat zu verdecken.

Der Junge, der sich am See mit Kameraden zum Nachtangeln treffen wollte, hatte damals unvorstellbares Glück. 25 Stichwunden trug er davon. Leber, Niere, Zwölffingerdarm wurden verletzt. "Vier Notoperationen in einer Woche waren notwendig. Eine Niere und die Gallenblase wurden entfernt ", sagt die Staatsanwältin. Der heute 14-Jährige lebt, weil Passanten aufmerksam wurden und sofort den Rettungswagen verständigten.

Das Schöffengericht muss an den zunächst vier vorgesehenen Verhandlungstagen klären, warum es zur Tat kommen konnte, wie eine gerechte Strafe für den Angeklagten zu bemessen ist. Und es muss eine Antwort auf die Frage finden, die viele Menschen in der Region bewegt: Warum bringt jemand die eigene Mutter um? 13 Zeugen sind bisher geladen. Im Mittelpunkt des Verfahrens stehen zudem drei Gutachten von einem Gerichtsmediziner sowie zwei Psychiatern.

In einem umfassenden Geständnis hat der Angeklagte bereits die Taten eingeräumt. Die gestern von der Staatsanwältin vorgetragene Anklage hat weitere Details des Verbrechens genannt. Sie lassen keinen Zweifel an der Brutalität der Tat. Heimtücke und niedrige Beweggründe erfüllen laut Anklage den Tatbestand des Mordes.

Spätabends am 20. Oktober des vergangenen Jahres, etwa gegen 23 Uhr, hat der Beschuldigte nach Ansicht der Staatsanwältin "den Entschluss gefasst", seine Mutter zu töten - für den Fall, dass sie in einem drohenden Prozess gegen ihn wegen Unterschlagung nicht zu seinen Gunsten falsch aussagen würde. Es ging damals um rund 750 Euro, die in der Kasse eines Dart-Vereins fehlten, in dem Mutter und Sohn Mitglied waren. "Die Mutter hatte allerdings einige Tage zuvor deutlich gemacht, dass sie nicht falsch aussagen wollte", sagt die Staatsanwältin.

Der Sohn verabredete sich an jenem Abend mit seiner Mutter, die damals als Taxifahrerin in der Nachtschicht arbeitete. Der 20-Jährige rechnete offenbar nicht mehr damit, seine Mutter umstimmen zu können. Die Staatsanwältin: "Der Angeklagte nahm sich ein Messer aus dem Messerblock, außerdem Einweghandschuhe und eine Socke, um darin ein eventuell blutverschmiertes Messer zu transportieren."

Auf der gemeinsamen Taxifahrt vom Quakenbrücker Marktplatz zum nahe gelegenen Deichsee täuschte der Sohn Übelkeit vor. Mutter und Sohn stiegen schließlich aus dem Taxi. Der Motor lief, das Abblendlicht blieb eingeschaltet. "Plötzlich fuchtelte der Angeklagte mit dem Messer vor seiner Mutter herum und hat es ihr dann unvermittelt in den Bauch gerammt", fährt die Staatsanwältin fort.

Danach müssen sich der Staatsanwältin zufolge dramatische Szenen abgespielt haben: "Die Mutter versprach ihrem Sohn Geld. Sie flehte ihn an, einen Krankenwagen zu rufen, reichte ihm dafür ihr Handy. Aber der Angeklagte stach weiter auf das entkräftete Opfer ein." Im verzweifelten Kampf um ihr Leben hat die Mutter laut Staatsanwältin ihrem Sohn zugerufen: "Warum tust du mir das an?" Um einen Raubmord vorzutäuschen, durchwühlte der Sohn das Taxi, wurde dabei dann von dem Jungen überrascht und griff erneut zum Messer.

Der mutmaßliche Täter soll erst am nächsten Verhandlungstag am 4. Mai aussagen. Dann wird möglicherweise auch die Frage geklärt, ob der Angeklagte nach Erwachsenen-Strafrecht oder nach dem milderen Jugendstrafrecht behandelt wird. Ein Urteil wird für Mitte Mai erwartet.


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