zuletzt aktualisiert vor

Gestatten, Gronausaurus! Berliner Forscher macht sensationellen Skelett-Fund im Keller des Geomuseums Münster

Von Michael Billig

Meine Nachrichten

Um das Thema Vermischtes Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Münster. Ein Berliner Forscher hat in Münster einen phänomenalen Fund gemacht. Er hat eine neue Art von Saurier entdeckt, den Gronausaurus. Dieser schwimmende Räuber lebte vor 137 Millionen Jahren. Die letzten einhundert Jahre schlummerte sein Skelett unerkannt im Geomuseum der Universität Münster. Es wurde 1912 aus einer Tongrube im nordrhein-westfälischen Gronau geborgen, einer anderen Gattung zugeordnet und mit falscher Identität ausgestellt.

Oliver Hampe, Experte für urzeitliche Meeresreptilien am Naturkundemuseum in Berlin, deckte diesen Irrtum jetzt auf. „Das Skelett war noch nie wissenschaftlich bearbeitet worden“, sagt er. Hampe holte nach, was jahrzehntelang versäumt wurde. Er unterzog die Überreste des Sauriers einer genauen Untersuchung und stellte fest, dass er es mit einem weltweit einzigartigen Exemplar zu tun hat. Der Forscher taufte die bis dahin unbekannte Spezies „Gronausaurus wegneri“.

„Der Name geht zurück auf den Fundort und den Entdecker“, erklärt Markus Bertling, Leiter des Geomuseums in Münster. Als Entdecker gilt der Paläontologe Theodor Wegner. Wegner hatte das Skelett vor exakt 101 Jahren aus einer Tongrube gerettet. Schädelfragmente, Wirbel, Rippenstücke sowie Teile des Beckens und der Flossen waren über Jahrmillionen von der Erde konserviert worden. Der Steinbruch in Gronau gilt unter Paläontologen als Schatzgrube für die Erforschung der Urzeit. Dort förderten sie schon Fischfossilien, Schildkrötenreste, Hai- und Krokodilzähne zutage. „In derselben Grube hatte Theodor Wegner zwei Jahre zuvor einen anderen Saurier gefunden“, erzählt Bertling. Wirbeltier-Experte Wegner habe den ersten Fund als eigene Art bestimmt und ihn nach dem berühmten deutschen Paläontologen Wilhelm von Branca benannt: Brancasaurus brancai.

Der gleiche Fundort und die Ähnlichkeit der Knochen führten jahrzehntelang zu der Annahme, dass es sich bei dem zweiten Saurier um ein und dieselbe Gattung handelt. „Wir waren davon ausgegangen, dass es ein zweiter Brancasaurus ist“, sagt Museumsleiter Bertling. Er spricht bei beiden Urwesen noch heute von „Brüdern“. Zwar vermutete bereits Mitte der 1990er-Jahre ein Wissenschaftler, dass bei dem zweiten Exemplar womöglich eine andere Spezies vorliegt. Doch machte sich niemand die Mühe, diese Zweifel wissenschaftlich zu überprüfen. So blieb die wahre Identität des Gronausaurus im Dunkeln. Als Brancasaurus schmückte er die Ausstellung – bis das Museum nahe Münsters Domplatz im Jahr 2007 wegen Sanierung geschlossen wurde und der Saurier im Depot verschwand.

Erst Oliver Hampe holte das Skelett wieder hervor. Er sagt, dass schon Entdecker Wegner in seinen Aufzeichnungen bezweifelt hatte, dass es sich tatsächlich um die Überreste eines Brancasaurus handelt. „Allerdings nur in einem Satz“, relativiert Hampe. Doch dieser Satz und ein flüchtiger Blick auf die Knochen reichten dem Saurier-Forscher aus Berlin. Hampe ahnte, dass hier etwas im Verborgenen lag. Er beschloss, den eingemotteten Zeugen der Urzeit genau unter die Lupe zu nehmen. Besonders die Wirbel beschäftigten ihn. „Markant sind die sich unterhalb der Querfortsätze der Brust- und Rückenwirbel befindlichen Gruben“, sagt Hampe. Es sind nur Details, die den Gronausaurus von seinem „Bruder“ unterscheiden. Doch für Paläontologen sind sie ausschlaggebend, um eine neue Art zu bestimmen. Hampe schließt aus der Form der Wirbel, dass der Gronausaurus über eine starke Rückenmuskulatur verfügte und besonders gut durchs Wasser manövrieren konnte. „Er war ein regelrechter Unterwasser-Flieger“, schwärmt Hampe. Der Gronausaurus lebte zur frühen Kreidezeit in küstennahen Gewässern, etwa einem Fluss-Delta. Das verraten die Ablagerungen an den Knochen. „Mikroorganismen und Muscheln zeigen, dass es auf jeden Fall Brackwasser war“. Dort machte der Räuber Jagd auf andere Tiere. „Er hat ein typisches Fischfresser-Gebiss“, so der Experte.

Auch wenn das Skelett nicht vollständig ist, wagt Hampe eine vorsichtige Angabe zur Größe des Schwimmsauriers aus Gronau. „Ich schätze, er war drei bis dreieinhalb Meter lang.“ Damit zählt der Gronausaurus zu den kleineren Exemplaren der sogenannten Plesiosaurier. Kennzeichnend für diese Gruppe ausgestorbener Meeresreptilien sind paddelförmige Flossen, ein lang gestreckter Hals und ein im Verhältnis dazu kleiner Kopf. Ausgewachsene Plesiosaurier erreichten eine Körperlänge von bis zu 15 Metern.

Dass 100 Jahre ins Land gehen mussten, ehe jemand den Gronausaurus identifiziert, erstaunt Museumsleiter Markus Bertling kaum. „Die Masse unserer Funde ist noch unbestimmt“, sagt der Paläontologe. Auch für Oliver Hampe ist die späte Entdeckung nicht ungewöhnlich. Erst in jüngerer Vergangenheit seien aus dem großen Fundus der Tendaguru-Expedition, die zwischen 1909 und 1912 tonnenweise Dinosaurier-Knochen aus Afrika ins Berliner Naturkundemuseum geliefert hatte, neue Arten bestimmt worden, erklärt der Wissenschaftler.

Weil die Sanierung des Geomuseums in Münster andauert, lagern Funde und Exponate noch immer in einem Depot. Im Frühjahr 2015, so hofft Leiter Bertling, wird dasHaus mit der größten Fossilien-Sammlung Westfalens wieder seine Türen öffnen. Auch der Gronausaurus, der zuletztin einer Ausstellung in Enschede gastierte, soll zu sehen sein, dann endlich unter seinem richtigen Namen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN