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Abschied der Kanzlerin Angela Merkel verkneift sich Tränen beim Großen Zapfenstreich

Großer Zapfenstreich für Angela Merkel: Die scheidende Bundeskanzlerin wird von der Bundeswehr verabschiedet.Großer Zapfenstreich für Angela Merkel: Die scheidende Bundeskanzlerin wird von der Bundeswehr verabschiedet.
dpa/Odd Andersen

Berlin. Angela Merkel (CDU) hat sich zum Ende ihrer 16-jährigen Amtszeit beim Großen Zapfenstreich der Bundeswehr als Bundeskanzlerin verabschiedet. Bei ihrem Musikwunsch musste sie sich Tränen verkneifen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zur Verteidigung der Demokratie gegen Hass, Gewalt und Falschinformationen aufgerufen. Überall da, wo wissenschaftliche Erkenntnis geleugnet, Verschwörungstheorien und Hetze verbreitet würden, müsse Widerspruch laut werden, sagte sie am Donnerstagabend beim Großen Zapfenstreich zu ihren Ehren im Bendler-Block in Berlin. 

"Unsere Demokratie lebt auch davon, dass überall da, wo Hass und Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen erachtet werden, unsere Toleranz als Demokratinnen und Demokraten ihre Grenze finden muss."

Letzter Zapfstreich zur Beendigung des Afghanistan-Einsatzes

Mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedete sich die Bundeswehr von der CDU-Politikerin nach 16 Jahren im Amt. Die Zeremonie ist die höchste Würdigung der Streitkräfte und vor allem Bundespräsidenten, Kanzlern und Verteidigungsministern vorbehalten. Zuletzt hatte es vor dem Reichstagsgebäude einen Großen Zapfenstreich zur Beendigung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr gegeben.

Merkel verkneift sich Tränen bei ihrem Musikwunsch

Merkel sitzt während der Zeremonie in schwarzem Mantel mit schwarzen Handschuhen auf einem roten Podest, links von ihr Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, auf der Rechten Generalinspekteur Eberhard Zorn, der ranghöchste Soldat der Bundeswehr. Es ist die höchste Würdigung, die die Streitkräfte einer Zivilperson zuteilwerden lassen können.

Bei ihrem Abschied hatte die Kanzlerin auch leicht feuchte Augen, als das Stabsmusikkorps der Bundeswehr schmissig "Du hast den Farbfilm vergessen" von Nina Hagen spielt – ob das nur an der Kälte des Abends liegt? Die Mundwinkel zucken ein wenig, ganz leicht bewegt die Kanzlerin manchmal den Kopf im Takt des DDR-Erfolgshits der Punk-Ikone hin und her. Als die Kapelle danach Hildegard Knefs "Für mich soll's rote Rosen regnen" intoniert, sieht es dann doch schon deutlich nach Rührung und etwas Abschiedsschmerz aus – es scheint als müsse die Kanzlerin auch eine Träne unterdrücken.

Coronabedingt konnten wesentlich weniger Gäste teilnehmen als üblich. Unter den Gästen waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der designierte künftige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Ihm und seiner Regierung wünschte Merkel in ihrer Rede vor dem Beginn der eigentlichen Zeremonie "alles, alles Gute und eine glückliche Hand und viel Erfolg".

dpa/Michael Kappeler

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Die Kanzlerin betonte: "Die 16 Jahre als Bundeskanzlerin waren ereignisreiche und oft sehr herausfordernde Jahre. Sie haben mich politisch und menschlich gefordert. Und zugleich haben sie mich immer auch erfüllt."

Merkel erinnerte unter anderem an die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und an die Flüchtlingskrise 2015. Schon diese hätten deutlich gemacht, wie sehr man auf die internationale Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg angewiesen sei. "Wie unverzichtbar internationale Institutionen und multilaterale Instrumente sind, um die großen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen zu können – den Klimawandel, die Digitalisierung, Flucht und Migration."

Merkel dankt Ärzten und Pflegern in der Corona-Krise

"Ich möchte dazu ermutigen, auch zukünftig die Welt immer auch mit den Augen des Anderen zu sehen, also auch die manchmal unbequemen und gegensätzlichen Perspektiven des Gegenüber wahrzunehmen, sich für den Ausgleich der Interessen einzusetzen", sagte Merkel weiter. Zugleich zeigte sie sich "überzeugt, dass wir die Zukunft auch weiterhin dann gut gestalten können, wenn wir uns nicht mit Missmut, mit Missgunst, mit Pessimismus, sondern (...) mit Fröhlichkeit im Herzen an die Arbeit machen." So habe sie selbst es immer gehalten.

Merkel dankte auch ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie ihrer Familie für die Unterstützung in den Jahren ihrer Kanzlerschaft. Sie erinnerte zudem an diejenigen, die sich im selben Moment "mit all ihrer Kraft der vierten Welle der Pandemie entgegenstemmen". Merkel nannte Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Impfteams und Helfer der Bundeswehr und der Hilfsorganisationen. "Ihnen allen gebühren mein und unser aller besonderer Dank und höchste Anerkennung."

Ursprünge des Zapfenstreichs

Die Ursprünge des Zapfenstreichs liegen in der Zeit der Landsknechte des 16. Jahrhunderts. Damals gab ein Truppenführer in Gasthöfen und Tavernen mit einem Streich auf die Zapfen der Getränkefässer den Beginn der Nachtruhe bekannt – daher der Name "Zapfenstreich". Danach durften die Wirte nicht mehr an die Soldaten ausschenken. Im Laufe der Jahrhunderte wurde dieses Signal durch Trompeten-, Flöten- und Trommelspiel musikalisch angereichert.

Umfangreiche Diskussionen zur Musikauswahl

Das Zeremoniell entstand in seiner heutigen Form im frühen 19. Jahrhundert in der Zeit der Befreiungskriege, als das Ritual durch ein kurzes Abendlied und dann auch um ein Gebet ergänzt wurde. Der Große Zapfenstreich der Bundeswehr besteht heute aus dem "Locken" der Spielleute, dem Auftritt des Musikkorps und der berittenen Truppen, einem Gebet und der Nationalhymne.

Wie alle auf diesem Weg Geehrte durfte sich Merkel drei Musikstücke aussuchen. Sie entschied sich für das Kirchenlied "Großer Gott, wir loben Dich", den Chanson "Für mich soll's rote Rosen regnen" von Hildegard Knef sowie für Nina Hagens Schlager "Du hast den Farbfilm vergessen". Die Punk-Sängerin hatte damit 1974 einen Hit in der DDR. Merkel studierte damals in Leipzig Physik.

Die zum Teil ungewöhnlichen Wünsche stellten die Militärmusiker vor eine schwierige Aufgabe: Die Stücke von Hagen und Knef seien im Notenarchiv des Bundeswehr-Orchesters nicht vorhanden gewesen, berichtete die Berliner "taz" unter Berufung auf den Dirigenten.

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Viel Kritik an der militärischen Zeremonie

Merkel ist erst die zweite Frau, die von der Bundeswehr mit einem Großen Zapfenstreich geehrt wird. Die erste war Ursula von der Leyen bei ihrem Abschied als Bundesverteidigungsministerin im August 2019.

Kritiker des Großen Zapfenstreichs sehen das militärische Zeremoniell in der unmittelbaren Tradition von preußischen Paraden und Hitlers Fackelzügen und sprechen von einem Symbol des preußischen und deutschen Militarismus.


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