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Eine Gegenbewegung formiert sich Am Online-Pranger - Im Internet wird gepöbelt, gehetzt, gemobbt

Von Michael Schiffbänker

Mobbingopfer sollten die Attacken melden, raten Experten. Foto: colourboxMobbingopfer sollten die Attacken melden, raten Experten. Foto: colourbox

Osnabrück. Atomkraft, das sei ein guter Vergleich, sagt Heinz Thiery. Er ist der Leiter der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). Bislang hat er über Mobbing im Internet gesprochen, erklärt, wie das ist, wenn Menschen Webseiten einzig zu dem Zweck nutzen, andere zu schikanieren und bloßzustellen. Alles anonym und ohne die Gefahr, sich selbst zu offenbaren. Dann sind ihm die Parallelen zur Atomkraft eingefallen: eine Technik, die dem Menschen helfe, aber gleichzeitig gewaltige Risiken berge.

„Wenn dann der GAU eintritt, gibt es keine Pläne, wie damit umzugehen ist.“ Was die Kernschmelze im japanischen Fukushima für die Atomenergie ist, ist die Seite isharegossip.com für das Internet: ein Signal, dass etwas aus dem Ruder läuft und nicht zu beherrschen ist.

Die Seite solle mehr Transparenz im Netz schaffen, heißt es vonseiten der Betreiber. Tatsächlich nutzen Jugendliche isharegossip vor allem, um andere Menschen zu verunglimpfen. Mitschüler werden als hässlich und übergewichtig angeprangert – und das sind noch die harmlosesten Formen der verbalen Gewalt. Schüler lassen sich über mangelnde Fähigkeiten ihrer Lehrer im Unterricht aus und spekulieren über deren angebliche sexuelle Vorlieben. Manchmal stellen sie sogar Fotos von den Beschimpften ein.

Cybermobbing nennen Thiery und andere Fachleute diese Art des Online-Pöbelns. Vor einigen Tagen hat das Cybermobbing das Netz verlassen. Ein Jugendlicher wurde von anderen zusammengeschlagen, weil er einen der Täter zur Rede stellen wollte. Der hatte nämlich die Freundin des Opfers auf der Homepage beschimpft.

Über 50 Anzeigen gegen isharegossip lägen ihnen vor, sagt Günter Wittig von der Staatsanwaltschaft in Frankfurt. Meist geht es um Beleidigung und Bedrohung. „Da liegen die strafrechtlichen Sanktionen am unteren Ende der Skala“, sagt Wittig. Trotzdem ermittelt die Staatsanwaltschaft seit nunmehr zwei Monaten. Zum Stand der Ermittlungen lässt sich Wittig keinen Kommentar entlocken. Zu gefährlich. Die Betreiber seien kaum festzumachen, die Seite laufe über eine lettische Firma. „Das Ganze war von Anfang an auf Verschleierung ausgelegt. Um die Betreiber zu erwischen, brauchen wir einen langen Atem.“ Doch laut Wittig ist das, wofür solche Internetseiten stehen, nicht allein strafrechtlich zu bekämpfen. Er sieht die Schulen und Eltern gefordert.

Damit steht er nicht allein. Angela Ittel, Professorin für pädagogische Psychologie an der TU Berlin, fordert Präventivarbeit: „Eltern müssen Gesprächsbereitschaft eröffnen.“ Dafür müssten sie sich allerdings zunächst über das informieren, was im Netz passiert. Es reiche nicht, den Kindern zu sagen: Dann geh halt nicht auf die Homepage. „Das funktioniert nicht“, sagt Ittel, „denn dort, im Internet, ist der Freundeskreis.“ Wer nicht dort sei, werde schnell zum Außenseiter. Ittel plant derzeit eine Studie, die sich mit dem Cybermobbing befasst. Noch sei das Gebiet zu wenig erforscht. Sie will das ändern, will Opfer hören und wenn möglich auch Täter. Vor allem aber will sie die große Schar der Zuschauer erreichen. Denn die hätten die Chance einzuschreiten. „Sie sollen lernen, nicht einfach die Seiten wegzuklicken, sondern Mobbing zu melden.“

Es ist das, was Thiery eine „selbst verordnete Grundmoral“ nennt. Diese sei notwendig, um die Hemmschwelle wieder anzuheben, die Medienformate eingerissen hätten, die damit Quote machen, dass sie Menschen zeigen, die andere fertigmachen.

Auf der Homepage isharemobbing hat der Prozess begonnen. Einträge wie „Mobbt das Mobbing!“ und „schönes Wetter heute“ durchbrechen das hemmungslose Pöbeln. Noch wirkt es zwar wie Kernkraftgegner, die sich an Schienen ketten, aber ihre Zahl wächst.