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Stars rudern zurück Jan Josef Liefers zu #allesdichtmachen: "Ironie war vielleicht das falsche Mittel"

Von dpa, hus, mma

Kritik an Corona-Politik: Tatort-Star Jan Josef Liefers  gehört zu den rund 50 prominenten Film- und Fernsehschauspielern, die mit einer großangelegten Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen für Aufsehen sorgen.Kritik an Corona-Politik: Tatort-Star Jan Josef Liefers gehört zu den rund 50 prominenten Film- und Fernsehschauspielern, die mit einer großangelegten Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen für Aufsehen sorgen.
dpa/Oliver Berg

Berlin. Unter dem Hashtag #allesdichtmachen kritisieren bekannte Schauspieler die Corona-Politik. Nach heftigem Gegenwind rücken mehrere Prominente von der Aktion ab.

Immer mehr Teilnehmer von #allesdichtmachen distanzieren sich von der Protestaktion und ihren Beiträgen: Schauspielerin Ulrike Folkerts bezeichnet ihre Beteiligung inzwischen als Fehler: "Die Videos, die entstanden sind, wurden falsch verstanden, sind vielleicht falsch zu verstehen", schrieb die "Tatort"-Kommissarin am Freitagabend auf Instagram. Es tue ihr leid, "Menschen verletzt und vor den Kopf gestoßen zu haben". Die Corona-Maßnahmen bezeichnete Folkerts als "absolut richtig". Sie sei weit davon entfernt, "Querdenkern und Rechten Argumente in die Hände zu spielen", betonte sie. Die Aktion sei "schief gegangen und unverzeihlich".

Auch Schauspieler Richy Müller distanzierte sich inzwischen von der Aktion. "Ich musste feststellen, dass mein Video vielen Menschen wehgetan hat, die ich niemals kränken oder veralbern wollte", sagte der 65-Jährige dem Nachrichtensender ntv. Er sei blauäugig gewesen. 

Liefers distanziert sich von Corona-Leugnern

Jan Josef Liefers äußerte sich am Freitagabend in der Talkshow "3 nach 9" bei Radio Bremen ausführlich zu der Kritik an #allesdichtmachen: "Ironie war vielleicht das falsche Mittel", gestand der "Tatort"-Star ein. Liefers hatte in seinem am Donnerstagabend veröffentlichten Video unter anderem gesagt: "Schließlich wissen nur ganz wenige Spezialisten, was wirklich gut für uns ist." Der Clip endete mit den Worten: "Bleiben Sie gesund. Verzweifeln Sie ruhig, aber zweifeln Sie nicht." Auf die Kritik an seinem Beitrag angesprochen, stellte Liefers bei "3 nach 9" klar: "Es ging nicht darum, Rechte, Schwurbler und Wirrköpfe zu munitionieren."

Er sehe aber derzeit eine Lücke: "Es gibt nicht nur auf der Seite der Erkrankten Trauer und Leid, sondern auch auf der Seite derer, die unter diesen Maßnahmen inzwischen nun wirklich anfangen zu leiden, die sehe ich nicht so richtig vertreten." Es gebe Menschen, die man gerade verliere, weil es für sie keine Stimme gebe.

Makatsch: womöglich gescheitert?

Einen Schritt weiter ging Heike Makatsch. Ihr Video ist auf der Webseite der Kampagne mittlerweile nicht mehr zu sehen. Auf Instagram distanziert sie sich von "rechtem Gedankengut" und schreibt: "Ich habe durch Kunst und Satire den Weg gewählt, die Veränderung unserer Gesellschaft aufzuzeigen und Raum zu schaffen, für einen kritischen Diskurs." Sie habe rechten Demagogen nicht in die Hände spielen oder das Leid der Corona-Erkrankten und ihrer Angehörigen schmälern wollen. Dazu postete sie den Hashtag #womöglichgescheitert.

Makatsch hatte in einem Video mehrfach das Klingeln an ihrer Tür ignoriert und erklärt: "Vielleicht stapeln sich da draußen die Pakete und die Pizzas, aber damit müssen wir klarkommen." Sicherheitshalber werde sie die Tür nicht aufmachen.

#allesdichtmachen: Initiator Wunder erklärt Promi-Aufstand

Die Initiatoren der Aktion #allesdichtmachen wollen nach eigenen Angaben die Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie "weiter auf breiter Basis diskutiert sehen".  Künstler wie Ulrich Tukur, Volker Bruch, Meret Becker, Ulrike Folkerts, Richy Müller, Heike Makatsch, Jan Josef Liefers und viele weitere hatten am Donnerstag bei Instagram und auf der Videoplattform Youtube gleichzeitig ironisch-satirische Clips mit persönlichen Statements zur Coronapolitik der Bundesregierung verbreitet. 

Kommentar: #allesdichtmachen ist ein Desaster für die ganze Kulturszene

#allesdichtmachen: Wer dahinter steckt

Im Impressum der Seite allesdichtmachen.de war der wenig bekannte Regisseur Bernd Wunder als verantwortlich genannt. Wunder sagte der dpa am Freitag, er sei nicht der Initiator, sondern Teil einer großen Gruppe. Es gehe bei der Aktion darum, die Angemessenheit der Maßnahmen zu diskutieren. Er selbst habe kein Video gepostet, weil er kein Schauspieler sei, sagte Wunder. Deswegen habe er im Hintergrund agiert und organisiert. So sei er im Impressum gelandet.

Sehen Sie im Video: Schauspieler sorgen mit #allesdichtmachen für Aufsehen


Auf Wunders – inzwischen auf privat gestellten – Instagram-Account ist teils heftige Kritik gegen Corona-Maßnahmen zu finden, Befürworter werden "Coronazis" genannt. Dies würde er heute nicht mehr wiederholen, sagte Wunder.

In einem zuvor an die dpa übermittelten Statement Wunders war von einem "Verbund von Kulturschaffenden" als Initiatoren die Rede, sie stellten klar:

„Weder leugnen wir Corona, noch stellen wir die Gefahr, die von der Krankheit ausgeht, in Abrede.“Initiatoren #allesdichtmachen

Die Initiatoren weiter: "Dennoch halten wir es für angemessen und erforderlich, den Umgang mit der Krankheit und die daraus abgeleiteten Maßnahmen wieder und wieder öffentlich zu diskutieren und besprechen." Die Kampagne habe "bewusst die Stilmittel der Übertreibung, der Satire, der Ironie und der Zuspitzung" gewählt. Es gehe darum, "den Diskussionsraum wieder zu öffnen und andere Meinungen zu hören". Es sei zu diskutieren, "ob die in den letzten zwölf Monaten angeordneten Maßnahmen in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens angemessen, zielführend und sinnvoll sind".

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Gesundheitsminister Spahn bietet Dialog an

Am Freitagmittag äußerte sich bereits Gesundheitsminister Jens Spahn zu der Aktion und machte den Initiatoren ein Dialogangebot. Er könne sich gut vorstellen, das Gespräch miteinander zu führen. "Dass es Kritik und Fragen gibt an den Maßnahmen und den Hintergründen, das finde ich nicht nur normal, das finde ich in einer freiheitlichen Demokratie wünschenswert."

Er habe sich noch nicht selbst alles anschauen können, sagte der Minister. Er fände es aber schade, "wenn der Eindruck da wäre, dass es nicht auch kontroverse, abwägende Diskussionen gibt". Dies habe im Bundestag stattgefunden.

Wie die Aktion koordiniert wurde, war zunächst nicht bekannt. Nach Information des "Spiegel" steckt die Münchner Firma Wunder Am Werk GmbH hinter der Aktion, wie aus dem Impressum einer Webseite hervorgehe. 

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Ulrich Tukur fordert die Bundesregierung in seinem Beitrag etwa auf: "Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz." Und weiter: "Nicht nur Theater, Cafés, Schulen, Fabriken, Buchhandlungen, Knopfläden nein, auch alle Lebensmittelläden, Wochenmärkte und vor allem auch all die Supermärkte." Und er fügt hinzu: "Sind wir erst am Leibe und nicht nur an der Seele verhungert und allesamt mausetot, entziehen wir auch dem Virus und seiner hinterhältigen Mutantenbagage die Lebensgrundlage."

Heftiger Gegenwind aus der Medienszene 

In den sozialen Medien stieß die Aktion teilweise auf begeisterte Zustimmung, aber vor allem bei Prominenten auch auf sehr heftige Ablehnung. "Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben", twitterte Moderator Tobias Schlegl, der auch Notfallsanitäter ist. 

Schauspieler Marcus Mittermeier kommentierte: "Niemand hat mich gefragt, ob ich bei #allesdichtmachen mitmachen will. Gott sei Dank!" Der Pianist Igor Levit twitterte: Die stumpfste Waffe gegen die Pandemie sei "schlechter, bornierter Schrumpfsarkasmus, der letztendlich bloß fader Zynismus ist, der niemandem hilft. Nur spaltet."


Ein "Dammbruch"?

Medienjournalist Stefan Niggemeier vom Onlinemagazin "uebermedien.de" schrieb von "ekliger Ironie" und einem "Dammbruch", der zugleich der "größte Erfolg der Querdenkerzene bisher" sei. Der Grünen-EU-Abgeordnete Erik Marquardt kritisierte, er finde die Aktion schlecht und "sehe sie als Ausdruck einer zunehmenden Resignation von eigentlich Vernünftigen".


Weitere prominente Schauspieler mischten sich via Instagram in die Diskussion ein. Elyas M'Barek schrieb: "Mit Zynismus ist doch keinem geholfen." Jeder wolle zur Normalität zurückkehren, und das werde auch passieren. Hans-Jochen Wagner nannte die Aktion peinlich. Er verstehe sie nicht, schrieb der Schauspieler, der an Liefers gerichtet fragte: "Das kann doch nicht Dein Ernst sein." Christian Ulmen fühlte sich sogar an den rechten Verschwörungserzähler Ken Jebsen erinnert: Dieser "hätte es nicht schöner sagen können". Nora Tschirner nannte die Aktion "unfuckingfassbar".

Böhmermann findet: #allenichtganzdicht

Satiriker Jan Böhmermann hielt der Aktion bei Twitter entgegen, das einzige Video, das man sich ansehen solle, "wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat“, sei die ARD-Doku aus der Berliner Charité mit den Titel "Station 43 – Sterben“. Dazu stellte er den Hashtag #allenichtganzdicht und einen weinenden Smiley.

Ginge es nach dem WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin sollte es nach der Aktion #allesdichtmachen Konsequenzen für die Schauspieler wie den Tatort-Star Liefers geben. Bei Twitter schrieb Duin am Freitag: "Jan Josef Liefers und Tukur u.a. verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit z.B. für den Tatort unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an 'den Medien' und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen."

Konsequenzen für Liefers und Co. gefordert

Duin forderte Konsequenzen für die Schauspieler: Sie hätten sich als Vertreter der öffentlich-rechtlichen Sender "unmöglich" gemacht, schrieb Duin. Die zuständigen Gremien müssten die Zusammenarbeit – "auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden – schnellstens" beenden.

Seinen Tweet löschte der SPD-Politiker dann allerdings wieder. "Eine Stunde Shitstorm ist mir persönlich genug", schrieb Duin.  

Später bezeichnete der Rundfunkrat seinen ersten Tweet als "Mist". Er sei "inhaltlich überzogen und meiner Rolle als Mitglied im Rundfunkrat nicht angemessen" gewesen, so Duin. Von seiner Kritik an Liefers und Co. wollte er aber nicht abrücken:

Kaum Einkommen für Schauspieler

Die Kunst- und Kulturszene leidet seit mehr als einem Jahr schwer unter den Corona-Maßnahmen. Laut dem Bundesverband Schauspiel (BFFS) etwa haben viele der Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland seit März 2020 kaum Einkommen. Dem Verband zufolge leben zwei Drittel bis drei Viertel aller Schauspielerinnen und Schauspieler von Gastverpflichtungen an Theatern, die aktuell nicht oder kaum arbeiten können. In Deutschland gibt es insgesamt etwa 15.000 bis 20.000 Schauspieler.


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