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Köln, Mainz und Düsseldorf Rosenmontagsumzüge 2020: Mottowagen zeigen klare Kante gegen Rechts

Der Motivwagen "Rassismus – Aus Worten werden Taten!" führt den Rosenmontagszug in Düsseldorf an. Foto: dpa/Federico GambariniDer Motivwagen "Rassismus – Aus Worten werden Taten!" führt den Rosenmontagszug in Düsseldorf an. Foto: dpa/Federico Gambarini
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Köln/Düsseldorf/Mainz. Alaaf und Helau: Nach den Absagen wegen schlechten Wetters am Wochenende kamen die Narren in Köln, Mainz und Düsseldorf am Rosenmontag zum Feiern.

Mit den Rosenmontagsumzügen erreicht der Straßenkarneval an diesem Montag seinen Höhepunkt. Dabei haben die Karnevalshochburgen Position gegen Rechts bezogen: In Köln weint der Dom, Düsseldorf zeigt den Rassismus als tödliche Waffe und in Mainz lobt die "Landesmutter" ihre Narren für klare Kante. Auch der erst wenige Tage zurückliegende mutmaßlich rechtsextremistische Anschlag von Hanau wird im Kölner und im Düsseldorfer Zug aufgegriffen. 

Die Düsseldorfer stellten den Rassismus als Pistole dar, die aus dem Mund eines Mannes mit hochrotem Kopf ragt. Auf seiner Wange steht: "Aus Worten werden Taten!" "Es sind viele Täter", sagte der Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly der dpa. "Es ist nicht nur einer, der geschossen hat. Diejenigen, die die Tat mental mit vorbereitet haben, tragen auch Verantwortung."

Ein Motivwagen zu rechtsradikal motivierten Anschlägen führt den Rosenmontagszug in Düsseldorf an. Foto: dpa/Bernd Thissen

"Uns Hätz schleiht för Hanau" – unser Herz schlägt für Hanau, stand auf dem Kölner Mottowagen zu dem offensichtlich rechtsextremistischen Anschlag. Die Wagenbauer hatten ihren Dom mit hängenden Turmspitzen und Tränen dargestellt. "Karneval ist bunt, nicht braun!", sagte Zugleiter Holger Kirsch der dpa. "Mit dem zusätzlichen Wagen gleich zu Beginn des Rosenmontagszuges wollen wir an die Opfer der schrecklichen Tat von Hanau erinnern und zugleich ein Zeichen für Toleranz und Weltoffenheit setzen."

Der Motivwagen "Uns Hätz schleiht för Hanau" zum Anschlag von Hanau steht auf der Straße vor dem Rosenmontagszug. Foto: dpa/Oliver Berg


Statement der Narren

"Wir werden das Thema, so schrecklich und traurig es ist, närrisch kommentieren", sagte der Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly der Deutschen Presse-Agentur. "Unsere politischen Werte werden in ihrem Kern angegriffen, das kann der Düsseldorfer Karneval nicht verschweigen. Wir haben es uns immer schon zur Aufgabe gemacht, alles, was in der Luft liegt, was die Menschen bewegt, auch aufzugreifen. Wir bedienen ja nicht nur die schönen Seiten, wir machen nicht nur Schunkelei, sondern wir fangen ein, was die Menschen gerade fühlen, wie die Kollektiv-Psyche aufgestellt ist."

Welche Bedeutung haben die Rosenmontagszüge?

Tradition Rosenmontagszug
Die Rosenmontagszüge sind eine Kölner Erfindung. Im Winter 1822/23 setzten sich in einem Weinhaus einige grundsolide Vertreter der Kölner Oberschicht zusammen und überlegten, wie das bis dahin rohe Fastnachtstreiben domestiziert werden könnte. Ihr Vorbild war der kultivierte venezianische Karneval. Deshalb importierten sie als erstes den Namen und tauften die Fastnacht in Karneval um. Als Zweites erfanden sie einen romantischen Maskenzug.
Wahrscheinlich wurden sie dabei von Triumphzügen der Fürsten und Feldherren inspiriert, vor allem aber von der jährlichen Fronleichnamsprozession der katholischen Kirche. Zur Organisation des Zuges bildeten die Initiatoren im Januar 1823 ein "festordnendes Comité für die Carnevalslustbarkeiten". Obwohl bis zum Rosenmontag nur noch zwei Wochen Zeit waren, gelang den Organisatoren schon mit dem ersten Zug ein großer Erfolg.
Im folgenden Jahr waren an den Karnevalstagen schon alle Zimmer in sämtlichen Gasthäusern der Stadt ausgebucht. Deshalb dauerte es auch nicht lange, bis andere Städte das Kölner Vorbild kopierten. Vor 175 Jahren, am Rosenmontag 1845, erlebte Köln eine Sensation: Zwei konkurrierende Karnevalszüge zogen durch die Stadt. Den einen hatte die reaktionäre große Carnevalsgesellschaft ausgerüstet, den anderen die progressive Allgemeine Carnevalsgesellschaft. 

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte, es sei gut gewesen, dass die Kölner einen Hanau-Wagen ganz an den Anfang ihres Zuges gestellt hätten, sagte Reul: "Wir dürfen auf keinen Fall vor den Typen in die Knie gehen. Und deswegen wird Karneval gefeiert, auch wenn's die gibt. Und trotzdem sind wir in unserem Herzen bei den Familien und denen, denen das Leid zugefügt wurde. Das ist doch vollkommen klar."

Tagesschau-Chefsprecher Jan Hofer ist nach eigenen Angaben bereits zum zehnten Mal beim Düsseldorfer Rosenmontagszug dabei. Hofer zog am Montag auf dem Wagen der "Prinzengarde Rot-Weiß" mit Regencape durch die Landeshauptstadt. "Ich finde das rheinische Brauchtum einfach schön", sagte der 70-Jährige. Er sei sogar 2016 extra aus Sri Lanka angereist – als der Zug dann wegen Sturms abgesagt wurde. Der gebürtige Rheinländer arbeitet zwar in Hamburg, hat aber immer noch eine Wohnung in Meerbusch-Büderich, wo er herkommt. "Ein bisschen Heimat finde ich ganz gut", bekannte Hofer.

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Die Motivwagen bei den Rosenmontagsumzügen 2020

Im braunen Sumpf von Thüringen hoben FDP und CDU den rechten Arm von Björn Höcke zum Hitlergruß.

Ein Motivwagen zu Thüringen und Höcke steht auf der Straße vor dem Rosenmontagszug in Düsseldorf. Foto: dpa/Federico Gambarini

Dem grimmigen Coronavirus zeigte ein fröhlicher "Carnevals-Virus" eine lange Nase.

Auch der Coronavirus ist Thema. Foto: dpa/Federico Gambarini

In weiteren Mottowagen stellten die Düsseldorfer den Machtkampf in der CDU als Sackhüpfen zwischen Jens Spahn, Friedrich Merz, Armin Laschet und Norbert Röttgen dar.

Foto: dpa/Federico Gambarini

Der immer wieder verschobene Brexit lässt Skelette auf der Regierungsbank zurück.

Dieser Mottowagen fährt ebenfalls in Köln. Foto: dpa/Oliver Berg

Bei der SPD schwenkten die neuen Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ganz in Schwarz-Weiß ihre Fähnchen – Motto: "Wir bringen wieder Farbe in die SPD."

In Düsseldorf karikierte dieser Mottowagen eine farblose SPD-Führung mit Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Foto: imago images/Bettina Strenske

Im Mainzer Zug fuhr US-Präsident Donald Trump als römischer Kaiser und Brandstifter Nero mit.

US-Präsident Donald Trump twittert als brutaler römischer Kaiser Nero mit seiner Harfe. Foto: dpa/Andreas Arnold

Wetter stört rheinischen Karneval am Montag wenig

Am Sonntag hatten Sturmböen zur Absage vieler Karnevalsumzüge geführt, unter anderem der Schull- un Veedelszöch in Köln. In Düsseldorf wurde das beliebte Kö-Treiben abgesagt. Bei den großen Rosenmontagszügen in Köln, Düsseldorf und Mainz mussten die vielen hunderttausend Narren am Straßenrand diesmal nur dem Regen trotzen. 

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