Verena Brunschweiger im Interview Feministin: Auf Kinder verzichten, um die Welt zu retten

Autorin, Lehrerin und Feministin: Verena Brunschweiger hat mit ihrer Haltung zu einem bewussten Leben ohne Kinder - etwa aus ökologischen Gründen - eine heftige Debatte entfacht. Foto: Juliane Zitzlsperger/Büchner-Verlag/dpaAutorin, Lehrerin und Feministin: Verena Brunschweiger hat mit ihrer Haltung zu einem bewussten Leben ohne Kinder - etwa aus ökologischen Gründen - eine heftige Debatte entfacht. Foto: Juliane Zitzlsperger/Büchner-Verlag/dpa
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Osnabrück. Ihre Thesen sind radikal: Konsequenter Umweltschutz ist für Verena Brunschweiger weit mehr als der Verzicht auf dicke Autos, schicke Flugreisen und Fleisch. Stattdessen fordert sie, für die Rettung des Planeten Erde auf Kinder zu verzichten. Das sei der wichtigste Beitrag, den jeder einzelne leisten könne, sagt die Lehrerin, Autorin und Feministin im Interview.

Frau Brunschweiger, in Ihrem Buch „Kinderfrei statt kinderlos“ schreiben Sie, Kinder seien "das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann“. Was bezwecken Sie damit, wenn Sie zum Leben ohne Kinder aufrufen?

Es geht um nichts weniger als die Rettung der Welt, zu der jeder beitragen sollte. Schließlich stehen wir kurz vor dem ökologischen Kollaps. Die Bevölkerung ist dabei die treibende Kraft, wenn man zum Beispiel fragt: Wieso brauchen wir so viel Energie? Wieso wird so viel Müll produziert? Das liegt schlicht und einfach daran, dass wir auf dieser Erde so wahnsinnig viele Menschen sind. Davon müssen wir wieder runter, weil wir sonst noch schneller in den Graben fahren.

Es geht Ihnen also nicht darum, Müttern und Vätern ein schlechtes Gewissen zu machen, wie Kritiker meinen, sondern darum, künftige Entscheidungen zu beeinflussen…

Genau, es geht mir um junge Paare, die sich heute überlegen: Wollen wir zwei oder drei Kinder, oder reicht vielleicht auch eines, Stichwort Prinz Harry. Die möchte ich ermutigen.

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Sie verweisen auf eine Studie, nach der ein Kind weniger den Ausstoß von 58,6 Tonnen Kohlendioxid-Äquivalenten im Jahr einspart. Bewegen Sie sich da nicht auf einem sehr schmalen Grat? Kann man ein Menschenleben mit Schadstoffausstoß und damit indirekt mit dem Fahren eines Autos vergleichen?

Man muss halt auf dem Schirm haben, dass wir alle Ressourcen verbrauchen. Und jeder muss sich fragen, wie er umweltfreundlich leben kann. Ich weiß: Viele wollen das einfach nicht. Die fliegen mehrfach im Jahr in den Urlaub, die fahren ihren SUV und sagen sich: Mir ist die Umwelt egal. Wer es anders machen will so wie ich, der fragt sich: Wieso soll ich den wichtigsten Beitrag einfach weglassen, den ich leisten kann. Und der wichtigste Beitrag ist der Verzicht auf die eigene Reproduktion.

Die von ihnen zitierte Studie zur CO2-Belastung durch Kinder ist allerdings durchaus fragwürdig, denn sie beziffert nicht den CO2-Ausstoß eines einzelnen Kind, sondern bezieht gleich etliche Generationen von Nachfahren bis zum Jahr 2400 mit ein.

Die Zahlen muss man natürlich mit Vorsicht genießen, weil es schwierig ist, so weit in die Zukunft zu schauen. Sie sind vielleicht auch etwas hoch gegriffen. Trotzdem bleibt der Verzicht auf ein Kind der wichtigste Beitrag, den ein einzelner zum Umweltschutz leisten kann. Und es kann nicht sein, dass dieses Thema im pro-natalistischen Deutschland unter der Decke gehalten wird.

Eine Partei spricht doch oft und gerne über Geburten.

Ich finde es gruselig, wenn ausgerechnet die AfD solche Fragen in den Vordergrund schiebt. Denn die AfD will ja möglichst viele „deutsche Kinder“, das weckt bei mir Erinnerungen an unselige frühere Zeiten. Ich möchte auch keine ungarischen Verhältnisse, wo Frauen mit Krediten, Steuerbefreiungen und Zuschüssen zu großen Autos dazu bewegt werden sollen, möglichst viele Kinder zu bekommen. Das ist die vollkommen falsche Richtung.

Wie viele Kinder pro Frau/Familie sind Ihrer Ansicht nach denn vertretbar?

Ich finde eins ganz gut.

Muss man nicht zwischen Industrie- und Entwicklungsländer unterscheiden, schließlich ist der CO2-Ausstoß pro Kopf je nach Lebensweise extrem unterschiedlich?

Ja natürlich, denn wir produzieren pro Kopf mit großem Abstand die meisten Schadstoffe. Und die Menschen in den Entwicklungsländern sind es, die das an erster Stelle ausbaden müssen, siehe den Klimawandel und seine Folgen. Es gibt etwa das Beispiel einer Frau in Indien. Die ist im Streit um Wasser erstochen worden. Daran bin ich mitschuldig, und Sie sind es auch, im Prinzip ist es jeder hier. Solche Probleme möchte ich nicht noch vergrößern, indem ich mich reproduziere, als wäre alles gut.

Wie bewerten Sie denn die Fridays-for-Future-Bewegung? Von Familienplanung ist da wenig zu hören, umso mehr von Erneuerbaren Energien, technischen Innovationen und einer Änderung der Lebensweise.

Deshalb heißt ja mein neues Buch „Die Childfree-Rebellion“. Denn so richtig die Argumente der Klimaschutzbewegung sind – den wichtigsten Punkt klammern die Demonstranten immer aus. Und der lautet: Es liegt auch und vor allem an den Massen von Menschen, dass wir so große Umweltprobleme haben. Wir sind einfach zu viele und kaum einer will sich einschränken. Wenn wir weniger Leute wären und uns einschränken würden, dann könnten wir noch was retten. Aber so, wie es momentan läuft, natürlich nicht.

Die Menschheit muss als auf zwei Wegen voranschreiten: Die Bevölkerungszahlen reduzieren und den Verbrauch von Ressourcen senken…

Ja genau, das ist es. Das sagen auch viele Experten, etwa die bei „Scientists for Future“. Wir müssen große Räder drehen und dürfen uns nicht mit kleinen Schritten begnügen. Wenn mir zum Beispiel jemand erzählt, er nehme keine Plastik-Trinkhalme mehr, dann kann ich nur noch lachen und frage mich: Was soll das? Will der mich veräppeln.

Die Vereinten Nationen sagen ein Wachstum der Weltbevölkerung auf rund zehn Milliarden im Jahr 2050 voraus. Mehr Bewusstsein für die Zahl der Kinder ist demnach ein globales Problem, zu dem Deutschland und Europa nur einen sehr kleinen Beitrag leisten kann…

Ich habe gerade gelesen: 2019 sind 247.000 Menschen jeden Tag dazu gekommen. Und allein am ersten Januar 2020 sind 66.000 Inder geboren worden. Fest steht aber auch: Wir in den Industrieländern verbrauchen pro Kopf ein Vielfaches von dem, was ein Inder oder ein Bewohner des Tschad verbraucht, und das nicht erst seit gern. Deswegen tragen wir eine besondere Verantwortung.

Wie sieht Ihr persönlicher Beitrag zum Klimaschutz aus?

Ich leiste praktisch jeden möglichen Beitrag. Der wichtigste: Ich habe kein Kind. Dann esse ich kein Fleisch, ich fliege nie. Ich teile mir mit meinem Mann ein kleines Auto, das ich so gut wie nie benutze. Ansonsten bin ich viel zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs.

Mit welchen Reaktionen müssen Sie leben, weil Sie sich gegen Kinder entschieden haben?

Als kinderfreie Frau werde ich oft nicht ernst genommen und als Spinner bezeichnet. Aber manche finden meine Entscheidung auch ziemlich cool. Sie sind dankbar, dass endlich jemand laut sagt, was in Deutschland weitgehend tabuisiert wird. Da bin ich echt froh, dass ich manchen Frauen und Männern, die bewusst auf Kinder verzichten, etwas helfen konnte. Bei denen hat man versucht, ihnen Scham einzutrichtern. Da komme ich mir vor wie in Saudi-Arabien im 14. Jahrhundert.

Sie haben nationales und völkisches Denken schon erwähnt. Wie stark bekommen Sie Angst vor Überfremdung - ganz Rechte sagen ja sogar „Umvolkung“ - zu spüren?

Sehr direkt. So hat mich auf der Buchmesse eine Frau angesprochen, die genau darauf abhob: dass es nicht sein könne, dass „deutsche Frauen“ auf Kinder verzichteten, andere aber – Menschen mit Migrationshintergrund zum Beispiel oder Muslime – viele Kinder in die Welt setzen. Ich kann da nur sagen: Wir müssen alle weniger Kinder bekommen. Das gilt nicht nur für Deutsche, sondern für alle Menschen aller Herkunftstaaten und aller Ethnien. Rassistische Unterschiede darf es dabei nicht geben. Das wäre gruselig. Ich bin erklärte Anti-Rassistin. Einen Geburtenkrieg, den die AfD sich ja wünscht, dürfen wir keinesfalls führen oder unterstützen.

Sie haben einmal gesagt: „Wenn wir jemanden zur Welt bringen, dann fügen wir ihm immer Leid zu. Insofern ist es das Beste für mein Kind, wenn ich es nicht bekomme.“ Ist das nicht utopisch, ein Leben ohne Leid? Und läuft ihre These nicht auf eine Welt ohne Menschen hinaus?

Es ist jedenfalls so: Die Natur braucht uns nicht, wir sie schon. Das ist ja der Knackpunkt. Wenn sich die Biosphäre ohne uns erholen könnte, ist das schon ein interessanter Gedanke, den allerdings nur sehr wenige Menschen teilen.

Wo würden sie sich politisch verorten.?

Ich verstehe mich als kapitalismus-kritische Feministin mit ausgeprägtem Umweltbewusstsein. Ich mache das alles besonders für Frauen, die erkannt haben, dass Macht, Herrschaft und Gebären zusammenhängen. Mir widerstrebt auch die These vom „eigen Fleisch und Blut“. Das ist ein zentraler Dreh- und Angelpunkt. Und die Debatte darüber möchte ich wiederbeleben.


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