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Angreifer soll in psychiatrische Klinik Weizsäcker-Attentat: Verletzter Polizist musste erneut operiert werden

Von dpa

Feuerwehrleute, Polizisten und medizinisches Personal nach dem Angriff auf Fritz von Weizsäcker vor der privaten Schlosspark-Klinik. Foto: dpa/Paul ZinkenFeuerwehrleute, Polizisten und medizinisches Personal nach dem Angriff auf Fritz von Weizsäcker vor der privaten Schlosspark-Klinik. Foto: dpa/Paul Zinken

Berlin. In einer Berliner Privatklinik ist der Chefarzt Fritz von Weizsäcker getötet worden. Der Sohn des früheren Bundespräsidenten erlag noch vor Ort seinen Verletzungen. Inzwischen hat der Angreifer sich zu seinem Motiv geäußert.

Nach dem tödlichen Messerangriff auf den Berliner Arzt Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, soll der Angreifer in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden. Dies wolle man in Hinblick auf eine "akute psychische Erkrankung" des Beschuldigten beantragen, teilte die Staatsanwaltschaft Berlin am Mittwoch mit.

Das Motiv des Mannes liege in einer "wohl wahnbedingten allgemeinen Abneigung des Beschuldigten gegen die Familie des Getöteten", begründete die Ermittlungsbehörde. Der bislang nicht polizeibekannte 57-Jährige habe angegeben, die Tat geplant zu haben. Im Internet sei er auf den Vortrag in der Schlosspark-Klinik gestoßen, hieß es. Der Mann sei am Dienstag mit der Bahn zu der Veranstaltung gefahren. Zuvor habe er noch in Rheinland-Pfalz ein Messer gekauft, um damit am Abend die Tat zu begehen. Dem Mann würden Mord und versuchter Mord vorgeworfen, hieß es. 

Ein Polizist, der privat bei dem Vortrag war und dazwischen ging, wurde schwer verletzt. Nach Polizeiangaben ist er erneut operiert worden. Es gehe ihm "den Umständen entsprechend". Der 33-Jährige habe nachoperiert werden müssen, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag. Der Beamte sei aber nicht in Lebensgefahr. Sein Eingreifen verdiene "allergrößten Respekt", betonte die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin. Man hoffe, dass sowohl seine schweren körperlichen als auch die seelischen Wunden "schnellstmöglich und vor allem vollständig verheilen". 

Rache für Richard von Weizsäckers Rolle bei Chemiekonzern

Wie mehrere Medien am Mittwoch übereinstimmend berichten, habe der Täter inzwischen ein Motiv für seine Tat genannt: Demnach gab der Mann aus Andernach in Rheinland-Pfalz an, er habe den Mediziner gezielt getötet, um sich an der Familie von Weizsäcker zu rächen. Ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft wollte dies weder bestätigen noch dementieren. Nach Recherchen des Magazins habe er seine Abneigung mit der Rolle Richard von Weizsäckers, dem Vater des Getöteten, beim Chemiekonzern Boehringer Ingelheim, begründet. Richard von Weizsäcker sei als Geschäftsführer des Konzerns in den Sechzigerjahren dafür verantwortlich gewesen, dass das Unternehmen tödliche Giftstoffe für den Vietnam-Krieg geliefert habe. 

Der Angreifer war kein Patient der Klinik, in der Fritz von Weizsäcker sprach, wie eine Polizeisprecherin am Mittwoch dem Sender ntv sagte. Mit Hilfe der Polizei vor Ort werde die Wohnung in Rheinland-Pfalz durchsucht, die Ermittlungen liefen. 

Tat während eines Vortrags von Fritz von Weizsäcker

Fritz von Weizsäcker war am Dienstagabend in der Berliner Schlosspark-Klinik erstochen worden. Der 59 Jahre alte Chefarzt hielt dort gerade einen medizinischen Vortrag, als kurz vor 19 Uhr ein Mann aus dem Zuschauerraum auf ihn losging, wie eine Polizeisprecherin sagte. Für den Mediziner kam jede Hilfe zu spät.

Der Tatverdächtige wurde noch vor Ort festgenommen, eine Mordkommission hatte direkt die Ermittlungen übernommen. Die Polizei ermittelt laut der Sprecherin in alle Richtungen. Beamte sollen demnach auch die Familie von Weizsäckers dazu befragen, ob es Bedrohungen gegeben haben könnte.

Ein Mann aus dem Zuschauerraum soll am Dienstagabend beim Dazwischengehen schwer verletzt worden sein. Es soll sich um einen Polizisten gehandelt haben, der privat bei dem Vortrag war. Laut Medienberichten ist er inzwischen außer Lebensgefahr. Mehrere von den etwa 20 Menschen im Publikum halfen laut Polizei, den Täter festzuhalten.

Von Weizsäcker hatte eine lange Karriere als Mediziner hinter sich. Nach Stationen in Freiburg, Boston und Zürich war er seit 2005 Chefarzt der Abteilung Innere Medizin I an der Schlosspark-Klinik. 

Von Weizsäckers Vater Richard von Weizsäcker (1920-2015) war von 1984 bis 1994 Bundespräsident der Bundesrepublik, zuvor Regierender Bürgermeister von Berlin.

Fritz von Weizsäcker mit seiner Mutter Marianne von Weizsäcker (2.v.r.) und dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck (r), sowie seiner Schwester Beatrice von Weizsäcker beim Staatsakt für den verstorbenen Bundespräsidenten von Weizsäcker. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker würdigt seinen Cousin Fritz am Mittwochmorgen mit warmen Worten. "Ich fand ihn ganz wunderbar", sagte von Weizsäcker der Deutschen Presse-Agentur. "Ich habe ihn ungewöhnlich lieb gehabt." Er habe keine Ahnung, was hinter dem Verbrechen stecken könnte. Fritz von Weizsäckers Schwester Beatrice postet bei Instagram ein Kreuz.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bekundete ihr Beileid. "Es ist ein entsetzlicher Schlag für die Familie von Weizsäcker, und die Anteilnahme der Bundeskanzlerin, sicher auch der Mitglieder der Bundesregierung insgesamt, gehen an die Witwe, an die ganze Familie", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier drückte der Mutter des Opfers, der einstigen First Lady Marianne von Weizsäcker (87), handschriftlich sein Beileid aus.

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner würdigte von Weizsäcker über Twitter als "passionierten Arzt und feinen Menschen". 

Klinik legt Kondolenz-Buch aus

Die Berliner Schlosspark-Klinik hat nach eigenen Angaben ein Kondolenzbuch für von Weizsäcker ausgelegt. "Alle Mitarbeiter haben die Möglichkeit, in einem geschützten Raum ihre Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen", teilte die Klinik am Mittwoch mit. 

Wird es nun eine Sicherheitsdiskussion geben? Von Weizsäckers Kollegin, der Berliner Charité-Professorin Britta Siegmund, geht die Tat nahe. Es sei schon der zweite Kollege, den sie auf diese Weise verliere, sagt Siegmund. Eine Sicherheitsdebatte zu führen, hält sie derzeit aber nicht für sinnvoll. "Wir wissen jetzt zu wenig, was passiert ist." Erst einmal seien die Gedanken bei der Familie. 

Erinnerungen an frühere Attacken

Im Sommer 2016 hatte ein 72 Jahre alter Patient an der Charité einen Mediziner erschossen und sich danach selbst getötet. Der 55 Jahre alte Kieferorthopäde hatte den Mann lange behandelt. Damals war das Motiv des Täters wohl Verzweiflung. Die Charité bekräftigte danach, dass Sicherheitskontrollen an Krankenhäusern unrealistisch seien – die Häuser müssten für Patienten, Angehörige, Mitarbeiter und Studenten offen sein.

Der Fall von Weizsäcker weckt Erinnerung an frühere Attacken: Während einer Wahlkampfveranstaltung im badischen Oppenau schießt ein geistig Verwirrter 1990 auf den damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Er bleibt querschnittsgelähmt. 1990 greift eine geistig verwirrte Frau den damaligen saarländischen Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine (SPD) in Köln mit einem Messer an. 


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