Gammelfleisch-Mischungen Bericht: Wilke-Mitarbeiter packt über katastrophale Hygiene-Zustände aus

Seit dem 1. Oktober ist die Produktionsstätte des Wurstherstellers Wilke geschlossen. Foto: dpa/Uwe ZucchiSeit dem 1. Oktober ist die Produktionsstätte des Wurstherstellers Wilke geschlossen. Foto: dpa/Uwe Zucchi

Twistetal. Der Skandal um die Wilke-Wurst zieht weiter seine Kreise. Gegenüber der Hessenschau berichtet nun ein Mitarbeiter von katastrophalen Hygienebedingungen.

Seit dem 1. Oktober ist der Betrieb des Wurstherstellers Wilke stillgelegt. Im März 2019 waren schädliche Bakterien, sogenannte Listerien, in den Wurstwaren festgestellt worden. Drei Todesfälle und Dutzende Krankheitsfälle werden mit den Produkten in Verbindung gebracht. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen den Geschäftsführer.

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Über die katastrophalen Arbeits- und Hygienebedingungen in der Produktionsstätte in Twistetal (Waldeck-Frankenberg) hat der Hessische Rundfunk (HR) jetzt mit einem rumänischen Mitarbeiter gesprochen. "Von Anfang an habe ich fast immer zwölf Stunden gearbeitet, sechs bis sieben Tage am Stück", erzählt der 24-Jährige der "Hessenschau". Eine Lohnabrechnung, die dem Sender eigenen Angaben zufolge vorliegt, weise tatsächlich eine Arbeitszeit von mehr als 318 Stunden pro Monat aus. 

Tricks beim Mindesthaltbarkeitsdatum

Übernachtet hätten die zahlreichen Gastarbeiter in einer Art Massenquartier in Vöhl-Thalliter (Waldeck-Frankenberg). Bis zu sechs Personen hätten sich ein Zimmer teilen müssen. "Als ich das erfahren habe, habe ich mich wirklich gefragt, ob ich in einer Bananenrepublik lebe", wird der Mann beim HR zitiert. 

Seine Schilderungen über die Wurstproduktion machen sprachlos: So soll vergammeltes Fleisch mit frischem vermischt worden und – damit dies geschmacklich nicht auffalle – nachträglich stark gewürzt worden sein. Auch bereits verschimmelte Wurst soll einfach gesäubert und neu verpackt worden sein. Beim Mindesthaltbarkeitsdatum habe man zudem mit Tricks gearbeitet. 

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Über Mängel unzureichend berichtet

Der für die Lebensmittelüberwachung beim Wursthersteller Wilke zuständige Landkreis Waldeck-Frankenberg soll das Land Hessen in einem Fall nur unzureichend über Mängel informiert haben. Das berichtete am Mittwoch Hessens Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne). Sie sprach von Unstimmigkeiten bei einer Kontrolle am 5. September. "Die Aufklärungsarbeit steht jetzt im Fokus. Wir haben den Landkreis aufgefordert, bis 25. Oktober ausführlich über noch offene Fragen zu berichten", sagte die Ministerin vor dem Umweltausschuss in Wiesbaden. 

Eigentlich sollten an der Kontrolle neben dem Kreis das Regierungspräsidium Kassel und das Landeslabor Hessen teilnehmen. Doch nach derzeitiger Aktenlage sei die Kontrolle vom Landkreis vor dem verabredeten Zeitpunkt und vor dem Eintreffen der Vertreter des Regierungspräsidiums und des Landeslabors durchgeführt worden. Stattdessen habe es nur eine gemeinsame Besprechung an besagtem Tag gegeben. 

"Über die bei der Kontrolle vorgefundenen Mängel berichtete der Landkreis dem Regierungspräsidium in der Besprechung nach bisherigem Kenntnisstand unzureichend", erklärte dazu das hessische Umweltministerium. Laut Hinz waren bei einer Betriebskontrolle zuvor erhebliche Mängel bei Wilke festgestellt worden. Bei der Nachprüfung am 5. September, die der Kreis allein machte, wurde dem Unternehmen wieder ein positiveres Zeugnis ausgestellt. "Da werden wir nachfassen müssen", sagte die Ministerin.

Foodwatch: "Behörden haben zu spät reagiert"

Die Verbraucherorganisation Foodwatch wirft den Behörden vor, zu spät reagiert zu haben. Deshalb wird über den Zeitpunkt gestritten, ab wann sie über die Zustände bei Wilke im Bild waren. Foodwatch schreibt in einem Bericht, das Land Hessen sei bereits am 12. August über einen konkreten Verdacht gegen Wilke informiert worden. Das Verbraucherschutzministerium erklärte, erst am 16. September sei klar geworden, dass es einen "direkten Zusammenhang" zwischen den Listerioseausbrüchen und der Firma Wilke gibt.

Der Landrat des Kreises Waldeck-Frankenberg, Reinhard Kubat (SPD), erklärte, man arbeite mit Hochdruck an einem Bericht zum Fall Wilke. Nach den bisherigen Feststellungen hätten die zuständigen Mitarbeiter der Kreisverwaltung "in einer sehr komplexen, komplizierten und durch die juristischen Rahmenbedingungen nicht einfachen Lage nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und einen guten Job gemacht".


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