21 Jahre nach Entführung Natascha Kampusch Zielscheibe von Hass und Bedrohungen im Internet

Natascha Kampusch war am Dienstagabend in der ZDF-Talkshow Markus Lanz zu Gast. Foto: imago images/Future ImageNatascha Kampusch war am Dienstagabend in der ZDF-Talkshow Markus Lanz zu Gast. Foto: imago images/Future Image

Mainz/Wien. Der Fall Natascha Kampusch bewegte vor Jahren Millionen Menschen. Die Person Natascha Kampusch ist derweil zum Hassobjekt im Internet geworden. Einige Nutzer wünschen ihr den Tod.

Als Zehnjährige wurde Natascha Kampusch 1998 vom arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang Přiklopil in sein Haus in Niederösterreich verschleppt. Dort wurde Kampusch acht Jahre lang gefangen gehalten, ehe sie im August 2006 fliehen konnte. Weltweit sorgte der Fall für Entsetzen. Am Dienstagabend war Kampusch im ZDF bei Markus Lanz zu Gast, um über ihr Martyrium zu sprechen – vor und nach ihrer Flucht. Denn mehr als 13 Jahre nach ihrer Gefangenschaft wird Kampusch regelmäßig übelst beschimpft. 

Enormes Misstrauen

Bei Markus Lanz sprach Kampusch über ihr Leben nach der Gefangenschaft im Kellerverlies. So sei ihr nach der Flucht enormes Misstrauen entgegen geschlagen. "Leute haben gemurmelt, auf mich gezeigt." Auf der Straße sei sie angerempelt und mit bösen Blicken gestraft worden.

Diese Emotionalität, die diesem unfassbaren Verbrechen entgegengebracht wurde, dann auf einmal gegen mich umschlug, weil ja der Täter nicht mehr lebte.Natascha Kampusch im ZDF

Entführer Přiklopil hatte sich kurz nach ihrer Flucht das Leben genommen.

Kampusch verarbeitet Leben in Buch "Cyberneider"

Über ihre Erfahrungen hat die Österreicherin nun ein Buch geschrieben: "Cyberneider. Diskriminierung im Internet". Denn genau dort schlägt ihr der meiste Hass entgegen. Viele User hätten ihr den Tod gewünscht, sagte die 31-Jährige im Zuge der Buch-Vermarktung der Deutschen Presse-Agentur in Wien. "Am meisten getroffen hat es mich immer, wenn gesagt wurde, dass meine Gefangenschaft nur ein Spaziergang gewesen wäre." Sie fordert daher härtere Strafen für Cyber-Mobber.

Foto: dpa/Herbert Pfarrhofer/APA

Eine international agierende "Internet-Polizei" schwebt Kampusch vor, die bei Vergehen sofort eingreifen und Betroffenen helfen soll. Vor allem Frauen würden im Internet häufig zum Ziel von Mobbern werden. Opfer sollten die Angriffe nicht still ertragen, sondern vielmehr dokumentieren und Behörden einschalten, rät die Wienerin.  

Dass sie sich nicht als gebrochenes Opfer in der Öffentlichkeit zeige, werde ihr seit ihrer Selbstbefreiung immer wieder vorgeworfen.

Sie sehen mich lächeln und kommen gar nicht auf die Idee, dass ich mich, gerade weil ich so viel Schreckliches durchgemacht habe, so freue, auf der Welt zu sein und meine Freiheit zu genießen.Natascha Kampusch

Lanz stellt bedrückende Frage

Auch beim ZDF gab Kampusch tiefe Einblicke in ihr Seelenleben. Auf die Frage von Markus Lanz, ob Kampusch jemals an Selbstmord gedacht habe, antwortete sie: "Nein. Ich hatte mich ja selbst befreit. Ab und zu habe ich so drüber nachgedacht, ob es den anderen Leuten vielleicht lieber wäre, wenn ich Selbstmord begehen würde. Es gab auch Menschen, die mir sowas geschrieben hatten. Es gab auch Menschen, die mir sowas gesagt hatten." Nach dieser Antwort herrschte Stille im ZDF-Studio. 

Hilfe bei suizidalen Gedanken

Suizidhilfe
Bitte holen Sie sich rechtzeitig Hilfe, wenn Sie Selbstmordgedanken plagen, und kontaktieren Sie die Telefonseelsorge. Dort wird Ihnen kostenlose Hilfe angeboten. Hier geht es zu der Homepage der Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der Telefonnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 können Sie dort auch kostenlos anrufen. Auf der Webseite von U25 können sich Jugendliche jederzeit anonym beraten lassen. Eine Übersicht über weitere Beratungsstellen gibt es auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

In sozialen Medien aktiv

Kampusch, die selbst auf Twitter und Instagram aktiv ist, wolle sich aber trotz der negativen Seiten nicht gänzlich von sozialen Medien fernhalten. Sie erhalte auch positive Zusendungen und entdecke gerne Menschen mit interessanten Hobbys und Berufen im Internet. Zudem sehe sie ihre Herzensthemen Umwelt- und Tierschutz im Aufwind. "Ich finde es sehr positiv, dass sich jetzt so viele für Umweltschutz engagieren", sagte Kampusch.

Auf bösartige oder verletzende Zitate ihr gegenüber aus dem Netz habe sie auf den 192 Seiten ihres Buches bewusst verzichtet. "Allerdings habe ich mich dafür entschieden, keiner dieser Hasstiraden unnötig Raum zu geben, denn den haben sich ihre Verfasser wahrlich nicht verdient."


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