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Frankreichs Ex-Präsident "Großer Staatsmann und Europäer": Jacques Chirac ist tot

Der ehemalige französische Staatspräsident, Jacques Chirac, ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Foto: dpa/Patrick Kovarik / PoolDer ehemalige französische Staatspräsident, Jacques Chirac, ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Foto: dpa/Patrick Kovarik / Pool

Paris . Zwölf Jahre lang war Jacques Chirac Hausherr im Pariser Élyséepalast. Gemeinsam mit Gerhard Schröder verweigerte er sich dem amerikanischen Irakkrieg. Ein Tiefpunkt seiner Karriere war das französische "Non" zur EU-Verfassung.

Der frühere französische Staatschef Jacques Chirac ist tot. Der konservative Politiker sei am Donnerstag im Alter von 86 Jahren gestorben, berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Chiracs Schwiegersohn Frédéric Salat-Baroux. In der französischen Nationalversammlung – sie ist das Unterhaus des Parlaments – verkündete Präsident Richard Ferrand den Tod Chiracs. Danach gab es eine Schweigeminute.

Chirac prägte die französische Politik über vier Jahrzehnte mit und zog von 1995 bis 2007 als Staatschef die Fäden im Élyséepalast.

Protest gegen amerikanischen Irakkrieg bleibt in Erinnerung

Der konservative Politiker litt seit längerer Zeit unter schweren Gedächtnisproblemen und trat kaum noch in der Öffentlichkeit auf. Noch während seiner Amtszeit hatte er 2005 einen Schlaganfall.

Chirac war für seine Leutseligkeit bekannt, galt zugleich aber als harter Machtpolitiker. International blieb er mit seinem Protest gegen den amerikanischen Irakkrieg in Erinnerung. An der Seite von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) stemmte er sich gegen die Angriffspläne von US-Präsident George W. Bush.

Erkannte Frankreichs Mitschuld an Juden-Verfolgung an

Als erster französischer Staatschef erkannte Chirac die Mitschuld seines Landes an der Verfolgung der Juden während der deutschen Besatzungszeit an. Front-National-Chef Jean-Marie Le Pen bescherte ihm 2002 eine Wiederwahl mit 82 Prozent der Stimmen – weil der Rechtsextreme zum Schock vieler Franzosen in die Stichwahl um das Präsidentenamt einzog, stimmten auch Linke zähneknirschend für Chirac. Zu den Tiefpunkten seiner Karriere gehörte das Nein der Franzosen im Referendum über die geplante EU-Verfassung 2005.

Der 1932 in Paris geborene Chirac absolvierte die Elite-Hochschule ENA und kämpfte im Algerien-Krieg. Seine innenpolitische Karriere begann er an der Seite des früheren Staatspräsidenten Georges Pompidou. Später wurde er zweimal Premierminister, zudem lenkte er als Bürgermeister von Paris 18 Jahre lang die Geschicke der Hauptstadt. Diese Zeit holte ihn nach seinen Jahren im Élyséepalast ein: Als erster französischer Ex-Präsident nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er strafrechtlich verurteilt, zu zwei Jahren Haft auf Bewährung wegen Untreue und Unterschlagung öffentlicher Gelder. Vom Rathaus bezahlte Mitarbeiter hatten in Wahrheit für Chiracs Partei gearbeitet.

Reaktionen: "Weiser Staatsmann", "Freund", "Galionsfigur"

Der russische Präsident Wladimir Putin hat Chirac als weisen und weitsichtigen Staatsmann gewürdigt. Eine ganze Ära in der Geschichte Frankreichs sei mit seinem Namen verbunden, heißt es in einem Beileidsschreiben, das der Kreml am Donnerstag in Moskau veröffentlichte. Putin habe den früheren Präsidenten für seinen Verstand, sein großes Wissen und die Fähigkeit bewundert, fundierte Entscheidungen selbst in den schwierigsten Situationen zu treffen. Zugleich erinnerte der Kremlchef daran, dass Chirac persönlich einen großen Beitrag geleistet habe, damit sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Russland weiter entwickelten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte Chirac als "herausragenden Partner und Freund". "Ich trauere mit seiner Familie und mit dem französischen Volk um einen großen Staatsmann und Europäer", erklärte Merkel nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstag in Berlin. Merkel äußerte sich demnach auch persönlich "sehr traurig über die Nachricht vom Tod Jacques Chiracs".

Der britische Premierminister Boris Johnson würdigte Chirac als eine "großartige" Führungspersönlichkeit. Chirac habe Frankreichs "Schicksal gestaltet", erklärte der konservative Regierungschef am Donnerstag in einer auf Französisch geschriebenen Kondolenzbotschaft via Twitter. Auf Englisch fügte Johnson hinzu: "Sein Verlust wird in ganz Frankreich generationenübergreifend zu spüren sein." 

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker (EVP) schrieb: "Heute verliert Europa eine seiner Galionsfiguren, Frankreich einen großen Staatsmann und ich einen treuen Freund. Jacques Chirac war ein Mann starker Überzeugungen, der humanistischen Werte und der Brüderlichkeit, der Achtung der Toleranz."

Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) würdigte Chirac als großen Europäer. "Ihm war klar, dass Europa nur gut funktionieren kann, wenn Deutschland und Frankreich sich einig sind", sagte Schröder am Donnerstag in Berlin. "Die symbolisch wichtigste Geste zeigte er am 60. Jahrestag des 'D-Day' im Jahr 2004, als er mich als Vertreter Deutschlands zur Gedenkveranstaltung in der Normandie einlud", sagte Schröder. "Er war ein erfahrener Politiker, ein geschichtsbewusster Europäer, ein charmanter Mensch. (...) Ich werde einen Mann vermissen, der mir zum Freund geworden ist."


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