Während des Zweiten Weltkrieges Warum Babys im Berliner Reichstag geboren wurden

Von dpa

Mareile Van der Wyst, geboren am 15. September 1944 im Keller des Reichstages, hält ihre Geburtsurkunde in den Händen. Foto:dpa/ Monika SkolimowskaMareile Van der Wyst, geboren am 15. September 1944 im Keller des Reichstages, hält ihre Geburtsurkunde in den Händen. Foto:dpa/ Monika Skolimowska

Berlin. Zwischen 1943 und 1945 wurden im Reichstag Kinder geboren. Einige von ihnen kehren nun an ihren Geburtsort zurück.

Mareile Van der Wyst ist stolz auf ihren Geburtsort. So stolz, dass sogar ein Foto des Gebäudes ihre Visitenkarte ziert. Darauf ist der Reichstag zu sehen, vor dem Brand im Februar 1933 - ein Sinnbild für das vorläufige Ende der deutschen Demokratie nach der Machtübernahme der Nazis. Denn was viele nicht wissen: Zur bewegten Geschichte des 1894 fertiggestellten Prachtbaus in der Mitte Berlins gehört ein Kapitel, das so gar nichts mit Parlamentarismus zu tun hat. In den letzten Kriegsjahren war im Keller eine Geburtsstation untergebracht.

Geboren im Bunker des Reichstages

Und so steht auf Van der Wysts Geburtsurkunde, ausgestellt vom Standesamt Berlin-Tiergarten: "Am 15. September 1944 in Berlin im Reichstagsgebäude geboren". Die 74-Jährige, deren Nachname damals Dieckhoff war, bewahrt sie zu Hause in Großbeeren bei Berlin wie einen Schatz im Safe auf.

"Ich bin ein Reichstagsbaby. Das ist einfach eine irre Geschichte", erzählt die Rentnerin. "Mir war lange nicht klar, dass das so ist." Erst als in das umgebaute Reichstagsgebäude der Bundestag einzog und sie zu einer Feierstunde eingeladen wurde, sei ihr das Besondere ihres Geburtsortes klarer geworden. 

Mareile Van der Wys wurde 1944 im Reichstag geboren. Foto: dpa/Monika Skolimowska

Unklar, wie viele Babys im Reichstag geboren wurden

Viel ist heute über die provisorische Geburtsstation der damaligen 2. Universitätsfrauenklinik der Charité nicht bekannt. "Den überlieferten Quellen ist nicht zu entnehmen, von wann bis wann die Charité den Reichstagskeller als nächtlichen Schutzraum für hochschwangere Frauen, Wöchnerinnen und ihre Neugeborenen nutzte", heißt es dazu aus dem Bundestag. Unklar sei auch, wie viele Babys dort zur Welt kamen. Nicht einmal die genaue Lage der Station im Keller, dessen Räumlichkeiten durch Umbauten inzwischen verändert wurden, sei bekannt. "Wahrscheinlich sind viele Unterlagen in den Kriegswirren verbrannt", sagt der Rostocker CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Stein, der sich mit der Thematik schon seit längerem beschäftigt. 

Der Reichstag wurde im Krieg zerstört. Das eine eine Aufnahme aus dem Juni 1945. Archivfoto: imago images / United Archives

Fachleute gehen davon aus, dass im Untergrund des Reichstages von 1943 und 1945 entbunden wurde. Als Beleg wird auf die Geburtsbücher des Standesamtes Tiergarten verwiesen. Eine ähnliche Geburtsstation gab es zeitweise auch im Bunker der damaligen Reichskanzlei, sagt die Charité-Gastwissenschaftlerin Susanne Doetz, deren Forschungsschwerpunkt die Medizin im Nationalsozialismus ist.

Hochschwangere Mutter pendelte täglich zum Reichstag

"Meine Eltern wohnten damals in Berlin-Lichtenberg", schildert Van der Wyst die Situation ihrer Familie 1944. "Tagelang pendelte meine hochschwangere Mutter jeden Abend in den Reichstagsbunker und morgens wieder zurück in die Wohnung." Das sind zehn Kilometer hin und zehn Kilometer wieder zurück. "Ich habe keine Ahnung, wie sie das in der stark zerstörten Stadt, in der es immer wieder Fliegeralarm und Bombenangriffe gab, geschafft hat." 

Weiterlesen:

Zweiter Weltkrieg: Russland beklagt "geschichtlichen Gedächtnisschwund" 

Juna hatte es besonders eilig: Ungeplante Hausgeburt in Dörpen

Fast genau 75 Jahr später, an diesem Sonntag, trifft diese sich nun mit anderen "Reichstagsbabys". 15 Menschen haben sich nach einem im April veröffentlichten Aufruf von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) gemeldet und dürfen nun einen ganz besonderen Tag im Parlament erleben. 

Lebenslanges Besuchsrecht

Darauf freut sich auch die frühere Lehrerin Van der Wyst, die seit Jahren regelmäßig in "ihren" Reichstag geht. Inzwischen hat sie ein lebenslanges Besuchsrecht im Parlament, wie sie betont: "Mir wurde zugesagt, dass ich jederzeit und mit jedermann kommen kann." Und darauf pocht sie immer wieder, wenn sie mit Gästen an der Besucherschlange vor der Sicherheitskontrolle vorbeigeht und resolut Einlass begehrt. "Oft wissen die Sicherheitsleute zunächst von nichts, ein paar Anrufe später bin ich dann aber drin." 

Mareile Van der Wyst hat inzwischen lebenslanges Besuchsrecht. Foto: dpa/ Foto: Monika Skolimowska

Auch Michael Turner ist im Reichstag geboren und ist zu dem Treffen im Reichstag gekommen. "Jedes Mal wenn ich meine Geburtsurkunde vorlege, sind die Menschen verblüfft", sagt der Berliner. "Geboren im Reichstag" sei handschriftlich auf dem Dokument vermerkt. "Ich habe den gleichen Vermerk auf meiner Geburtsurkunde, allerdings mit Schreibmaschine", sagt Monika Eiser, die aus Kassel angereiste. "Berlin und der Reichstag sind immer etwas Besonderes für mich - man spürt die Geschichte".

Monika Eiser wurde ebenfalls im Reichstag geboren. Foto: dpa/Paul Zinken

Gedenktafel geplant

Dass in Kriegszeiten in diesem Gebäude Leben entstand, sei fantastisch, sagt der Bundestagspräsident beim Treffen mit den Reichstagskindenr. Die "Reichstagsbabys" schlugen vor, eine Gedenktafel an die damalige Geburtsstation anzubringen und sammelten hierzu Unterschriften. "Wir werden irgendwas in dieser Richtung machen", verspricht Schäuble.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN