Studie zu Kohlendioxid Flächenbrände schädigen Klima laut Experten weniger als angenommen

Von dpa

Im Rekordjahr 2012 sind laut Greenpeace 18,1 Millionen Hektar Wald abgebrannt. Foto: dpa/Michael NekrasovIm Rekordjahr 2012 sind laut Greenpeace 18,1 Millionen Hektar Wald abgebrannt. Foto: dpa/Michael Nekrasov

Swansea/Freiburg. Seit Jahresbeginn sind 14,9 Millionen Hektar Wald abgebrannt, wodurch enorme Mengen CO2 freigesetzt wurden. Nun berichten Forscher, dass solche Flächenbrände der Atmosphäre langfristig sogar Kohlenstoff entziehen können.

Die Klimabilanz von Flächenbränden wie in Sibirien ist offenbar nicht so verheerend wie bislang angenommen. Mehr als zehn Prozent des bei solchen Feuern freigesetzten Kohlenstoffs entweicht einer Studie zufolge nicht als CO2 in die Atmosphäre, sondern wird langfristig als Holzkohle im Boden gebunden. 

Weiterlesen: Tausende kämpfen gegen Flammen in den sibirischen Wäldern

Auf lange Sicht könne dieser Effekt der Atmosphäre mitunter sogar Kohlendioxid entziehen. Denn im Lauf der Zeit nehme die nachwachsende Vegetation durch Photosynthese wieder so viel Kohlenstoff aus der Atmosphäre auf, wie vorher in Form von Pflanzenmasse gebunden war. Dies sei aber erst dann der Fall, wenn die gesamte Vegetation nachgewachsen sei, betonen die Forscher im Fachmagazin "Nature Geoscience". In Extremfällen könne das Jahrhunderte dauern. 

Nachwachsen dauert teilweise Jahrhunderte

In letzter Zeit hatten große Waldbrände etwa in Sibirien und Alaska Aufsehen erregt – auch wegen des dabei entstandenen Kohlendioxids (CO2), das den Klimawandel fördert. Die Forscher um Matthew Jones von der Swansea University in Wales berechneten nun, wie viel sogenannter pyrogener Kohlenstoff nach solchen Bränden am Boden verbleibt. Im Zeitraum von 1997 bis 2016 blieben demnach 12 Prozent des durch die weltweiten Brände freigesetzten Kohlenstoffs etwa in Holzkohle gebunden. Dieser Kohlenstoff bleibe für Hunderte bis Tausende Jahre in Böden oder Gewässersedimenten gespeichert, betonen sie.

Beim Nachwachsen entzieht die Vegetation der Atmosphäre wieder Kohlenstoff. Allerdings dauere das Nachwachsen je nach Landschaft unterschiedlich lang, schreiben die Forscher: Graslandschaften etwa benötigten weniger als ein Jahr, manche Wälder dagegen Jahrzehnte. In extremen Fällen, etwa in tropischen Moorlandschaften oder in der Arktis, sei eine vollständige Erholung mitunter erst nach Jahrhunderten zu erwarten. "Die Wiederherstellung der Pflanzenwelt ist wichtig, weil Kohlenstoff, der nicht wieder eingefangen wird, in der Atmosphäre bleibt und so zum Klimawandel beiträgt", betonen die Autoren.

Grafik: dpa/A. Rigamonti, Redaktion: J. Schneider

"Weiterhin ernsthafte Bedrohung"

Dennoch wäre der pyrogene Kohlenstoff demnach langfristig eine bedeutende, bislang übersehene CO2-Senke. Die Wissenschaftler fordern, dies in Berechnungsmodelle für Feuer-Emissionen einzubeziehen. Erstautor Jones spricht von "guten Nachrichten", "obwohl steigende CO2-Emissionen durch menschliche Aktivitäten wie Abholzung und das Niederbrennen einiger Moorlandschaften das Weltklima weiterhin ernsthaft bedrohen".

Generell sind die CO2-Emissionen durch Flächenbrände enorm: Pro Jahr brenne auf der Welt eine Fläche von der Größe Indiens, schreiben die Forscher. Diese Feuer stoßen demnach mehr CO2 aus als Auto-, Bahn-, Flug- und Schiffsverkehr zusammen. 

Johann Georg Goldammer, Feuerökologe und Direktor des von den Vereinten Nationen koordinierten Global Fire Monitoring Center in Freiburg, hält die Berechnungen der Forscher für plausibel. Der große Unterschied zur Verfeuerung fossiler Energieträger durch den Menschen liege darin, dass die Natur der Atmosphäre das CO2 später wieder entziehe.

In der Arktis und in Sibirien hatten zuletzt großflächige Feuer gewütet. Auch wenn Feuer im hohen Norden im Sommer immer wieder vorkämen, sei die Zahl um ein Vielfaches höher als in den Vorjahren, teilte der von der EU finanzierte "Copernicus Atmosphere Monitoring Service" mit. Die Experten machen dafür unter anderem den Klimawandel verantwortlich.

Leichte Entspannung in Sibirien

Regen hat in den Waldbrandgebieten Sibiriens nach Einschätzung von Umweltschützern indes nur für leichte Entspannung gesorgt. "Momentan gehen die Brände wegen der Wetterbedingungen langsam zurück", sagte der russische Brandexperte Anton Beneslawski von der Organisation Greenpeace der Deutschen Presse-Agentur. Aber nur ergiebige Regenfälle könnten das Feuer wirksam bekämpfen. Unterdessen berichten Forscher, dass Flächenbrände sich weniger verheerend als befürchtet auf das Klima auswirken. 

In Sibirien kämpfen seit Wochen Tausende Einsatzkräfte gegen die Flammen in der Taiga, dem für das Weltklima wichtigen Waldgürtel. Besonders betroffen sind nach Angaben der Behörden die Regionen Irkutsk und Krasnojarsk sowie die Teilrepublik Jakutien. Nach Angaben von Greenpeace wüten derzeit Flammen auf einer Fläche von 5,4 Millionen Hektar. Das ist etwa so groß wie Baden-Württemberg und Hessen zusammen.

Seit Jahresbeginn sind demnach 14,9 Millionen Hektar Wald abgebrannt. Im Rekordjahr 2012 waren es laut Greenpeace 18,1 Millionen. Greenpeace errechnete, dass bei den Bränden mehr als 225 Millionen Tonnen CO2 pro Monat ausgestoßen worden seien – so viel, wie 49 Millionen Autos pro Jahr emittieren.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN