Apnoetaucherin im Interview Anna von Boetticher taucht 125 Meter tief mit einem Atemzug

Foto: Ullstein-Verlag/Daan VerhoevenFoto: Ullstein-Verlag/Daan Verhoeven

Berlin. Diese Frau ist ein Phänomen unter den Apnoetauchern, die auf Geräte verzichten und sich nur auf ihre Lunge verlassen: Anna von Boetticher kann über sechs Minuten lang die Luft anhalten und ist mit einem einzigen Atemzug schon 125 Meter tief getaucht – obwohl sie ein um 25 Prozent verringertes Lungenvolumen hat. In einem Berliner Café erzählt die 49-Jährige von der Faszination des Tauchens, Begegnungen mit Orcas und Eisbären sowie einer Bewusstlosigkeit 40 Meter unter der Wasseroberfläche.

Frau von Boetticher, wann hat Ihnen zum letzten Mal jemand gesagt „Jetzt halt aber die Luft an“?

Das höre ich relativ häufig, passt ja auch zu mir. Zum Beispiel kam bei Markus Lanz der Vorschlag, wir könnten ja jetzt alle mal die Luft anhalten. Aber dann war auch schnell klar, dass dabei keine unterhaltsame Talkshow herauskommt. 

Sie haben das Luftanhalten ja zu Ihrer Leidenschaft gemacht und es auf über sechs Minuten gebracht. Was geht dabei eigentlich in Ihnen vor?

Dazu muss man sagen, dass ich ein einziges Mal die Luft sechs Minuten und zwölf Sekunden angehalten habe. Das ist die Disziplin Statik oder Zeittauchen, eine unserer Schwimmbaddisziplinen. Dabei liegt man wie eine Wasserleiche mit dem Gesicht nach unten reglos im Wasser, deshalb braucht man auch wenig Sauerstoff. Für mich ist es von allen Disziplinen die schlimmste, unvorstellbar schrecklich und wahnsinnig langweilig. So etwas braucht die Menschheit eigentlich nicht. Aber es gehört zum Training dazu, wenn man Apnoetaucherin werden will. Trotzdem: Es fällt mir sehr schwer.

Warum?

Weil ich sehr früh das Bedürfnis bekomme zu atmen. Physiologisch gesehen, habe ich da Pech gehabt, bei anderen setzt das erst später ein. Diese 6:12 Minuten habe ich ein einziges Mal geschafft, weil ich mich gezielt zehn Wochen darauf vorbereitet hatte, obwohl diese Hallendisziplinen überhaupt nicht mein Ding sind. Als ich auftauchte und die weiße Karte des Schiedsrichters für den gültigen Versuch sah, wusste ich, dass es ein deutscher Rekord ist, und habe laut gesagt: Das muss ich nie wieder machen. Und seitdem hab ich es auch nicht mehr gemacht.


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Bei mir würde spätestens nach ein oder zwei Minuten der Atemreiz einsetzen.

Bei manchen Leuten noch viel früher – wenn ich einen schlechten Tag habe, kommt er bei mir nach 30 Sekunden. In dem Fall war es nach etwa 2:50 Minuten. Dann braucht man ein Verständnis dafür, was jetzt gerade tatsächlich im Körper passiert. Und ich weiß, dass dieser Atemreiz eine Art Fehlalarm ist und ich noch ganz viel Sauerstoff und Zeit habe. Das macht keinen Spaß, sondern hat mit Überwindung und Selbsteinschätzung zu tun. Aber als Apnoetaucher gewöhnt man sich daran.

Apnoetauchern sagt man auch nach, dass sie gerne mal auf dem Hotelbett die Luft anhalten.

Stimmt, das tun wir wirklich. Ich sollte es eigentlich viel häufiger machen, tue es aber nicht, weil ich es so entsetzlich finde. Aber es ist natürlich eine Möglichkeit, den Körper zu trainieren. Was man aber auf keinen Fall machen sollte, ist die Luft anzuhalten, während man alleine im Wasser ist, auch nicht in der Badewanne. Denn es besteht immer die Gefahr einer Ohnmacht, und dann würde man unweigerlich ertrinken. Es gibt auch Leute, das sind eben Laien, die keine Ahnung haben, was sie da eigentlich machen, die das Luftanhalten beim Autofahren üben – davon kann ich auch nur dringend abraten.


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Wenn ich fünf Meter tief tauche, habe ich das Gefühl, dass mir gleich die Ohren platzen und ich jetzt wieder raus will. Sie aber sind schon als Kind im Segelurlaub 16 Meter tief getaucht und haben das von Bord gefallene Besteck wieder hochgeholt. Sind Sie anders gebaut als ich?

Nein, dieses Druckgefühl auf den Ohren hat jeder Mensch, weil der Wasserdruck aufs Trommelfell drückt. Deshalb macht man einen Druckausgleich, indem man von innen Luft in die Ohren presst. Das fällt manchen Leuten schwer, mir fiel es immer leicht. Trotzdem kann es beim Apnoetauchen in größeren Tiefen Probleme machen – wenn es nicht funktioniert, muss man eben umdrehen. Je größer die Tiefe, desto mehr Technik und Übung braucht man.

Wie kann man denn innerhalb von drei Minuten 120 Meter tief tauchen und wieder hochkommen?

Bei meinem Weltrekord in der Disziplin „Tandem No Limits“ bin ich zusammen mit meinem Coach und Trainingspartner 125 Meter tief getaucht. Runter geht’s dabei mit einem sogenannten Schlitten, einer Konstruktion aus Stahlrohren, an der wir uns festhalten und eine Bremse und Gewichte befestigen können, die uns in die Tiefe ziehen. Dadurch kommen wir sehr schnell nach unten, müssen nicht schwimmen und können uns ganz auf den Druckausgleich konzentrieren.


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Und wie geht’s wieder hoch?

Dafür haben wir einen ganz normalen Tank dabei, wie man ihn vom Flaschentauchen kennt. Damit blasen wir einen Ballon auf, der uns wieder zur Oberfläche zurückzieht. Das geht auch schneller, als man schwimmen könnte, dadurch kann man eben 125 Meter in drei Minuten problemlos tauchen.

Ist es nicht gefährlich, so schnell wieder nach oben zu kommen?

Das gilt fürs Tauchen mit Flaschen. Da wir Apnoetaucher aber in der Tiefe nicht atmen, sondern nur den einen Atemzug in der Lunge haben, reichern wir uns nicht so mit Stickstoff an wie die Flaschentaucher. Gerätetaucher müssen langsam auftauchen, damit der unter Druck aus dem Blut gelöste Stickstoff wieder entweichen kann, ohne Blasen zu bilden. Wir dagegen können immer so schnell hoch wie wir wollen.


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Sind Apnoetaucher Gefahrensucher?

Es gibt natürliche unterschiedliche Menschen wie überall. Aber der Adrenalinkick ist definitiv nicht das, was man sucht. Adrenalin ist bei uns der Antichrist, die Herzfrequenz geht nach oben – wir dagegen brauchen ganz viel Ruhe, also das Gegenteil von Adrenalin.

In Ihrem Buch beschreiben Sie sehr eindringlich, wie Sie ein Tauchgang auf 130 Meter beinahe das Leben gekostet hätte. Heute lachen Sie darüber…

Warum nicht? Es ist ja extrem gut ausgegangen. Wenn man unseren Sport vernünftig ausübt, ist er eigentlich sehr sicher. Und es gibt tatsächlich auch nur sehr wenige schwere Unfälle. Wer ausreichend gesichert ist, kann auch einen Ausnahmeunfall wie meinen gut überstehen. Ich war ja noch nicht mal im Krankenhaus.

Sie sind damals 40 Meter unter der Wasseroberfläche ohnmächtig geworden. Setzt dann nicht automatisch wieder der Atemreiz ein?

Nein, unser Körper ist wirklich ein Überlebenswunder. Wenn man unter Wasser ohnmächtig wird, hat man immer noch den sogenannten Tauchreflex – unser Unterbewusstsein spürt: Ich bin unter Wasser und darf jetzt nicht atmen. Selbst in der Ohnmacht haben wir dann einen Stimmritzenkrampf, das heißt, die Stimmritze ist verschlossen, wir können nicht einatmen, und es kann auch kein Wasser eindringen.

Aber es muss jemand da sein, der Sie nach oben holt.

Das ist natürlich ganz wichtig, deshalb sind bis zu einer bestimmten Tiefe auch Sicherheitstaucher dabei. Das Problem, das auch ich bei meinem Unfall hatte, ist, dass man auch an der Oberfläche weiterhin die Luft anhält, weil das Unterbewusstsein immer noch meint, dass man taucht. Deshalb wird dem Ohnmächtigen kräftig ins Gesicht gepustet, da gibt es Rezeptoren, die wahrnehmen, ob es Luft- oder Wasserkontakt gibt. Das Pusten wird als Wind registriert, und die Leute fangen wieder an zu atmen. Deshalb geben wir auch eine Beatmung – die kommt zwar nicht in der Lunge an, weil die Kehle ja verschlossen ist, aber es kommt Luft in die Atemwege. Dadurch versteht das Unterbewusstsein, dass man wieder atmen kann.


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Viele Menschen würden dennoch nach so einem Unfall gar nicht mehr ins Wasser gehen.

Natürlich. Das Härteste für mich war, dass wir lange nicht verstanden haben, warum das passiert ist. Dadurch konnte man den Unfall nicht analysieren und sagen, was ich beim nächsten Mal anders machen muss.

Was war denn der Grund für den Unfall?

Die Taucherbrille saß zu eng, hat Druck auf meine Augen ausgeübt und dadurch den sogenannten Augen-Herz-Reflex ausgelöst, der zur Ohnmacht führen kann. Als ich das wusste, konnte ich den Unfall auch verarbeiten. Als ich die Videoaufnahmen von mir gesehen habe, ging es mir besser, auch wenn es ziemlich hart und schockierend war, mir diese Bilder von meiner Rettung anzugucken. Mittlerweile zeige ich die Aufnahmen auch bei meinen Schulungen Marinetauchern und -medizinern.

Warum?

Der Unfall ist ja auch deshalb so glimpflich ausgegangen, weil ich vor meiner Ohnmacht Ruhe bewahrt hatte. Und ich möchte den Leuten, mit denen ich arbeite, mentale Stärke in Krisensituationen unter Wasser vermitteln. Dadurch lernen sie, dass es möglich ist, selbst in einer absoluten Extremsituation die Ruhe zu bewahren und sich damit zu retten. Und für die Ärzte, die ja später womöglich auch mal mit Tauchunfällen konfrontiert werden, ist es interessant, wie ich diese Situation als Patient erlebt habe.


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Panik ist unter Wasser also ein Killer?

Absolut, der Killer Nummer eins. Wenn Tauchunfälle schlimm oder gar tödlich ausgehen, dann eigentlich immer, weil die Leute in Panik geraten sind und deshalb nicht richtig reagiert haben. In den allermeisten Fällen wäre ihr Problem lösbar gewesen.

Was passiert eigentlich mit einem menschlichen Körper, wenn er 120 oder 130 Meter tief taucht?

Wir teilen mit allen Säugetieren einen Schutzmechanismus, den sogenannten Tauchreflex. Besonders stark ist er bei Neugeborenen, im Laufe der Zeit wird er schwächer, wie ein Muskel, den man nicht trainiert. Beim Apnoetauchtraining wird er wieder stärker, die Anpassung an die Unterwasserwelt kommt zurück.

Was bewirkt dieser Reflex?

Den müssen Sie sich wie einen Sauerstoffsparmodus vorstellen. Unser Körper registriert, dass er mit dem Gesicht unter Wasser ist, also nicht atmen kann und deshalb Sauerstoff sparen muss. Die Herzfrequenz fällt, teilweise ganz extrem bis auf 30 Schläge pro Minute oder sogar noch darunter. Der Stoffwechsel wird runtergefahren, das Blut wird aus Armen und Beinen abgezogen, um die lebenswichtigen Organe wie Herz, Lunge und vor allen Dingen das Gehirn zu versorgen.

Was macht der Wasserdruck?

Den spürt man erst mal gar nicht, auch wenn viele Leute denken, tief zu tauchen wäre wie von einem Lastwagen überfahren zu werden. Man nimmt den Druck auf den Ohren wahr und gleicht ihn aus. Und man nimmt ihn theoretisch auch auf der Lunge wahr, die ja zusammengepresst wird. Aber wenn man viel taucht und gut angepasst ist, spürt man das gar nicht. Ich habe auch keine Schmerzen da unten oder das Bedürfnis zu atmen, sondern fühle mich völlig frei.

Das ist ja umso erstaunlicher, weil Sie ein um 25 Prozent geringeres Lungenvolumen haben, als Sie bei Ihrer Körpergröße haben müssten.

Das ist nicht so praktisch.

Hat Ihnen nie jemand vom Tauchen abgeraten und gesagt, Sie sollten sich besser ein anderes Hobby suchen?

Nein, warum auch, ist doch egal. Ich hab mir ja nie überlegt, dass ich jetzt irgendwelche Weltrekorde aufstellen will, sondern mir nur vorgenommen: Ich mach jetzt mal Apnoetauchen und gucke, wie weit ich komme. Und wenn ich nur zehn Meter tief gekommen wäre, hätte ich das auch super gefunden. Es geht ja nur darum, was für mich möglich ist, und interessanterweise ist für mich ziemlich viel möglich. Wir beschränken uns viel zu oft, weil wir denken, das könnte ich nicht, dafür bin ich nicht sportlich genug. Wenn Sie immer gleich an den Olympiasieg denken, machen Sie am Ende gar nichts.

Ihr Buch liest sich in Teilen wie ein Ratgeber. Was würden Sie als Ihre Kernbotschaft bezeichnen?

Es war mir wichtig, ein Buch zu schreiben, das nicht nur für Taucher ist. Ich wünsche mir, dass die Leute mit mehr Offenheit und Neugierde durchs Leben gehen und die Möglichkeiten sehen, die sich überall und ständig ergeben, statt immer gleich die Tür zu schließen und zu sagen, das könnten sie ja eh nicht. Sie sollten häufiger mal denken: Ach, das ist ja faszinierend, das probiere ich auch mal aus und gucke, wie weit ich komme.

Gibt es eigentlich Erkenntnisse darüber, wie tief ein Mensch überhaupt tauchen kann?

Alle Grenzen, die Forscher jemals prognostiziert haben, stimmten dann doch nicht. Es hieß mal, bei 50 Metern würde der Brustkorb kollabieren, mittlerweile ist der österreichische Weltrekordler Herbert Nitsch 214 Meter tief getaucht. Wahrscheinlich gibt es tatsächlich eine Grenze, aber man kennt sie nicht.

Taucher schwärmen immer von dem, was sie da unter Wasser gesehen haben, wenn sie nicht gerade im Hallenbad tauchen. Was gehört zu Ihren schönsten Bildern?

Oje, da gibt es so wahnsinnig viele. Ich hatte mal bei eisigen Temperaturen in Norwegen eine Begegnung mit einem Orca. Ich hing da ganz still in etwa zehn Meter Tiefe, als dieses große Orca-Männchen kam. Die Vibration seines Echolots habe ich im Brustkorb wie Bässe in einer Disco gespürt, das war schon ein einmaliges Erlebnis. Er hat mich zweimal umkreist und ist dann wieder zurück zu seiner Gruppe geschwommen.


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So ein Orca ist doch nicht ganz ungefährlich, oder?

Die in Norwegen fressen Heringe und sind nicht gefährlich, weil sie sich nicht für Menschen interessieren. Aber man muss gar nicht immer in die weite Welt – ich habe auch in deutschen Seen wunderschöne Dinge gesehen, zum Beispiel in einem kleinen See in der Nähe von Leipzig. Da gibt es in etwa fünf Meter Wassertiefe eine Ebene, die mit ganz dicken Teppichen aus giftgrünen Wasserpflanzen bewachsen ist – da stehen die Karpfen wie Kühe auf der Weide und bewegen sich kaum weg, wenn man kommt. Das kann man auch mit Schnorchel und Taucherbrille von der Oberfläche aus beobachten.

Stößt man beim Tauchen auch überall auf Plastikmüll, oder treibt der nur an der Oberfläche?

Wir sehen immer und überall Plastik und alles Mögliche, meistens kommt man mit Plastik wieder hoch, das man sich unter den Anzug gesteckt hat. Der einzige Ort, an dem ich überhaupt kein Plastik gesehen habe, ist die Antarktis.

Ein fantastisches Bild in Ihrem Buch zeigt Sie in Dean Blue Hole auf den Bahamas. Was ist das für ein Ort?

Das ist auf einer kleinen abgelegenen Bahamas-Insel, wo es wirklich nichts gibt. Das Blue Hole ist 202 Meter tief, ein Loch im Riff, als wäre in einer Höhle das Dach eingestürzt. Da wo Sie mich da sehen, bin ich etwa 20 Meter unter der Wasseroberfläche, das Loch unter mir hat die Form eines Flaschenhalses: Es geht zunächst relativ eng runter und weitet sich dann in großer Tiefe. Ein einmaliger Ort, den man vom Ufer aus mit wenigen Schritten erreicht.


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Anfang des Jahres waren Sie in Grönland bei gefühlten minus 27 Luft- und minus drei Grad Wassertemperatur und haben sich die Eisberge von unten angesehen.

Das war ein einmaliges Erlebnis, wirklich ganz besonders schön. Natürlich ist es kalt, und man bleibt auch nicht stundenlang im Wasser. Das größte Problem war es eigentlich, zweieinhalb Stunden in diesem eisigen Wind zu warten, bis ich tauchen konnte. Wenn ich dann aufgetaucht bin, um zu atmen, ist mir sofort das Wasser im Gesicht gefroren.

Und jetzt waren Sie gerade erst in der kanadischen Arktis unterwegs.

Auch wahnsinnig schön, extrem ursprünglich in einem kleinen Zelt ganz weit draußen an der Eiskante. Uns haben einige Inuit-Jäger begleitet, die wir auch brauchten, weil ständig Eisbären am Camp vorbeiliefen und 24 Stunden lang jemand Wache halten musste. Wir sind mit einem kleinen Kanu rausgefahren, und ich bin dann mit einer Eisbärin schwimmen gegangen.

Wie bitte? Sind Sie etwa lebensmüde?

(lacht) Nein, wir waren schon drei Stunden mit unserem Kanu in ihrer Nähe. Sie umkreiste uns und guckte uns an, man kann dann schon sehr gut lesen, wie dieser Bär so ist. Aber es war schon ein unfassbares Erlebnis. Es gibt wohl nicht viele Menschen, die mit einer Eisbärin zusammen schwimmen waren. Sie hat uns kurz angeguckt, ist dann abgedreht und gemütlich davongeschwommen.

Im September stehen wieder Weltmeisterschaften an. Haben Sie sich Ziele gesetzt?

Das ist schwer, wenn man nur sporadisch trainieren kann und der Fokus letztendlich nicht auf dem Leistungssport liegt, sondern den nur nebenbei macht. Seit ich bei der Bundeswehr arbeite, habe ich nicht viel machen können, aber ich würde gerne mal wieder tiefer tauchen als bisher und denke, dass ich da noch viel Potenzial habe. Ob mir die Trainingszeit im Sommer dafür reicht, werde ich sehen.

Foto: imago images/tagesspiegel


Anna von Boetticher

wird 1970 in Bayern geboren, wo sie auch mit drei jüngeren Brüdern aufwächst und 1989 ihr Abitur macht. Schon als Schülerin entdeckt sie ihre Leidenschaft fürs Tauchen, obwohl sie ein im Vergleich zu anderen Menschen ihrer Körpergröße um 25 Prozent verringertes Lungenvolumen hat und unter einer Autoimmunerkrankung leidet. Im Vordergrund steht aber zunächst ihr Studium der Theaterwissenschaft in München und ein Jahr Kunstgeschichte bei Christie’s Education im London, das sie mit Diplom abschließt.

2007 kommt sie erstmals mit dem Apnoetauchen in Berührung, bei dem auf Sauerstoffgeräte verzichtet wird. Zwei Jahre später stellt sie in der Disziplin „Statik“ im dänischen Aarhus einen von insgesamt 33 deutschen Rekorden auf, indem sie 6:12 Minuten die Luft anhält. In der Disziplin „Tandem No Limits“ gelingt ihr wenig später ein Weltrekord, als sie zusammen mit ihrem Tauchpartner mit einem Atemzug eine Tiefe von 125 Metern erreicht. Einen Weltrekordversuch in 130 Meter Tiefe bezahlt sie um ein Haar mit dem Leben, als sie 40 Meter unter der Wasseroberfläche bewusstlos und von Sicherheitstauchern gerettet wird.

 Bei Weltmeisterschaften belegt sie immer wieder vordere Plätze und holt mehrere Medaillen.

Seit 2015 ist Anna von Boetticher als zivile Beraterin im Dienst der Marine tätig und arbeitet in der Ausbildung von Kampfschwimmern, Marinetauchern und -medizinern. Die 49-Jährige lebt in Berlin, Mitte 2019 veröffentlicht sie ihr erstes Buch „In die Tiefe“. 


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