Sportschau-Doku "Das große Tabu" Studie: Im Sport doppelt so viele Missbrauchsfälle wie in der Kirche

Eine neue Studie deckt enorme Fälle sexuellen Missbrauchs gegen Kinder in deutschen Sportvereinen auf. Symbolfoto: imago images/wolterfotoEine neue Studie deckt enorme Fälle sexuellen Missbrauchs gegen Kinder in deutschen Sportvereinen auf. Symbolfoto: imago images/wolterfoto

Hamburg. Eine noch unveröffentlichte Ulmer Studie geht von rund 200.000 Missbrauchsopfern im Sport aus – fast doppelt so viele wie in der evangelischen und katholischen Kirche. Die Sportschau widmet sich dem Thema am Samstag, 17. Juli, in der Dokumentation "Sexueller Missbrauch im Sport: Das große Tabu".

Während der sexuelle Missbrauch von Kindern in der Kirche aufgearbeitet wird, wirft eine neue noch unveröffentlichte Studie ein Schlaglicht auf einen anderen Bereich, in dem offenbar noch häufiger Kinder sexuell missbraucht werden: Im deutschen Breitensport soll es fast doppelt so viele Opfer sexueller Übergriffe geben wie in der Kirche. 

Die Studie der Uniklinik Ulm beziffert die Zahl der Kinder, die in Einrichtungen der katholischen und evangelischen Kirchen sexuell missbraucht wurden, auf je 114.000. Im Sportbereich rechnen die Forscher nach Befragungen mit 200.000 betroffenen Kindern.

Höhere Fallzahl bei ähnlicher Mitgliederstruktur

Dabei ist die Relation wichtig: Sowohl die beiden Kirchen als auch die deutschen Sportvereine zählen jeweils etwas mehr als 20 Millionen Mitglieder. "Wir haben in Deutschland ungefähr doppelt so viele Fälle im Sport wie in der katholischen Kirche", bilanziert Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiatrie in der "Sportschau"

Wir haben eine Bewusstseinsentwicklung nötig in diesem Bereich.Jörg Fegert, Kinder- und Jugendpsychiater der Uniklinik Ulm

Demnach hätten in einer Untersuchung vor drei Jahren bereits mehr als ein Drittel der befragten Leistungssportler angegeben, sexuelle Übergriffe erlebt zu haben. Schwerste Straftaten gab es in einem Bruchteil der Fälle, dafür berichteten viele der 1800 befragten Athleten über ungewollte Berührungen.

Politik reagierte – Effekt ungewiss

Die Bundesregierung hat daraufhin die finanzielle Förderung des Leistungssports an die Vorlage von Präventionskonzepten geknüpft. Vereine müssen ihr Personal schulen, Ansprechpartner benennen und erweiterte Führungszeugnisse von Betreuern einfordern. Inwiefern die Maßnahmen überprüft werden, konnte das Bundesinnenministerium aber nicht sagen. Eine Aufklärungskommission soll mithilfe von Betroffenen die Schwachstellen im Sportsystem aufarbeiten.

Gesellschaftlich war im Gegensatz zum Missbrauch in den Kirchen der große Aufschrei ausgeblieben. In der Dokumentation "Sexueller Missbrauch im Sport: Das große Tabu" geht dem Phänomen eine Sportsoziologin auf den Grund. Auch Betroffene kommen zu Wort.

"Sexueller Missbrauch im Sport: Das große Tabu": Sportschau, Das Erste, Samstag, 17. Juli 2019, 19.05 Uhr oder ab 13 Uhr auf sportschau.de


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