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Kapitänin der "Sea-Watch 3" Diese Deutsche legt sich mit Italien an, um Leben zu retten

Von dpa

Carola Rackete aus Kiel, deutsche Kapitänin der "Sea-Watch 3", aufgenommen an Bord des Rettungschiffs, fordert den italienischen Innenminister Salvini heraus. Foto: dpa/Till M. Egen/Sea-Watch.orgCarola Rackete aus Kiel, deutsche Kapitänin der "Sea-Watch 3", aufgenommen an Bord des Rettungschiffs, fordert den italienischen Innenminister Salvini heraus. Foto: dpa/Till M. Egen/Sea-Watch.org

Rom. Eine deutsche Kapitänin widersetzt sich der italienischen Regierung, weil sie Menschenleben retten will. Es ist ein Kräftemessen zwischen einer deutschen Frau und Italiens derzeit berühmtesten Politiker.

Matteo Salvini bezeichnet sich selbst als "Il Capitano", als Kapitän und Anführer einer Nation. Nun hat Italiens rechtspopulistischer Innenminister Konkurrenz bekommen – zumindest was diesen Titel betrifft: Von "La Capitana", der deutschen Kapitänin Carola Rackete. Die 31-Jährige hat sich diese Woche über ein Verbot hinweggesetzt, das Salvini erlassen hat und so etwas wie das Herzstück seiner Anti-Migrationspolitik ist. Sie ist mit dem Schiff der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch mit 42 Migranten an Bord in italienische Gewässer gefahren – obwohl sie das laut Salvinis Dekret nicht darf. Die italienische Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen gegen die deutsche Kapitänin ein – ihr drohen hohe Strafen.

Natürlich ist das keine Situation, die ich mir gewünscht habe.Carola Rackete, Kapitänin auf dem Rettungsschiff "Sea-Watch 3"

Rackete würden von der Staatsanwaltschaft im sizilianischen Agrigent unter anderem Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Verletzung des Seerechts vorgeworfen, sagte die Sea-Watch-Sprecherin Giorgia Linardi am Freitag. Für die Migranten an Bord zeichnete sich derweil eine Lösung ab. 

Das Schiff lag am Freitag immer noch vor der Insel Lampedusa. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagte, er sei "sehr zuversichtlich", dass es am Wochenende eine Lösung geben werde. Deutschland hatte seine Bereitschaft, Migranten zu übernehmen, schon erklärt.

Notfälle an Bord

Vier Länder – Deutschland, Portugal, Frankreich und Luxemburg – hätten sich bereit erklärt, Migranten von dem Schiff zu aufzunehmen, so Sea-Watch-Sprecherin Linardi. Kapitänin Rackete sagte, die Lage an Bord sei sehr angespannt. "Die Sorge vor Selbstverletzungen ist sehr, sehr groß", sagte sie. Zwei Männer wurden als medizinische Notfälle eingestuft und konnten das Schiff bereits in der Nacht zu Freitag verlassen.

Eine offizielle Bestätigung zu Ermittlungen sei ihr noch nicht überstellt worden, sagte die 31-Jährige. Es sei ihnen aber gesagt worden, dass eine Lösung für die Migranten bevorstehe. Italiens Regierungschef Giuseppe Conte hatte angekündigt, dass drei bis vier Länder bereit zur Aufnahme seien.

Verzweiflung und Frustration

Rackete wurde in Preetz bei Kiel geboren und ist in Hambühren in Niedersachsen aufgewachsen. Sie habe aber die Verantwortung für die Menschen an Bord. "Es herrschen Verzweiflung und Frustration." Die Leute hätten gedroht, über Bord zu springen, und seien durch die Flucht schwer traumatisiert. Deshalb habe sie sich zu dem Schritt entschlossen - nicht, weil sie sich als Gegenspielerin von Innenminister Salvini sieht. "Sein Gegenspieler ist hier die ganze Zivilgesellschaft." Also alle, die nicht mit der harten Linie der populistischen Regierung in Rom übereinstimmten. "Es gibt ein Recht auf Rettung. Es geht um das Prinzip der Menschenrechte."

Das Risiko ist hoch

Rackete klingt entschlossen. Auf Schiffen kennt sie sich aus. Sie hat eine Ausbildung als Nautische Offizierin in Norddeutschland gemacht. Bevor sie zu Sea-Watch ging, stand sie unter anderem für Greenpeace und das Meeresforschungsinstitut Alfred-Wegener-Institut auf der Schiffsbrücke. Dort ging es damals allerdings um Polarforschung.  

Jetzt also Mittelmeer in brütender Sommerhitze. Rackete ist klar, dass sie eine hohe Geldstrafe und Ermittlungen in Italien riskiert. Im schlimmsten Fall könnte ihr sogar eine Haftstrafe drohen.

Rackete wusste, auf was sie sich bei dieser Fahrt mit der "Sea-Watch 3" eingelassen hat. "Jeder weiß, dass es einen selbst treffen kann." Vor allem seit der "Kriminalisierung" der Seenotretter und dem Fall des deutschen Rettungsschiffs "Iuventa". Das Schiff wurde im August 2017 beschlagnahmt, gegen die Crew wurde unter anderem wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung ermittelt. Auch die deutsche Kapitänin Pia Klemp muss sich demnächst in Italien vor Gericht verantworten. 

Und in Malta wurde vor Kurzem der Kapitän der Dresdner Organisation Mission Lifeline, Claus-Peter Reisch, zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er die "Lifeline" mit mehr als 230 Migranten im vergangenen Sommer in maltesische Gewässer gesteuert hatte. 

Linke Italiener feiern Rackete

In Italien wird Rackete von linksgerichteten Politikern als "mutige Frau" und "Hoffnung auf eine menschliche Welt" gefeiert. Für die anderen ist sie ein Feindbild. Die Chefin der Rechtspartei Fratelli d'Italia, Giorgia Meloni, sagte, die "Sea-Watch 3" müsse "versenkt" werden. Italiens Agrarminister Gian Marco Centinaio meinte, Rackete gehe mit den Italienern wie mit "Dorftrotteln" um.

Salvini selbst erklärte gewohnt sarkastisch: "Die Kapitänin als Heldin der Linken, reich geboren als Weiße in Deutschland, sollte ehrenamtliche Tätigkeiten in Deutschland machen statt 42 Menschen 15 Tage in Geiselhaft zu nehmen." 

In der Zeit nämlich, in der das Schiff vor Italien warte, hätte es längst in die Niederlande fahren können. Schließlich fährt es unter holländischer Flagge.  

Für den Chef der rechten Lega ist es ein Präzedenzfall nach seinem "Sicherheitsdekret", das Geldstrafen bis zu 50.000 Euro für Hilfsorganisationen vorsieht, wenn sie unerlaubt nach Italien fahren. Er wird alles dran setzen, seinem Image als starker Mann gerecht zu werden. Nur dass es bei dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihm und Sea-Watch um Menschen geht, die aus welchen Motiven auch immer aus ihrer Heimat geflohen sind. 

"Nerven behalten"

Solidarität bekommt Rackete von Menschen, die ähnliches erlebt haben. Der frühere Kapitän des Rettungsschiffs "Cap Anamur" und jetzige Flüchtlingsbeauftragte von Schleswig-Holstein, Stefan Schmidt, sagte der dpa: "Ich kann mich gut hineinversetzen in Frau Rackete. Sie muss jetzt entscheiden in einer Situation, in der die Flüchtlinge an Bord immer nervöser werden und manche drohen dürften, sich ins Meer zu stürzen. Ich bewundere Frau Rackete, denn unter diesen Umständen die Nerven zu behalten und eine Stütze zu sein auch für die Flüchtlinge an Bord, ist alles andere als einfach." 

Schmidt weiß, wovon er spricht. Er hatte 2004 mit der "Cap Anamur" Sizilien trotz Verbot angelaufen. An Bord waren 37 Flüchtlinge. Das Schiff wurde beschlagnahmt. Schmidt musste sich vor Gericht wegen Beihilfe zur illegalen Einreise verantworten. Er wurde Jahre später freigesprochen.


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