NOZ-Serie Als das Fernweh erwachte: Die Geschichte des Reisens

"Gute Reise" wünscht dieser Stich aus dem 19. Jahrhundert. Reisen begann zu dieser Zeit seine Extravaganz zu verlieren - leisten konnten es sich aber immer noch nur wenige. Foto: imago images"Gute Reise" wünscht dieser Stich aus dem 19. Jahrhundert. Reisen begann zu dieser Zeit seine Extravaganz zu verlieren - leisten konnten es sich aber immer noch nur wenige. Foto: imago images
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Osnabrück. Das Zeitalter des Massentourismus ist noch relativ jung. Gereist wurde allerdings schon früh - wenn man es sich leisten konnte. Ein Überblick.

Hätte es im Jahr 1770 bereits Bewertungsportale gegeben, wäre eine bestimmte Herberge bei Neapel wohl ziemlich schlecht weggekommen. Die Wände, heißt es in einem Reisebericht aus jener Zeit, seien „mit Tabakspeichel bemalt und mit Substanzen, die ich nicht zu nennen wage“. Vielleicht gab es in dem Gasthaus ja wenigstens Schlösser an den Zimmertüren – selbstverständlich war das keineswegs, weshalb in zeitgenössischen Reiseratgebern empfohlen wurde, ihr eigenes Vorhängeschloss mitzunehmen. Tatsächlich gab es solche hilfreichen Büchlein schon vor Baedeker & Co.

Will man einen Anfangspunkt des modernen Tourismus setzen, so läge dieser etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Zu jener Zeit wurde es in adligen Kreisen schick, den eigenen Nachwuchs auf die Reise zu schicken, auf dass die Stammhalter geistig und menschlich gereift zurückkehren mögen. Diese „Grand Tour“ genannten – und teils Jahre andauernden – Reisen, die mindestens ebenso der Erziehung wie auch der Zerstreuung dienten, nahmen ihren Ursprung auf den britischen Inseln, so wie später auch der Massentourismus. Der Historiker Rüdiger Hachtmann zitiert in seinem Buch „Tourismus-Geschichte“ einen Bericht aus dem Jahr 1772, in dem es heißt: 

„Auf einen Engländer, der unter den beiden Georges reiste, kommen jetzt zehn, die auf der Grand Tour sind. Die Sucht nach dem Reisen ist an einem Punkt angekommen, an dem es keinen gutsituierten Bürger mehr gibt, der sich nicht einer sei es auch noch so flüchtigen Kenntnis Frankreichs, Italiens und Deutschlands erfreuen möchte.“


Das Stichwort lautet: gutsituiert. Denn für das gemeine Volk war es in der Regel undenkbar, Haus, Hof oder Werkstatt im Stich zu lassen, um fremde Länder zu besuchen; die meisten Menschen haben die unmittelbare Umgebung ihres Wohnorts nie verlassen. Wer reiste, tat es meist aus einem klaren Zweck heraus: Er musste seinen Lebensunterhalt verdienen – an Marktplätzen oder auf der Walz –, er strebte als Gelehrter nach Wissen, als Entdecker nach neuen Ufern oder suchte als Sünder nach Vergebung, etwa auf einer Pilgerreise. Ein Stich aus dem Jahr 1568 lässt erahnen, dass eine solche Reise kaum vergnügungssteuerpflichtig war.

Foto: dpa


Um allein der Zerstreuung zu dienen, waren insbesondere Fernreisen viel zu teuer, die Natur zu wild, die Fortbewegung auf miserablen Wegen zu anstrengend und zu gefährlich – und damit den obersten Gesellschaftsschichten vorbehalten. Die allerdings schon in der Antike eine Art Früh-Tourismus entwickelten, mitsamt der bekannten Nebeneffekte: So hat sich an der ägyptischen Djoser-Pyramide ein „Hadnachte“ verewigt, der in den Stein ritzte, dass er sich mit seinem Bruder „im Westen von Memphis zu vergnügen“ gedachte. Auch die Weltwunder oder Großereignisse wie die Olympischen Spiele zogen bereits Besucher aus aller Herren Länder an – aber eben nur die, die es sich leisten konnten. 

Erst die im 19. Jahrhundert versetzten zwei umwälzende Neuerungen auch Normalsterbliche in die Lage, Ferienreisen unternehmen zu können. Auf der technischen Seite war es die Eisenbahn, die es ermöglichte, schnell, verlässlich und günstig weite Strecken zurückzulegen. Die erste im deutschen Raum eingesetzte Dampflokomotive, der "Adler", steht für diesen Zeitenwandel - heute lässt er sich als Nachbau bewundern.

Foto: dpa/Thomas Frey


Auf der sozialen Ebene brachte der Aufstieg der Gewerkschaften den Stein ins Rollen. In Deutschland war bis in die Zeit des Kaiserreiches kaum daran zu denken, Arbeitern grundlos einfach so frei zu geben; selbst der Sonntag war bis 1895 nicht als freier Tag gesetzt. Es gab nur wenige Dutzend Ausnahmen von Unternehmen, die freiwillig Erholungsurlaube gewährten; der erste historisch belegte Arbeiterurlaub datiert auf das Jahr 1888 in der Leipziger Druckerei C.G. Naumann. Erst um 1900 setzte sich der Urlaubsanspruch allmählich als Arbeitnehmerrecht durch. Es ist kein Zufall, dass das Wort vom mittelhochdeutschen „urloup“ kommt – das bedeutete soviel wie „Erlaubnis“.

Erstaunlicherweise war der Tourismus zu dieser Zeit schon längst eine eigene boomende Wirtschaftsbranche. Bereits vor 1800 waren die ersten Seebäder entstanden, das erste deutsche 1793 in Heiligendamm. Der Brite Thomas Cook, Gründer des heutigen Weltmarktführers, gilt als Erfinder der Gruppenreise: 1841 organisierte er eine Bahnfahrt für mehrere Hundert Personen, 14 Jahre später die erste Pauschalreise: eine Europatour für britische Touristen. Später folgten weitere Auslandsziele, Weltreisen und sogar die Erfindung einer Frühform des Reiseschecks.

Der erste moderne und massentaugliche Reiseführer aus dem Hause Baedeker war bereits 1832 erschienen, er bot Tipps für eine Rheinreise von Köln nach Mainz. Schon bald folgten Auslandsziele wie Belgien oder die Schweiz - und auch schon Ägypten.


Foto: dpa/Jörg Carstensen


Reiseberichte waren da schon seit langem ein äußerst beliebter Literaturzweig, nun folgten die Reise-Ratgeber – die sich immer noch eher an betuchte Leser richteten. Den Teilnehmern einer Nilkreuzfahrt riet der Baedeker unter anderem, sich selbst mit Vorräten einzudecken, etwa mit Kartoffeln, Mehl und französischem Wein – 60 Flaschen sollten reichen. Der Autor Christian Koch hat weitere nützliche Tipps zusammengetragen:

"Die Besteigung der Pyramide ist ungefährlich, aber anstrengend. Man nimmt zwei Beduinen und begiebt sich dorthin. [...] Die gewandten und kräftigen Leute ziehen, stützen und schieben den Reisenden am liebsten ohne Aufenthalt bis hinauf. Man nehme ihre Hilfe ganz ordentlich in Anspruch, lasse sich aber durch ihr Geschrei nicht irre machen."Zitiert nach: Christian Koch, Baedeker's Handbuch für Schnellreisende


Ab 1891 bot der Hamburger Reeder Albert Ballin schließlich die ersten Kreuzfahrten an – eine mehr aus der Not geborene Idee, um Passagierschiffe auch in stürmischen Jahreszeiten mit weniger Hochseeverbindungen auslasten zu können. Die erste Rundreise der "Augusta Victoria" führte ins Mittelmeer, der Preis war, gelinde gesagt, happig:

Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg


Am wachsenden Reisebedürfnis der Menschen kamen auch die Nationalsozialisten und später die DDR-Führung nicht vorbei. Die Versuche, das Fernweh durch staatliche Organisation wenigstens in ideologischem Zaum zu halten, konnte die Dynamik der Branche aber nur bedingt abbremsen. Nach dem Zweiten Weltkrieg legte diese noch einen Zahn zu: Nun wurde Schritt um Schritt nicht nur fast die ganze Welt erschlossen, sondern auch immer breitere Zielgruppen. Das Zeitalter des Massentourismus war spätestens mit den VW-Käfer-Kolonnen erreicht, die sich gen Italien schoben. Sein Ende ist nicht absehbar.


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