Zirkus ohne Tiere Tierschutzproblem gelöst? Roncalli setzt auf Hologramme

Von dpa

Mit seinem neuen Programm verzichtet der Zirkus bewusst auf Tiere in der Manege. Foto: dpa/Christian CharisiusMit seinem neuen Programm verzichtet der Zirkus bewusst auf Tiere in der Manege. Foto: dpa/Christian Charisius 

Hamburg. "Wir müssen uns verändern, sonst gehen wir unter": Um seinen Zirkus zu retten, setzt Roncalli-Direktor Bernhard Paul nicht mehr auf echte Tiere, sondern auf Hologramme. Davon sind aber nicht alle begeistert.

Der Elefant stellt sich auf die Vorderbeine, Pferde galoppieren durch die Manege. Aber im nächsten Moment löst sich plötzlich alles auf. "Wir sind jetzt tierfrei", erklärt Direktor Bernhard Paul vom Circus Roncalli. "Ich ersetze lebende Tiere durch Hologramme!". Bei der Hamburg-Premiere des neuen Programms "Storyteller- Gestern, Heute, Morgen" gab es für die Ankündigung lauten Applaus.

Die Idee dazu kam dem 72 Jahre alten Österreicher, als er hörte, dass Justin Timberlake beim Super Bowl in den USA zusammen mit dem 2016 gestorbenen Prince auftreten wollte – der Star sollte als Hologramm auf der Bühne stehen. "Ganz Amerika hat davon gesprochen", erinnert sich Paul. "Da habe ich gedacht: Das ist eigentlich genau die Technik, die das Problem Tierschutz im Zirkus löst."

Eine Pferde-Figur, in der zwei Menschen verborgen sind, wird von einem Zirkusmitarbeiter durch die Manege geführt. Foto: dpa/Christian Charisius

Zusammen mit einer Firma entwickelte er eine spezielle Technik. "Denn es ist ja nicht so einfach wie auf der Bühne", erläutert er. "Die Manege ist rund. Wir brauchen nicht zwei Videobeamer, sondern elf – rundherum. Dann erscheint der Elefant, das Pferd oder was immer wir wollen."

Früher gehörten Löwen und Tiger dazu

Als die in den Raum projizierten dreidimensionalen Tiere, die sich wie im Film bewegen, in Hamburg in der Manege erscheinen, klingt Beifall auf. Allerdings gibt es für die Artisten später deutlich mehr Applaus. Gerade die Jüngeren im Publikum sind durch modernste Grafiken in Videospielen oder lebensechte Figuren in computer-animierten Filme schon einiges gewöhnt.

Früher hatte auch Paul in seinem in Köln beheimateten Zirkus Löwen und Tiger, ein Jahr sogar Elefanten. Dann sattelte er auf Pferde um, aber auch die wurden mit den Jahren immer weniger und immer kleiner, bis zum Schluss nur noch sechs Ponys übrig waren. Er habe das Publikum sozusagen auf Entzug gesetzt, sagt er. Jetzt sind gar keine Tiere mehr mit dabei.

Virtuelle Pferde in der Manege. Foto: dpa/Christian Charisius

"Die Welt verändert sich", meint er. "Und wenn wir uns nicht auch verändern, werden wir untergehen. Es sind in den letzten Jahren schon zehn bis zwölf der größten Zirkusunternehmen verschwunden, inklusive Ringling Bros." Fast 150 Jahre lang tourte der legendäre Ringling Bros.-Zirkus mit seiner "größten Show der Welt" durch Amerika – Elefanten, Löwen, Tiger fuhren selbstverständlich mit, ganz so wie im Walt-Disney-Film "Dumbo". Aber mit der Zeit wurden die Proteste von Tierschützern immer lauter, die Produktionskosten immer höher – und die Zuschauerzahlen immer niedriger.

Richtige Entscheidung für technikaffine Kinder

Paul glaubt jetzt, die Lösung gefunden zu haben: Tier-Hologramme seien doch viel spektakulärer als echte Tiere, meint er. "Auf einmal erscheinen Pferde, und die sind aus Lichtpunkten! Das ist ja für Kinder, die sowieso so technikaffin sind und immer mit dem Handy rumspielen, viel interessanter."

Doch nicht alle sind begeistert von den neuen "Zirkus-Tieren". Foto: dpa/Christian Charisius

Doch bei seinen Kollegen muss er noch Überzeugungsarbeit leisten. "Wir sehen das absolut nicht als die Lösung", sagt Dieter Seeger vom Verband deutscher Circusunternehmen. "Wir bekennen uns ganz klar zum klassischen Zirkus." Und der umfasse neben Artistik und Clownerie immer auch Tierdressuren. "Es gibt keinen einzigen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass es Tieren im Zirkus schlecht geht", sagt Seeger.

Derzeit seien in Deutschland noch schätzungsweise 300 Zirkus-Unternehmen unterwegs. "Ich behaupte mal, es sind fünf oder sechs, die noch mit Großtieren reisen, also Elefanten, Raubkatzen, Zebras und so weiter." Die anderen hätten aber zumindest Kamele, Pferde, Ziegen, Esel, Schlangen, Hunde oder Tauben mit dabei. Das erwarte das Publikum so, Hologramme böten da keinen Ersatz. "Tierbilder kann ich mir in 3D auch zu Hause ansehen, wenn ich einen entsprechenden Fernseher habe. Dafür muss man nicht in den Zirkus gehen. Vielleicht einmal, aber beim zweiten Mal sagt man dann schon: 'Hab ich gesehen, ist nicht mehr interessant.'"



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