Revolutionäre Einkaufsidee Vor 70 Jahren: Erster Einkauf im Supermarkt

Von Michael Ossenkopp

Die Idee des Supermarkts stammt aus den USA. Foto: imago/United Archives InternationalDie Idee des Supermarkts stammt aus den USA. Foto: imago/United Archives International
imago stock&people

Osnabrück. In der jungen Bundesrepublik eröffnete am 4. Juni 1949 in Augsburg der erste Supermarkt.

Der damals ganz und gar ungewöhnliche Geschäftsaufruf lautete: „Bediene Dich selbst.“ Ein Vorschlag, der zunächst eher misstrauisch beäugt wurde. Im Juni 1949 berichtete die Augsburger Allgemeine von einem merkwürdigen „Versuchslaboratorium der Einzelhandelstechnik“, durch das die Kunden „mit einer Art Teewagen und einem Holzkasten bewaffnet“ ziehen würden, vorbei an Regalen, die mit insgesamt 2000 Produkten befüllt seien. 

Die revolutionäre Einkaufsidee stammte aus den USA. In Memphis im US-Bundesstaat Tennessee hatten bereits 1916 erste Märkte ihrer Kundschaft Selbstbedienung angeboten. Im Supermarkt „Piggly Wiggly“ gab es anstelle einer Verkaufstheke Regale, aus denen Kunden Waren selber entnehmen konnten. Zudem war Inhaber Clarence Saunders aufgefallen, dass besonders eilige Mitmenschen häufig vorn auf den Ladentheken ausgebreitete Angebote direkt kauften.

Hierzulande fand der Einkauf bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vornehmlich in Tante-Emma-Läden oder in kleinen Bäckereien und Metzgereien statt. Butter, Mehl, Zucker und Salz wurden an der Theke geordert, im Mittelpunkt der Läden stand der Händler, nicht der Kunde. In Osnabrück hatte zwar der Drogist Herbert Eklöh bereits 1938 den Versuch unternommen, einen Selbstbedienungsladen zu eröffnen. Er scheiterte aber, weil Verbraucher allein anhand der Verpackungen und Namen die Waren nicht zuordnen konnten.

Das erste deutsche SB-Geschäft in der Augsburger Morellstraße hieß aufgrund seiner Firmenfarbe „Der blaue Laden“. Hier erprobte die Handelskette BMA (Bernhard Müller Augsburg) das neue Konzept. Die Idee dazu hatte der damalige Chef in den USA kennengelernt und über den großen Teich nach Deutschland gebracht. Unterstützt wurde er vom amerikanischen Registrierkassen-Hersteller National Cash Register Company, die Deutschlandzentrale von NCR befand sich seit 1947 ebenfalls in Augsburg.

Später erinnerte sich Müller: „Das Geschäft lag auf unserem Großhandelsgelände. Zunächst war es nur als Probeladen fürs Personal gedacht, dann kamen aber auch Leute aus der Nachbarschaft.“ Im Laufe der Zeit wurden auch Berechtigungsscheine für externe Kunden ausgegeben. Den ersten frei zugänglichen Selbstbedienungsladen für alle startete die BMA knapp ein Jahr darauf in der Augsburger Innenstadt. Der große Ansturm konnte kaum bewältigt werden. Weil zu viele Kunden davorstanden, musste der Laden stundenweise sogar schließen. Durch das neue Erfolgsmodell expandierte das Unternehmen weiter. Bis zum Ende der 1950er Jahre folgten rund 100 BMA-Filialen in ganz Bayern.

Am 30. August 1949 eröffnete die Hamburger Konsumgenossenschaft „Produktion“ (Pro) in St. Georg ebenfalls einen „Supermarkt“. Die anfängliche Scheu, im 170 Quadratmeter großen „S1“ nicht mehr vom Kaufmann hinter der Ladentheke bedient zu werden, wich schnell der neuen Shopping-Freiheit. Außerdem hielt hier eine weitere amerikanische Erfindung Einzug: der Einkaufswagen. Den hatte erstmals 1937 Sylvan N. Goldman in seinen Humpty Dumpty-Supermärkten in Oklahoma City bereitgestellt.

Mit den „Packeseln aus Draht“ sollten Kunden möglichst viele Waren einladen und zur Kasse transportieren. Die Firma Wanzl aus dem schwäbischen Leipheim lieferte 20 Einkaufswagen des Modells „Pick-up“ und 40 Einkaufskörbchen. Wanzl stieg zum weltgrößten Produzenten von Einkaufswagen auf, inzwischen stellen die Baden-Württemberger pro Jahr rund zwei Millionen Stück her – dank des unaufhaltsamen Siegeszuges der Supermärkte.

Durch die Konzentration im Lebensmittelmarkt auf wenige große Händler wurde seit den 1960er Jahren das Sterben der Tante-Emma-Läden eingeläutet. Müller gab 1987 den Lebensmittelhandel auf und konzentrierte sich nur noch aufs Immobiliengeschäft. In diesem Bereich hatte sich das Unternehmen schon seit Jahren ebenso engagiert. Auch in der DDR gab es seit Mitte der 1950er Jahre erste Selbstbedienungsmärkte.

Zurzeit ist der Lebensmittelhandel im Wandel, Internet und neue Technik sind auf dem Vormarsch in die Einkaufswelt: Sprechende Produkte, Kühlschränke, die Einkaufslisten erstellen und selbstfahrende Einkaufswagen. Computergesteuerte Kassensysteme mit Strichcodes gehören mittlerweile zum Standard. Experimente mit sogenannten Future Stores, in denen der Kunde alle Waren selber einscannt und die Artikel an der Kasse anhand einer Liste – ohne sie aufs Band zu stapeln und ohne Kassiererin – online bezahlt, befinden sich in der Testphase. Beim Online-Shopping können Einkäufe übers Internet vom Heimcomputer oder vom Smartphone geordert werden.

Mit künstlicher Intelligenz soll der Einkaufswagen irgendwann einmal auch dem Kunden folgen wie ein Hund seinem Herrchen. Diese Fahrkörbe müssten nicht mehr geschoben werden, sondern würden sich selbst navigieren. Nach Experteneinschätzungen wird sich aber in diesem Bereich „bis 2025 nichts bedeutend verändern.“ Trotzdem werde sich der herkömmliche Supermarkt weiterentwickeln. Käufer achteten vermehrt auf Authentizität, Regionalität und Service.

Laut einer Studie steigt der Online-Marktanteil im Lebensmittelhandel in den nächsten Jahren auf mindestens zehn Prozent. Einige Forschungsabteilungen testen zurzeit auch die Auslieferung mit Drohnen. Wegen ihrer geringen Tragfähigkeit von fünf Kilogramm gestaltet sich ihre Belieferung von Haushalten jedoch als nicht einfach.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN