Kunsthistoriker zu Ereignissen in Paris Weltweites Entsetzen: Warum uns der Brand in Notre-Dame so bewegt

Der Schaden, den das Feuer angerichtet hat, ist immens.  Foto: imago/IP3pressDer Schaden, den das Feuer angerichtet hat, ist immens. Foto: imago/IP3press

Paris/Greifswald. Nach dem Brand in der Pariser Notre-Dame stellt sich nicht nur den Franzosen die Frage: Wie geht es jetzt weiter?

Sie ist ein Wahrzeichen von Paris, die meistbesuchte Sehenswürdigkeit der Stadt, Marienwallfahrtsort und eine der frühesten, gotischen Kathedralen Frankreichs: die Notre-Dame. Doch am Montagabend brach plötzlich ein Feuer im Dachstuhl der Kathedrale aus und erschütterte das ganze Land.



"Die Île de la Cité wird als Keimzelle Frankreichs angesehen. Von ihr ausgehend ist das Land in seiner heutigen Form nach dem Mittelalter entstanden. Deswegen ist die Notre-Dame an dieser Stelle besonders wichtig und deswegen trifft das Ereignis auch unmittelbar in das Bewusstsein der Franzosen", erklärt Kilian Heck, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Greifswald und Vorsitzender des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker. "In Frankreich kennt wirklich jedes Kind, jeder Erwachsene diese Kirche."

"Kulturelle Zeitzeugnisse nicht selbstverständlich"

Doch auch über die Landesgrenzen hinaus zeigte man sich bestürzt über den Vorfall. "Das ist ein merkwürdiges Phänomen: In dem Moment, wenn etwas verlustig geht, spüren wir erst die Lücke, die es hinterlässt", sagt Heck. Denn obwohl die allermeisten vermutlich nie in dem über 800 Jahre alten Dachstuhl aus Eichenholz gewesen seien, erschüttere die Tatsache, dass dieser jetzt nicht mehr existent ist. 

"Das ist für viele Franzosen, aber auch Europäer, für Kunsthistoriker und natürlich auch Christen ein besonderer Verlust. So etwas geht in nicht ganz rational erklärender Weise doch sehr tief ins Bewusstsein." Gerade deshalb sei es wichtig, sich klar zu machen, dass diese kulturellen Zeugnisse aus der Vergangenheit nicht selbstverständlich seien, sondern geschützt werden müssten.

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Rekonstruktion dauert vermutlich mehr als ein Jahrzehnt

Hinzu komme, dass dieser Brand gerade in einer Zeit geschehe, in der Europa in vielfältiger Hinsicht Veränderungsprozessen unterworfen sei: "Wir haben den drohenden Brexit und viele andere Probleme, die die EU massiv betreffen. Gerade in solchen Phasen der Verunsicherung ist die Sensibilität für so einen Brand besonders hoch", betont der Kunsthistoriker. 

Wie geht es nun mit der Kirche weiter? Die Rekonstruktion sei ein Projekt von zehn bis 15 Jahren, schätzt Heck. Alleine die Sicherungsarbeiten würden zunächst eine Weile dauern. "Sie müssen erst eine Notüberdachung schaffen, die Kunstwerke, die gerettet wurden, müssen sicher deponiert sein. Die Orgel, ein wichtiges Instrument der Orgelbaukunst aus dem 19. Jahrhundert, wird ausgebaut und zwischengelagert",  zählt er auf. Darüber hinaus müssten die Gemälde, die im Gebäude verblieben sind und vermutlich durch Löschwasser und Rauchentwicklung stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, noch begutachtet werden.

"Ereignis an den Mauern ablesen"

Erst dann könnte mit der Restaurierung begonnen werden. "Sie können das Gebäude wiederherstellen, aber nicht 800 Jahre alte Eichen, die den Dachstuhl gebildet haben", betont Heck. Zudem sähen heutige Restaurierungsmaßnahmen vor, dass gewisse Dinge sichtbar bleiben. "Eine Renovierung wird vermutlich so durchgeführt, dass man dieses Ereignis auch zukünftig an den Mauen ablesen kann."


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