Pädagogischer Trend Experte zum Beste-Freunde-Verbot an Schulen: "Ergibt keinen Sinn"

Jeder Mensch hat beste Freunde und durchschnittliche Freunde, meint ein Experte. Eine Regel, mit allen gleich befreundet zu sein, ändere das nicht. Symbolfoto: imago/Westend61/Robijn PageJeder Mensch hat beste Freunde und durchschnittliche Freunde, meint ein Experte. Eine Regel, mit allen gleich befreundet zu sein, ändere das nicht. Symbolfoto: imago/Westend61/Robijn Page

Berlin. Niemand soll sich weniger gemocht fühlen als andere, deshalb verbieten einige Schulen den Ausdruck "beste Freunde". Das geht am Prinzip der natürlichen Freundschaftsverhältnisse vorbei, meint ein Experte.

Damit Kinder Inklusion lernen, sollen sie lieber keine "besten" Freunde haben – diese Auffassung scheint an immer mehr Schulen weltweit geteilt zu werden. Ein Freundschaftsexperte hat unserer Redaktion erklärt, was er von einem solchen "Beste-Freunde"-Verbot hält. 

Berühmt gemacht hat die fragwürdige Vorschrift die Schule von Prinz George, dem älteren Sohn von Prinz William und Herzogin Kate. Demnach will die Schule Thomas's Battersea den Kindern zentrale Werte, wie Höflichkeit, Demut und soziale Verantwortung beibringen. Eine Unterscheidung in "Freunde" und "beste Freunde" passt da offenbar nicht ins Bild. Auch in Amerika gibt es diesen pädagogischen Ansatz an einigen Schulen.

Vorschrift ändere Freundschaftsverhältnis nicht

"Natürlich ist die unterschiedliche Verteilung unserer Freundschaftsgunst mitunter mit herben Enttäuschungen und Kränkungen verbunden", sagte Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Wolfgang Krüger unserer Redaktion. "Es gibt immer Kinder, die im Sport übrig bleiben, wenn eine Mannschaft zusammengestellt wird. Bei den Poesiealben werden immer wenige Kinder bevorzugt." 

Die Sympathie erfolgt fast immer nach einer Klumpenbildung und stets gibt es Außenseiter in einer Klasse.Wolfgang Krüger, Psychotherapeut und Buchautor (u.a. "Freundschaft: beginnen, verbessern, gestalten")

Krüger zufolge lassen sich Freundschaftsverhältnisse aber nicht mit formalen Vorschriften ändern. 

Wir haben im Leben immer beste Freunde. Nur ihnen erzählen wir alles, weil wir zu ihnen Vertrauen haben. Ihnen berichten wir, wie schwierig unsere Mutter war, dass unser Vater getrunken hat und dass in unserer Ehe nichts mehr läuft. Wolfgang Krüger

Jeder Mensch habe stets eine Rangfolge von Freundschaften im Kopf – wenige beste Freunde und die übrigen Durchschnittsfreunde. Unterschiede im Freundschaftsverhalten sollte man nicht einebnen. "Das ergibt keinen Sinn", begründet Krüger, "weil man dann die Unterschiede in der Qualität der Freundschaften leugnet."

Sinnvoll wäre aber, mit den Schülern über "die Kunst der Freundschaft" zu reden und auch zu thematisieren, warum einzelne Schüler so beliebt sind, während andere abgelehnt werden – was sich im Übrigen im Laufe der Schulzeit gravierend ändern kann.Wolfgang Krüger



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN