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Insa Thiele-Eich Warum eine deutsche Astronautin als Schwangere Beileidsbekundungen erhielt

Insa Thiele-Eich möchte im kommenden Jahr als erste deutsche Frau ins All fliegen. Foto: Ingo Wagner/dpaInsa Thiele-Eich möchte im kommenden Jahr als erste deutsche Frau ins All fliegen. Foto: Ingo Wagner/dpa

Melle. Insa Thiele-Eich kann Geschichte schreiben. Die 35-Jährige ist Kandidatin der privaten Initiative "Die Astronautin", die im kommenden Jahr die erste deutsche Frau ins All bringen möchte. Wie groß ihre Chancen sind, welchen Vorurteilen sie begegnet und welche unfaire Aktion sie kürzlich ertragen musste, erzählt die dreifache Mutter in einem Hotel in Melle – und stillt dabei ihren erst wenige Monate alten Sohn.

Frau Thiele-Eich, welches Gefühl verbinden Sie mit der Aussicht, als erste deutsche Astronautin ins All zu fliegen? 

Puh, geschafft! Das private Projekt ist ja unabhängig von bestehenden Raumfahrtorganisationen wie Esa oder DLR gestartet und damit ist die Finanzierung der wackeligste Punkt. Im vergangenen Jahr sah es zeitweise nicht so gut aus, doch jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Wir sind in der Initiative mittlerweile alle sehr optimistisch, dass es klappen wird.

Weil immer mehr Geldgeber gefunden werden?

Wir streben eine öffentlich-private Partnerschaft an. Das sind ganz neue Wege, die damit in der Raumfahrt gegangen werden. Aus Steuergeldern finanzierte Unternehmen arbeiten mit Unternehmen zusammen, die Profit machen wollen. Aber wie? Das hört sich schon nicht einfach an, und es ist noch schwieriger, als es sich anhört. Wir stoßen an allen Ecken und Enden auf Fragen, zu denen erstmal Antworten gefunden werden müssen.

Die Initiative "Die Astronautin"

Die Raumfahrtingenieurin Claudia Kessler rief im Jahr 2016 die Initiative „Astronautin“ ins Leben. Im April 2017 wurden in Kooperation mit dem deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und Airbus zwei Astronautinnen ausgewählt. Dr. Insa Thiele-Eich und Dr. Suzanna Randall haben im August 2017 ihr Training für den Flug ins All 2020 begonnen. Der Gesamtumfang des Projektes liegt bei ca. 50 Millionen Euro. (Quelle: Die Astronautin)

Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass tatsächlich Sie ins All fliegen werden?

Dass Suzanna Randall, die zweite Kandidatin neben mir, oder ich starten? Bei 99 Prozent – zum jetzigen Zeitpunkt. Zu meinen persönlichen Chancen habe ich gerade keine Meinung. Das ist auch irrelevant. Nach der ersten Mission soll es eine zweite und dritte geben. Denn es wäre einfach zu kurzsichtig gedacht, nach dem Flug einer deutschen Quotenfrau aufzuhören.

Suzanna Randall ist neben Insa Thiele-Eich die zweite Kandidatin für den ersten Flug einer deutschen Astronautin ins All. Foto: Marius Becker/dpa

Steht fest, mit welchem Vehikel Sie im Fall des Falles abheben werden?

Nein, auch wenn ich hier gerade zufällig im SpaceX-Shirt sitze.

Und hinten steht Dragon drauf, der Name der SpaceX-Raumkapsel …

Wir haben im vergangenen Jahr drei mögliche Anbieter identifiziert. Einer davon ist SpaceX mit Dragon, Boeing mit Starliner stellt eine andere Option dar. Und die russische Sojus gibt es natürlich auch noch. Sehr wichtig für uns war jüngst die SpaceX-Mission, die erstmals einen Dummy zur Internationalen Raumstation gebracht hat. Die Kapsel sah nach der Rückkehr wie ein getoasteter Marshmallow aus (Thiele-Eich lacht und zeigt auf ihrem Smartphone das Foto der Kapsel).

Nach der Rückkehr von der ISS wird die "Crew Dragon"-Raumkapsel des Unternehmens SpaceX geborgen. Foto: NASA/AP/dpa

Der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre war anscheinend sehr heiß …

Die soll wiederverwendet werden (lacht). Ich finde, da muss man noch einmal drüber reden.

Auf jeden Fall sollte man sie einmal überstreichen. 

Als ich das gesehen habe, habe ich schon gedacht: Hmmm? Aber im Ernst. Ich verfolge die Entwicklungen in der privaten Raumfahrt intensiv. Was da im Wettrennen zwischen SpaceX und Boeing passiert, finde ich aufregend und faszinierend. Wir haben bereits erste Simulationen mit den Kapseln durchgeführt. Wichtig dabei: Je mehr Anbieter es gibt, desto niedriger wird der Preis. Je mehr Anbieter es gibt, desto mehr Flüge gibt es. Je mehr Anbieter es gibt, desto mehr Möglichkeiten gibt es auch für uns, ins All zu kommen. Bliebe es allein bei der Sojus, müssten wir einen Koffer mit Geld auf den Tisch legen und sagen, bitte bringt uns hoch. Dann werden wir hochgebracht. Wir sehen unsere Chancen allerdings sehr stark im privaten Bereich, weil auch wir mit unserer Initiative ein New-Space-Startup darstellen.

Insa Thiele-Eich

Vita
Insa Thiele-Eich wird am 21. April 1983 in Heidelberg geboren. Schon als Kind erlebt sie die Faszination Raumfahrt, denn ihr Vater Gerhard Thiele ist Astronaut der Europäischen Weltraumagentur ESA. Im Februar 2000 verbringt er elf Tage im All an Bord des US-Spaceshuttles Endeavor. Wegen der Raumfahrer-Karriere ihres Vaters wächst Insa Thiele-Eich gemeinsam mit drei Geschwistern einige Jahre in den USA auf, wo sie unter anderem bei Astronauten der NASA babysittet. Zurück in Deutschland, studiert sie Meteorologie an der Universität Bonn. In ihrer Doktorarbeit untersucht sie die Auswirkungen des Klimawandels auf Bangladesch. Im April 2017 geht sie im Auswahlverfahren der privaten Initiative "Die Astronautin" als eine von zwei Kandidatinnen hervor, von denen eine im Jahr 2020 als erste deutsche Frau ins All fliegen soll. Geplant ist ein etwa zehntägiger Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation. Neben Thiele-Eich ist auch die Astrophysikerin Suzanna Randall dabei, die für die ausgeschiedene Finalistin Nicola Baumann nachgerückt ist. Die Trainingseinheiten für ihre Mission als Astronautin muss Thiele-Eich derzeit mit ihrem Job als wissenschaftliche Koordinatorin an der Uni Bonn abstimmen. Gemeinsam mit ihrem Vater hat sie jüngst das Buch "Astronauten: Eine Familiengeschichte" (Verlag Komplett Media) geschrieben, in dem besonders die privaten Einblicke lesenswert sind. Die 35-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder; zwei Töchter sowie einen erst wenige Monate alten Sohn.

Sie betonen sehr stark das Wir, aber was sagt Ihr Ich? Welches Unternehmen wäre Ihnen am liebsten?

Allein aus Kindheitsgründen hätte ich die Präferenz, von amerikanischem Boden aus zu starten. Ich hätte zwar auch nichts gegen Star City nahe Moskau. Aber da ich selbst im texanischen Houston in der dortigen Raumfahrtgemeinde großgeworden bin, wäre ich sehr glücklich, wenn ich mich mit meiner Familie dort vorbereiten könnte.

Nach Hause kommen.

Ja, das bisherige Training in Star City war sehr aufregend, aber das Training im vergangenen Jahr in Houston hat mich auch emotional berührt. Dort habe ich als Kind fünf Jahre gelebt. Meine Eltern, meine Geschwister, wir alle sind da noch sehr zu Hause. Dieses Gefühl auch mit den eigenen Kindern zu teilen, wäre sehr schön. Dann könnten sie das sehen, was Teil meiner eigenen Vergangenheit ist.

Klingt nach Nostalgie. Aber was ist Ihr innerster Antrieb, ins All fliegen zu wollen?

Der Wunsch, Astronautin zu werden, begründet sich maßgeblich mit dem Training und dem Alltag der Astronauten. Es war nicht: Ach, wie cool wäre es im All, wie komme ich da hin? Es war der Wunsch, diesen Berufsalltag zu haben. Den Alltag, den auch mein Vater hatte, während er zwölf Jahre auf seinen ersten Flug gewartet hat. Für uns war er auch in dieser Zeit schon immer Astronaut. Und nicht etwa Astronautenanwärter.

Vater und Tochter: Foto: Geza Aschoff

Das hat auch Sie begeistert?

Ja, er hatte Spaß bei der Arbeit. Es war Bestandteil seines Alltags, Sport zu machen. Fliegen zu gehen, tauchen zu gehen. Sich in fremde Wissenschaftsgebiete einzuarbeiten, eine neue Sprache zu lernen. Das fand ich total toll und faszinierend. Außerdem möchte ich herausfinden, wo meine Grenzen sind. Das mache ich schon mein ganzes Leben so. Und da ist das Weltall ein ideales Ziel.

Es scheint aber, als seien Sie schwer zufriedenzustellen.

Das ist leider die Kehrseite davon. Zwischendurch musste ich bereits lernen, dass ich nicht immer nur nach etwas Neuem suchen kann, nicht immer einen neuen Superlativ setzen kann, sondern auch innehalten muss.

Gibt es denn etwas, womit Sie quasi fertig sind?

Uuh, fertig? Fertig ist so ein endgültiges Wort. Fertig? Nee. Es gibt Sachen, die liegen vielleicht mal eine Zeitlang brach. Aktuell setzte ich viel Energie in den privaten Bereich mit den Kindern inklusive Mini-Baby. Was mich übrigens wahnsinnig zufrieden macht. Es erfüllt mich mit Glück, dass ich zum Beispiel dieses Interview gerade stillend geben kann. Vor zwei Jahren wäre ich mir noch nicht sicher gewesen, ob ich Familienplanung und Astronautentraining unter einen Hut kriegen kann.

Wie in Ihrem ersten Job als Meteorologin an der Uni: Sie müssen gut koordinieren können.

Für eine Astronautin ist es durchaus auch die Frage, wie es die Arbeitgeberin sieht. Gerade mit der Schwangerschaft während des Trainingszeitraums. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass es ein Problem werden würde, als mein Mann und ich uns für ein drittes Kind entschieden haben. Aber man geht ja nicht vorher hin und fragt die Chefin: Hättest du vielleicht etwas dagegen, wenn ich jetzt schnell noch mal so Kind drei kriege? Ein Großteil meines Umfelds ist übrigens davon ausgegangen, dass meine Teilnahme an der Astronautin-Initiative damit beendet ist.

Das hätte aber einen argen Schatten auf die Initiative geworfen.

Natürlich! Eine Person im Umfeld war begeistert, der Rest betroffen bis tief bestürzt. Ich habe sogar Beileidsbekundungen ausgesprochen bekommen!

Von Freunden?

Nein, nicht von Freunden. Einige von denen waren aber zumindest skeptisch, ob ich in der Initiative bleiben kann. Die begeisterte Reaktion war übrigens meine Chefin.

Claudia Kessler – die Raumfahrtingenieurin, die die Initiative „Die Astronautin“ ins Leben gerufen hat.

Weil ich sie dabei sehen wollte, habe ich die Nachricht in einer Videokonferenz mitgeteilt. Ich habe es gesagt und sie so: „Ach, super, toll. Ich freue mich total. Herzlichen Glückwunsch!“ Das war schmerzloser als gedacht. Total schön.

Insa Thiele-Eich und Claudia Kessler. Foto: imago/Sven Simon

Im vergangenen Oktober ist Ihr Sohn geboren. Wie geht es Ihnen nun?

Bei den beiden Großen hatte ich etwa.sechs Monate nach den Geburten den körperlichen Tiefpunkt. Auch jetzt bin ich alles andere als ausgeschlafen, das Stillen zehrt, und ich bin einfach noch k.o. von der Schwangerschaft. Zum Glück ist das ja alles nur eine Phase.

Derweil geht die Astronautenausbildung weiter. Was hat Sie am meisten gefordert?

Das Vereinbaren von 70 Prozent Uni-Job, 50 Prozent Astronautinnenjob und Familie. Und dabei noch halbwegs fröhlich bleiben. Die Wörter Hobby und Freizeit sind aktuell nicht existent. Ich muss manchmal auch daran arbeiten, mir Pflichttermine als Spaß und Freizeit zu verkaufen. Zum Beispiel die Flugstunde am Ende eines Zwölfstundentags.

Sie wirken immer sehr kontrolliert.

Fragen Sie mal meine Kinder … (lacht)

Was lässt Sie Ihre Fassung verlieren?

Zum Astronautendasein gehört es dazu, dass man selbst seine wunden Punkte kennt. Aber so kontrolliert ich erscheine, so emotional bin ich auch manchmal. Ich bin in vielen Dingen sehr grundentspannt, was mich indes wahnsinnig aufregt ist Unfairness. Wenn man mich ärgern möchte, möge man mir eine unfaire Situation bieten. 

Welche unfaire Situation haben Sie selbst zuletzt erlebt?

Es gab eine Medienanfrage. Es war fürchterlich dringend, es musste unbedingt dieser Termin sein, ganz wichtig. Unser Team hat fast stündlich drängende Anrufe erhalten. Also habe ich dafür extra einen anderen Termin abgesagt und meine Mutter als Babysitterin engagiert. Dann jedoch zog man den Termin kurzfristig zurück mit der Begründung, man habe nun doch eine richtige Astronautin genommen. Nein, einen richtigen Astronauten. Das war noch schlimmer. Und das war dann Matthias Maurer. Ich mag Matthias total gerne, wir kennen uns auch. Aber …

… im All war der neben Gerst zweite deutsche Esa-Astronaut auch noch nicht.

Richtig, Punkt eins. Punkt zwei: Wenn man mich unter Druck setzt, Telefonterror betreibt und wir alles machen, weil so gebettelt wurde, und dann wird abgesagt mit diesem Grund – das treibt mich auf die Palme. Da werde ich jetzt sogar wieder sauer. So etwas finde ich wahnsinnig unfair. Weil auch die Zeit meines Teams wertvoll ist, weil ich genau so richtig, genau so echt bin wie Matthias Maurer. Bedingt auch durch meinen Vater und seine Definition des Wortes Astronaut sehe ich mich auch jetzt schon als Astronautin, auch wenn ich noch nicht im All war.

Ist Ihr Vater ein Vorbild für Sie?

Nee, mein Papa ist mein Papa (lacht). Vorbilder sind eher die Nasa-Astronautinnen, die auch Mütter sind: Heidi Piper und Laura Clark. Auf deren Kinder habe ich als Jugendliche aufgepasst. Bei denen habe ich erkannt, dass der Beruf der Astronautin und die Rolle als Mutter gut zu vereinbaren sind. Dann kam ich nach Deutschland und habe gemerkt, wie wenig weibliche Vorbilder es gibt.

Foto: Geza Aschoff

Jetzt sind Sie selbst eines.

Als ich mich beworben habe, hatte ich nicht die altruistische Motivation, wow, ich kann als erste deutsche Frau im All ein Vorbild sein. Ich wollte erst einmal Astronautin werden. Nach der offiziellen Bekanntmachung im April 2017 habe ich erst gemerkt, wie viele Leute das anzweifeln, dass Frauen das überhaupt können. Dass ich das kann. Dass Mütter das können. Dass man so etwas als Frau will, sorgt für Irritationen beim Gegenüber. Ich war absolut desillusioniert, in was für Zeiten wir überhaupt leben. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass es für so viel Aufregung sorgt, wie es gesorgt hat. Und jetzt auch noch jeden Tag tut.

Wäre nicht die Frage diskussionswürdiger, warum die Nationalität so betont wird? Raumfahrt ist doch international und die Esa hat ja schon mehrere Frauen ins All gebracht.

Drei. Wenn man das als mehr bezeichnen möchte. Aber ja: Ich würde meinen deutschen Pass sofort gegen einen europäischen eintauschen, wenn ich das könnte. Wegen der Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg in der Raumfahrt wollen wir ja auch zur Internationalen Raumstation. Ein Riesenproblem aber ist, dass zum Beispiel in der deutschen Öffentlichkeit die Astronauten anderer Länder unbekannt sind. Wenn ich bei Auftritten nach Namen von Astronauten frage, kommt Alexander Gerst und Punkt. Und welche Flagge trägt er auf dem Arm seines Raumanzugs? Die deutsche. So international der Charakter der Raumfahrt auch ist, am Ende bleibt er doch national, weil Raumfahrt Teil der Identifikation eines Landes ist. Das sieht man gerade bei den Amerikanern.

Alexander Gerst bei seinem Außenbordeinsatz im All im Jahr 2014 – mit der deutschen Flagge auf dem Arm. Foto: ESA/NASA/dpa

Nationalstolz.

Für Raumfahrt steht auch der Entdeckergeist dahinter. Innovation, Technik, Abenteuer – das sind alles Elemente, die man auch gerne als Land vertritt. In Deutschland stehen für Raumfahrt bislang elf männliche Astronauten, die im All waren. Wir wollen, dass eine Frau hinzukommt, damit Mädchen sich nicht mehr fragen müssen, ob sie das auch schaffen können.

Als Sie so alt waren wie jetzt Ihre älteste Tochter mit acht Jahren, hat Ihr Vater mit Ihnen in den Sternenhimmel geguckt.

Meine Tochter hat zum Perseidenschauer Geburtstag. Wir haben sie also im vergangenen Jahr mitten in der Nacht geweckt, damit sie sich die Sternschnuppen anschauen kann. Es ist eben ganz normal, dass man das, für das man sich selbst begeistert, auch mit anderen teilt. Ich bin ja Meteorologin. Und die Kinder wissen ganz genau, wonach man Ausschau zu halten hat, wenn es regnet und die Sonne scheint,

Nach einem Regenbogen.

Dann heißt es: Stopp, Mama. Guck! Da rechts. Ich weiß nicht, ob sie sich so dafür begeistern würden, wenn ich nicht von klein auf mit ihnen immer danach geguckt hätte. Ich habe ihnen erklärt, dass bei bestimmten Lichtverhältnissen immer irgendwo ein Regenbogen ist. Meine Mutter hat damals mit uns die Jahreszeiten begleitet. Das erste Schneeglöckchen wurde immer zelebriert. Das machen wir jetzt mit unseren Kindern auch. Das erste Schneeglöckchen ist eine Lauffeuernachricht in der Familie. Diese Begeisterungsfähigkeit erstreckt sich auch auf die Raumfahrt. Die Kinder wissen, dass SpaceX als erstes Unternehmen überhaupt die erste Stufe einer Rakete wieder heil auf der Erde gelandet hat. Das haben wir uns live zusammen angeschaut; ich hatte die Kinder extra früher aus dem Kindergarten abgeholt.

Das Sternbild Kassiopeia. Foto: imago/Leemage

Welches ist Ihr Lieblingssternbild?

Wir gucken gerne die Kassiopeia an (Thiele-Eich zeigt ein W). Dabei kann man gleich noch pädagogisch wertvoll das Alphabet erklären. Nein, das ist natürlich ein Scherz. Einmal habe ich aus Spaß im Interview gesagt, dass die Kinder mit drei Jahren die Planeten auswendig lernen müssen. Abgedruckt las sich das nicht mehr so lustig. Müssen sie natürlich nicht. Bei Regenbogen bin ich aber sehr streng. Scherzhaft streng. Ich kommentiere den Inhalt von gemalten Bildern grundsätzlich nicht und frage nur nach der Geschichte hinter dem Bild. Aber wenn der Regenbogen falsch gemalt ist, dann sage ich etwas.

Der Regenbogen führt zu Ihrem ersten Beruf, in dem Sie als Meteorologin mit dem Klimawandel zu tun haben. Ist das ein Phänomen, das Ihnen Sorgen bereitet?

Große Sorgen. Es scheint in Deutschland noch zu wenig Menschen klar zu sein, dass der Klimawandel ein ganz konkretes und akutes Problem ist. Doch um dem Klimawandel zu begegnen, passiert wenig bis gar nichts. Um selbstständig bei der Fridays-for-Future-Bewegung mitzumachen sind meine Kinder noch etwas zu klein. Aber es gibt auch Parents for Future und Scientists for Future. Da bin ich dabei.

Fehlt Entscheidungsträgern die persönliche Betroffenheit, weil sie zu alt sind und damit die gravierenden Folgen des Klimawandels nicht mehr erleben werden?

Mir fällt dazu sofort das Wort „Lähmung“ ein. Entscheidungsträger sind gelähmt, man selbst ist gelähmt. Einzelne fragen sich, was sie als kleine Personen machen sollen? Der Nachbar macht ja schließlich auch nichts. Was aber genau bei Entscheidungsträgern abläuft, weiß ich nicht. Unwissen kann es nicht sein, Ignoranz auch nicht. Die Fakten sprechen einfach für sich. Womöglich ist es die Angst vor Veränderung.

Inwiefern?

Das ist etwas was ich generell beobachte. Ein anderes Beispiel dafür ist die Bitte von uns Frauen, nicht immer das generische Maskulinum zu verwenden, sondern eine neutrale Bezeichnung zu finden. Das führt oft zu viel Verärgerung, auch die Verwendung von * und Binnen-I wird ja teilweise als größte Katastrophe des 21. Jahrhunderts angesehen. Das wundert mich, tut doch keinem weh. Ich frage manchmal nach, wieso sich so darüber geärgert wird. Und die Angst vor Veränderung ist da etwas, was ich viel spüre.

Auch persönlich?

Ich werde zum Beispiel nicht gerne als Herr angeschrieben, passiert aber ständig. Kontakt zur ersten deutschen Astronautin? Herr Insa Thiele-Eich. Das ist selbst an der Uni passiert. Dr. Thiele-Eich? Das muss aber ein Mann sein, also schreiben wir mal Herr Dr. Thiele-Eich. Kann man drüber lachen. Wenn es aber mehrfach die Woche passiert, frage ich mich, ob es an einem verfestigten Geschlechterbild liegt. Meinem Mann oder Kollegen passiert das nicht.

Mangelnder Respekt?

Ja, vielleicht aber auch eine Unaufmerksamkeit. Ganz ehrlich: Mich stört so etwas. Ich bin gerne Frau und möchte auch, dass das respektiert wird und der richtige Name für mich verwendet wird.

Lesetipp

"Astronauten - Eine Familiengeschichte" von Insa Thiele Eich und Gerhard Thiele
Der Vater war schon im All, die Tochter macht es ihm im kommenden Jahr möglicherweise nach. Zwei Astronauten in einer Familie. Eine einzigartige Konstellation, die neugierig macht. Gerhard Thiele und Insa Thiele-Eich geben in ihrem Buch "Astronauten – Eine Familiengeschichte" private und berufliche Einblicke in das Leben als Raumfahrer und Raumfahrerin. Vor allem der persönlich Anstrich macht das Werk lesenswert. Fast schon in einem Plauderton schreiben Vater und Tochter über Erlebnisse und Gefühle, schildern Anekdoten und nennen Fakten, wo Fakten gefragt sind. Gerhard Thiele blickt auf seine Mission im Jahr 2000 zurück, als er mit dem US-Spaceshuttle "Endeavor" rund elf Tage im All verbrachte und bei der Höhenkartierung der Erde mitwirkte. Insa Thiele-Eich schlägt den Bogen von ihrer Bewerbung bei der Initiative "Die Astronautin", die sie erst vier Stunden vor Ablauf der Frist einreichte, über den Tag, als sie ausgewählt wurde ("Ich stand abends so neben mir, dass ich mir mit der Rasiercreme meines Mannes die Zähne geputzt habe") bis hin zum Ausblick auf die Aufgaben, die sie an Bord der Internationalen Raumstation hätte. Für den Leser bleibt am Ende der Eindruck, einen über 240 Seiten nie langweiligen Familienbesuch erlebt zu haben.
Insa Thiele-Eich, Gerhard Thiele: Astronauten – Eine Familiengeschichte, Komplett Media, Sachbuch, 240 Seiten, 22,90 Euro.


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