Wohnpark Zippendorf Alpakas im Pflegeheim: Große Augen, noch größeres Herz

Von Sebastian Schramm

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Zippendorf. Mit seinen Alpakas reist Marco Holter durch Mecklenburg-Vorpommern. Er hilft Menschen für Momente, zu vergessen – oder sich wieder zu erinnern.

Herr Wernicke leidet an Demenz. Die Erinnerungen verschwinden. Nur das Gefühl kann ihm die Krankheit nicht nehmen. Seine Frau schiebt ihn ins Foyer. Seit drei Jahren leben sie hier, Pflegeheim Wohnpark Zippendorf. Sie haben gleich ein Treffen. So wie fast jede Woche.

Frau Wernicke kann sich noch erinnern. Erzählt von einem wunderbaren Tag auf dem Hof, von Kaffee und Kuchen. „Da konnte mein Mann noch besser“, sagt sie. Sanft legt sie die Hände auf seine Schultern. Leopold kann Herrn Wernicke nicht heilen. Ihm dafür aber Gefühle schenken. Leopold, dichte Wolle, große Augen, noch größeres Herz. Ein Alpaka. Wie simpel seine Aufgabe klingt: den Menschen eine schöne Zeit bereiten, sie ablenken vom Alltag, der Krankheit, den Schmerzen. Glänzen durch bloße Anwesenheit. Das können sonst nur Kinder und Hunde.

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Jeden nehmen, wie er nicht mehr ist

Leopold kommt ins Foyer, geht auf beide zu. Als träfe er Freunde. Herr Wernicke lächelt, streichelt den Hals, streichelt den Kopf. Seine Frau sagt: „Eine schöne Wolle hast du. Hast dich extra schick gemacht.“ Und zu ihrem Mann, liebevoll neckend: „Bring ihm nicht die Frisur durcheinander!“ Still beobachtet Gisa Köpke die beiden. Man meint aus ihren Augen Glück zu lesen. Sie arbeitet im Pflegeheim, ist zuständig für die soziale Betreuung der Bewohner. Tiere werten nicht, hatte Köpke vor dem Treffen mit Leopold gesagt. Sie würden jeden nehmen, wie er ist. Das heißt auch: Sie nehmen jeden, wie er nicht mehr ist.

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 Wenn der Kopf durch Demenz schleichend zur leeren Hülle degradiert wird, können Tiere zum Schlüssel werden. Einer, der unter Umständen das verschlossene Tor zu den Erinnerungen öffnet. Durch das Streicheln, erklärt Köpke, die Anwesenheit von Leopold, kommen zuerst die Endorphine, Boten des Glücks. Dann entspannen sich die Muskeln. Konzentration, wo keine mehr war.

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Kuscheltier auf vier Beinen

Worte, die nicht mehr über die Lippen gingen. Und dann können sie zurückkehren: die Bilder von früher. Dass auch sie mal Tiere hatten, vielleicht ihr Geld in der Landwirtschaft verdienten? Für Marco Holter sind Alpakas die Delfine der Weide. Auf einem Hof, zwischen Wald und Feld in der Nähe von Grevesmühlen, hält er sich zwölf. Er hat sich ausbilden lassen, tiergestützte Aktivität heißt das. Er fährt durchs Land, am Auto ein Anhänger, Schwerin, Rostock, auch nach Schleswig-Holstein, um den Menschen mit seinen Alpakas zu helfen.


Leopold kennt er seit 2012. Marco Holter wollte nur einen Rasenmäher für seinen Hof. Aber dann, dieser Charakter, aufgeschlossen und neugierig, Kuscheltier auf vier Beinen, wie gemacht für die Therapie. Und diese Augen. Er hat sich in seinen Augen verloren. Schwarz und treu, so groß wie Mantelknöpfe. Wieder im Foyer. Marco Holter zieht an Leopolds Leine. Eine kleine Runde im Aufenthaltsraum schafft er noch. Verabschiedung von Frau und Herr Wernicke. Ein guter Tausch: Er hat Leckerchen bekommen. Sie Momente des Glücks. Sie sehen ihn bald wieder. Dreimal im Monat besucht er sie. Und einmal waren sie auch bei ihm auf dem Hof, bei Kaffee und Kuchen. Schöne Erinnerung.


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Ein Tag Arbeit, einer Pause

Leopold dreht seine Runde im Aufenthaltsraum. Vorbei an bewegten Leben. Rollstühle und Rollatoren. Eine Frau sagt: „Mein Süßer.“ Eine andere antwortet: „Der ist doch nicht süß! Süß sind Schokoladenplätzchen.“ Lachen. Dann tauscht Marco Holter die Alpakas. Es wird zu viel. Mehr als eine halbe Stunde schafft Leopold es nicht, sich auf seine Gegenüber einzulassen. Bei Wachkomapatienten ist es noch kürzer, etwa zehn Minuten. Es läuft so: einen Tag Arbeit, einen Tag Pause. Im Anhänger warten schon Heu und Gras auf ihn.

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Holters zweites Therapie-Alpaka heißt Alberto. Schwarzes Fell, schwarzer Teufel, lernt noch immer mit seinen fünf Jahren. 40 aus eins, schätzt Holter. Von 40 Alpakas schafft es eins in die Therapie. Und es sind nur die Hengste. Stuten sind ungeeignet. Der Charakter zu stark, die Tragezeit zu lang. Mit dem Fahrstuhl fahren sie in den ersten Stock. Alberto, schweigend und geduldig. Ein Angestellter auf dem Weg ins Büro. So werden Alpakas ausgebildet, sagt Holter. Ohne Druck, dafür in engen Räumen. Sie sollen keine Angst haben. Auf dem Hof spielt er ihnen Musik vor, damit sie sich an Geräusche gewöhnen. „Von Kinderliedern bis Hardrock“, sagt Holter.

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Viel Schönheit, viel Tragik

Im Takt stakst Alberto durch die Gänge. Klack klack klack. Zehennägel auf Linoleum. Lässt sich zehn Minuten von Frau Friedrich streicheln. Sieht dabei, mit seiner Leine, aus wie ihr Haustier. Sieht auch aus wie: ein gutes Team, jeden Tag zusammen, durch dick und dünn. Aber Alberto, auch Leopold, sie sind immer nur vorübergehende Gäste. Bittere, schmerzhafte Erkenntnis: Es geht ihnen hier wie allen anderen auch. Die ganze Schönheit und die ganze Tragik, sie verdichten sich, als Alberto, kurz nach seinem Rundgang im ersten Stock, vorbei an dösenden, Zeitung lesenden Bewohnern, noch zu Herr Schmidt gehen soll. So wie jedes Mal. Herr Holter fragt eine Pflegekraft: „So, jetzt noch zu Herr Schmidt, richtig?“

Sie senkt den Blick. Holt Luft. Nimmt Anlauf. „Der Herr Schmidt ist seit dem Wochenende nicht mehr“, sagt sie. Stille.

Alberto muss weiter. Wieder arbeiten. Klack klack klack. 

Schnecken und Kaninchen

Es muss nicht mal das exotische Alpaka sein. Auch andere Tiere können helfen, Menschen in Pflegeheimen zu unterstützen. Der Bremer Pflegewissenschaftler Stefan Görres hat im vergangenen November gefordert, mehr Tiere in Pflegeeinrichtungen zu schicken. Viele ältere Menschen fühlten sich dort einsam, weil sie nur wenig Kontakt zu Angehörigen und anderen Bewohnern hätten. „Wenn Tiere anwesend sind, möchte man sie automatisch streicheln und berühren.“ Ein Tier sorge für Beruhigung, dementsprechend entlaste es auch das Personal. Geeignet sind laut Görres zum Beispiel Kaninchen, Hunde, Katzen, Kanarienvögel.
Es gibt noch mehr: In Mecklenburg-Vorpommern läuft seit vergangenem Jahr ein Pilotprojekt. In Steffenshagen (Landkreis Rostock) arbeiten traumatisierte Soldaten zusammen mit Hunden. Ab dem Welpenalter betreuen sie die Tiere. Die Hunde sollen lernen, Ängste der Soldaten zu erkennen. Bei Wiedererleben von Traumata können die Hunde dann reagieren – beispielsweise, indem sie die Pfote auf das Bein des Besitzers legen.
Und noch ein Beispiel: In der Christophorus Klinik in Münster behandeln Ärzte straffällig gewordene, intelligenzgeminderte Patienten – etwa mit einer Schnecke. Durch die Therapie soll der emotionale Zugang zu den Patienten erleichtert werden.

sebs mit dpa/epd


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