Unverständnis bei Opfer Studie: Sexueller Kindesmissbrauch in DDR länger tabuisiert

Von dpa und Tobias Bosse

Die Fallstudie umfasst persönliche Erinnerungen von rund 100 Männern und Frauen. Foto: dpa/Patrick PleulDie Fallstudie umfasst persönliche Erinnerungen von rund 100 Männern und Frauen. Foto: dpa/Patrick Pleul

Berlin. Eine neue Fallstudie hat den sexuellen Missbrauch von Kindern in der DDR aufgearbeitet. Demnach sei dieser nicht nur stärker, sondern auch erheblich länger tabuisiert gewesen als in Westdeutschland. Ein Opfer anaylsiert die Ergebnisse in Abgrenzung zur BRD: "Ich bin auf einem Dorf in der Nähe von Köln aufgewachsen. Und dort wollte auch niemand etwas von diesem Thema wissen", sagt Markus Diegmann.

Sexueller Kindesmissbrauch in der DDR ist nach einer neuen Fallstudie nicht nur stärker, sondern auch erheblich länger tabuisiert gewesen als in Westdeutschland. Nach ersten Studien aus archiviertem Material in früheren Jahren hätten das nun auch persönliche Erinnerungen von rund 100 Männern und Frauen in einer neuen Fallstudie bestätigt, teilte die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs am Mittwoch in Berlin mit. 

Die für die Fallstudie Befragten hätten als Kinder und Jugendliche selbst sexuelle Übergriffe erlebt. Die Untersuchung sei damit nicht repräsentativ, werfe aber Schlaglichter auf ein dunkles DDR-Kapitel.

Diese Ergebnisse der Fallstudie lösen bei Markus Diegmann, Opfer von Kindesmissbrauch in der BRD, Unverständnis aus – insbesondere aufgrund der Abgrenzung zur Bundesrepublik. "Ich bin auf einem Dorf in der Nähe von Köln aufgewachsen und dort wollte auch niemand etwas von diesem Thema wissen", sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion im Hinblick auf die Tabuisierung in der BRD. 

Mehrmals in der Woche sexuell missbraucht

Denn Diegmann ist 53 Jahre alt und wurde zwischen seinem 5. und 15 Lebensjahr mehrfach pro Woche sexuell Missbraucht – also von 1971 bis 1986, im geteilten Deutschland. Aufgeschlossener seien die Menschen auf der anderen Seite des Landes seiner Ansicht nach jedoch nicht gewesen. "Ich konnte mit niemandem darüber sprechen und das obwohl das Thema allgegenwärtig war, weil zwei der Täter bei uns im Haus als Untermieter gelebt haben."

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Den einzigen Unterscheid, den Diegmann zur DDR ausmachen kann, ist, dass er das Land verlassen konnte: "Jedes Opfer von Kindesmissbrauch ist auf der Flucht vor der Vergangenheit, deshalb bin ich viel herumgereist. Das war den Opfern in der DDR nicht möglich."

Bis heute sei das Totschweigen von Kindesmissbrauch eigentlich unverändert sagt, Diegmann. Er muss es wissen: Seit mehr als 30 Monaten fährt er durch das Land und versucht, Unterstützer für seine Petition zu finden, die sich gegen eine Verjährungsfrist für Täter von Kindesmissbrauch einsetzt. "Ich habe nach dieser langen Zeit lediglich eine Viertel Millionen Unterschriften gesammelt. Das zeigt doch, wie ungern Menschen heute noch darüber sprechen." Als Vergleich zieht er eine Petition heran, die sich für das Überleben von Bienen stark machte und innerhalb weniger Wochen mehr als eine Millionen Unterstützer fand. 


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