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27.02.2019, 16:09 Uhr KOLUMNE

Inhaltsleerer geht kaum: Mit dieser App verdaddelt Ihr Kind seine Zeit

Von Tobias Bosse


Das Logo des chinesisches Videoportal Tik Tok wird auf einem Smartphone angezeigt. Foto: imago/photothekDas Logo des chinesisches Videoportal Tik Tok wird auf einem Smartphone angezeigt. Foto: imago/photothek
Thomas Trutschel/photothek.net

Hamburg. Die chinesische App "TikTok" ist gerade sehr beliebt unter Teenagern. Unser Redakteur Tobias Bosse hat mal getestet, was es damit auf sich hat.

Viele Eltern wissen vermutlich nicht, welche Apps ihre Kinder den ganzen Tag über nutzen. Wie auch? Es fällt selbst mir als 32-Jährigem schwer, bei der Flut an Smartphone-Programmen den Überblick zu behalten und immer auf dem Schirm zu haben, was bei den Kids heute angesagt ist. Deshalb begebe ich mich auf ein Abenteuer und erkunde eine digitale Welt, zu dessen Zielgruppe ich allein aus Altersgründen nicht gehöre. 

Der digitale Rummelplatz "TikTok"

Aktuell ist die chinesische App "TikTok", vormals "Musical.ly", besonders beliebt bei Teenagern in der Altersgruppe zwischen 12 und 18 Jahren. Bei einem Selbstversuch habe ich schnell gemerkt, weshalb sich der Mehrwert dieser App uns "Alten" wohl nur in den seltensten Fällen erschließen wird. 

"TikTok" ist eine Video-App, die vornehmlich für Lippensynchronisation von Musik- oder Comedyvideos sowie  andere Arten von Videoclips verwendet wird. Das Programm hat darüber hinaus alle Funktionen bekannter sozialer Netzwerke wie Instagram oder Facebook. Nutzer können ihre Inhalte teilen, kommentieren oder liken. So sieht die Nutzeroberfläche auf "TikTok" aus:

So sieht die Nutzeroberfläche auf "TikTok" aus. Screenshot: App Store/TikTok

Diese unterscheidet sich jedoch stark von den bekannten Apps. So ist der Feed, also die Hauptseite auf der man als Nutzer zunächst landet, eine schier endlose Abfolge von unterschiedlichen Kurzvideos, die automatisch starten. 

Durch die vielen Filter, mit denen Nutzer ihre Gesichter beispielsweise so verzerren können, wie bei einem Spiegelkabinett, sich Hüte aufsetzen oder Katzenohren verpassen können, und den vielen Möglichkeiten der Bearbeitung, prasseln unmittelbar extrem viele Reize auf den Nutzer ein. Man fühlt sich ein wenig so, wie auf einem digitalen Rummelplatz – alles ist knallig bunt, grell glänzend und aufmerksamkeitsheischend gestaltet. Für mich könnten die kurzen Videos jedoch kaum inhaltsleerer sein. Aber gut, mit lediglich 15 Sekunden Zeit pro Video hätte sich wohl auch Shakespeare schwer getan, geistreiche Schöpfungen hervorzubringen. Schauen Sie selbst:

Aus Warhols 15 Minuten wurden Sekunden

Die Nutzer hierzulande beschränken sich zumeist darauf, beliebte Songs wie von Ariana Grande oder sogenannte Witze aus den Programmen deutscher Comedians nachzuäffen. Besonders beliebt scheinen hier Caroline Kebekus und Enissa Amani zu sein. Und so merkwürdig das auch klingen mag: Für die "TikTok"-Community funktioniert es. Ein Video, auf dem ein junges Mädchen in ihrem Kinderzimmer sitzt, einen Ausschnitt einer Kebekus-Nummer synchronisiert und in die Kamera strahlt, bekommt gut und gerne 20 bis 100.000 Gefällt-mir-Angaben. Verrückt, oder?

Ob sich sich die jüngere Generation möglicherweise simpler unterhalten oder eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne hat? Oder vielleicht verarbeiten die Kids von heute Inhalte einfach viel schneller, als ich mit meinen "grauen Zellen"? Vielleicht brauchen sie eine noch höhere Frequenz an optischen Reizen? So recht will sich mir der Reiz der Überreizung durch "TikTok" aber nicht erschließen.

Ich meine, Instagram war schon oberflächlich, bietet allerdings wenigstens neben den ganzen Photoshop-süchtigen Möchtegern-Models tatsächlich auch gehaltvolle, multimediale Inhalte von seriösen Nachrichtenportalen, Fußballvereinen oder zunehmend auch Politikern.

Doch "TikTok" zeigt mir auch: Die Heranwachsenden von heute scheinen signifikant bessere Fertigkeiten im Videoschnitt zu haben, könnten aus meiner Sicht aber kaum unbefriedigender Gebrauch davon machen. Alles in "TikTok" ist auf den "Wow-Effekt" ausgelegt, aus Warhols 15 Minuten Ruhm wurden Sekunden. Das heißt, "TikTok" besteht vor allem aus schnellen Schnitten, vielen Effekten und den besagten Filtern – ohne dass Nutzer wirklich eigene Inhalte erschaffen müssen. Ich persönlich bin dessen nach wenigen Minuten überdrüssig.

Kritisches Fazit

Zudem stand die App aus dem fernen Osten bereits stark in der Kritik. Der Grund: Mangelnder Jugend- und Datenschutz. So habe es in der Vergangenheit bereits Probleme mit pornografischen Inhalten gegeben, weil das Prüfverfahren zu lapidar war. "TikTok" will dies zukünftig unterbinden. Dafür soll ein Sicherheitscenter in Deutschland ausgebaut werden und maschinelles Lernen soll kritische Inhalte ausfindig machen und entfernen.

Alles in allem bleibt also festzuhalten, dass "TikTok" sich sicherlich gut eignet, um sich mit seichten Videos kurzzeitig vom grauen Alltag abzulenken, sich aber auch schnell abnutzt – zumindest für Menschen meiner Altersgruppe und darüber. 


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