"Perfide Aussage" Was der Gipfel im Vatikan bei einem Opfer von Kindesmissbrauch auslöst

Markus Diegmann möchte eine Million Unterschriften zur Abschaffung der Verjährungsfrist bei Missbrauch an Kindern sammeln. Foto: imago/HartenfelserMarkus Diegmann möchte eine Million Unterschriften zur Abschaffung der Verjährungsfrist bei Missbrauch an Kindern sammeln. Foto: imago/Hartenfelser

Vatikanstadt. Papst Franziskus verurteilte im Vorfeld der Missbrauchskonferenz im Vatikan nicht die Täter von Kindesmissbrauch, sondern die Kritiker. Im Gespräch erzählt ein Opfer, das als Kind missbraucht wurde, wie sich solche Äußerungen anfühlen.

Rund 190 Kirchenvertreter aus der ganzen Welt diskutieren seit Donnerstag im Vatikan darüber, wie sie auf Missbrauchsfälle besser reagieren und diese künftig verhindern können. Papst Franziskus äußerte sich bereits im Vorfeld zur heftigen Kritik gegenüber der katholischen Kirche und nannte diejenigen, die Kritik ohne Liebe vorbringen und ihr Leben damit verbrächten, anzuklagen, Freunde oder Verwandte des Teufels. 

Am Donnerstag forderte er jedoch auch konkrete Taten statt vieler Worte von den Spitzen der katholischen Kirche und legte ein 21-Punkte-Papier zum Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern vor, das nun als eine Art Fahrplan diskutiert werden soll.

Die traurige Chronologie des Missbrauchsskandals lesen Sie hier

"Perfide Aussage"

Einer von den Menschen, die ihr Leben dem Kampf gegen Kindesmissbrauch gewidmet haben und die katholische Kirche für die Versäumnisse in der Vergangenheit scharf anklagen, ist Markus Diegmann. Der 53-Jährige wurde selbst Opfer von jahrelangem Kindesmissbrauch im privaten Umfeld. Er wurde nach eigenen Angaben von verschiedenen Tätern zwischen seinem fünften und 15. Lebensjahr zwei- bis dreimal pro Woche missbraucht.

"Bei dieser Vielzahl von Missbrauchsfällen gehört die katholische Kirche eigentlich zerschlagen."Markus Diegmann, langjähriges Opfer von Kindesmissbrauch

Für ihn ist die "perfide Aussage" des Papstes im Vorfeld der Konferenz ein "Schlag ins Gesicht für jeden Betroffenen", sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Diese Deutlichkeit erwarte Diegmann von Papst Franziskus maximal bei der Verurteilung von Tätern, aber nicht bei Kritikern. Überraschend findet er die Papst-Aussage jedoch nicht, denn der gebürtige Kürtener (nahe Köln) ist inzwischen desillusioniert – auch was die Erwartungen an die aktuelle Missbrauchskonferenz angeht.

Kampf gegen Verjährungsfrist

"Ich verspreche mir gar nichts davon. Es wird nichts Konkretes beschlossen, keine Regeln oder Gesetze festgelegt werden. Am Ende läuft es doch wieder auf Vertuschung und Lippenbekenntnisse hinaus. Diese Missbrauchskonferenz ist für mich nur eine medienwirksame Aktion der katholischen Kirche, um das Image aufzubessern", sagt Diegmann und ergänzt: "Bei dieser Vielzahl von Missbrauchsfällen gehört der ganze Verein eigentlich zerschlagen".

Markus Diegmann ist nicht nur selbst Opfer, sondern auch Aktivist. Als solcher betrachtet er die Konferenz im Vatikanstaat und findet es zumindest gut, "dass sich überhaupt mal etwas bewegt". Seit 30 Monaten lebt er in seinem Wohnwagen und fährt von Stadt zu Stadt, um neue Unterstützer für seine Petition zu finden, bei der es um die Abschaffung der Verjährungsfrist bei Tätern von Kindesmissbrauch geht – im Falle von schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern beträgt diese 20 Jahre.

Seit 30 Monaten ist Markus Diegmann dauerhaft mit seinem Wohnmobil auf Tour. Foto: Diegmann

Auch andere Religionen betroffen 

Auf seinem Weg durch die Republik hat Diegmann viele Opfer von Kindesmissbrauch getroffen, auch im Zusammenhang mit der katholischen Kirche. Durch das Ausnutzen des kindlichen Gottglaubens seien viele Opfer extrem radikal in ihrer Argumentation sowie ihren Ansichten, sagt er. Allerdings sei es zu leicht, mit dem Finger nur auf die Katholiken zu zeigen. "Ich habe auch viele Opfer der evangelischen Kirche oder den Zeugen Jehovas getroffen. Fälle wie in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal sind kein Einzelfall." 

Da Kindesmissbrauch aber nicht nur im Umfeld von Religion und Kirche auftauchen, sondern so gut wie überall, fordert Diegmann die Regierung zum Handeln auf. Nur durch neue Gesetze könne man eine tatsächliche Veränderung herbeiführen: "Wir brauchen neue und mehr Schutzkonzepte für unsere Kinder sowie verpflichtende Präventionsmaßnahmen an Schulen und Kindergärten." Doch bis das irgendwann einmal so weit ist, wird Diegmann sich auch weiterhin dafür stark machen, dass Kinder den nötigen Schutz erhalten und die Verjährungsfrist für Täter abgeschafft wird. 


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN