Prinz Asfa-Wossen Asserate im Interview „Taxifahrer zeigte mir die deutsche Idylle“

Stets adrett: Prinz Asfa-Wossen Asserate, ein Großneffe des früheren äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Foto: Gaby Gerster/ullsteinStets adrett: Prinz Asfa-Wossen Asserate, ein Großneffe des früheren äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Foto: Gaby Gerster/ullstein

Osnabrück. Wer ihn trifft, dürfte zunächst verblüfft sein. Denn seine kaiserliche Abstammung trägt Dr. Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des früheren äthiopischen Kaisers Haile Selassie, nicht wie eine Monstranz vor sich her. Im Gegenteil: Der 70-jährige Bestsellerautor, Unternehmensberater und politische Analyst ist ein liebenswürdiger Gesprächspartner ohne Allüren und Distanz.

Dr. Asfa-Wossen Asserate, haben wir Europäer immer noch ein falsches Bild von Afrika? 

Auf jeden Fall. Viele betrachten Afrika als ein Land und nicht als großen Kontinent mit gewaltigen Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern. Afrika beherbergt Hunderte große Völker, Tausende kleine Ethnien und rund 2000 Sprachen. Es gibt explodierende, moderne Millionenstädte ebenso wie eine traditionelle Lebensweise in ländlichen Gegenden. Staaten wie etwa Botswana, Äthiopien, Ghana, zum Teil auch Kenia und der Elfenbeinküste geht es wirtschaftlich sehr gut, in anderen Ländern wie Eritrea sieht es katastrophal aus.

Was dann die Menschen in die Flucht treibt…

Richtig. Das ist Teil der Informationen, die wir in den Medien finden, wenn afrikanische Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa kommen. Was wir nicht genügend hören, sind Fakten zu den Fluchtursachen. Die Frage lautet: Wer sind denn die größten Exporteure von Migranten? Afrikanische Gewaltherrscher, die ihrem eigenen Volk nicht die Möglichkeit geben, ein menschenwürdiges Dasein zu führen. Und leider muss man gleichzeitig feststellen: Europa tut nicht alles, um eine Lösung zu suchen, sondern unterstützt seit fünf Jahrzehnten Diktatoren und korrupte Politiker, die die Ursache Nummer eins für Migration sind.

Aus wirtschaftlichen Gründen?

Nein. Afrika beträgt zum Beispiel nur drei Prozent der gesamten Außenwirtschaft Deutschlands. Der Handel etwa mit Spanien ist bei Weitem größer. Europa hat immer wieder Gründe gefunden, um Despoten zu tolerieren oder zu unterstützen. Während des Kalten Krieges sagte man: Ja, ich weiß, dieser oder jener afrikanische Regierungschef ist ein Menschenschinder, aber wenigstens kein Kommunist. Nach dem Fall der Mauer sagte man: Ja, ich weiß, dass er mit den Menschenrechten nicht so viel zu tun hat, aber immerhin ist er ein Alliierter im Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

"Asfa-Wossen Asserate gilt als Brückenbauer zwischen den Völkern, der uns hilft, nicht nur die Welt besser zu verstehen, sondern auch uns selbst", hieß es bei der Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande 2016 in Schloss Bellevue mit Bundespräsident Joachim Gauck. Foto: imago/Metodi Popow

Klingt fatal. 

Wir befinden uns in einer verzwickten Lage. Solange Europa nicht zu einer neuen und gemeinsamen Afrika-Politik findet, werden die Afrikaner mit den Füßen abstimmen und hierherkommen. Einzel-Aktionen machen da keinen Sinn, also wenn etwa die Bundesregierung die diplomatischen Beziehungen zu einem Staat abbrechen würde, weil dort die Menschenrechte missachtet werden. Ich kann Ihnen versichern, das Vakuum würden die Franzosen sofort ausnutzen und das beste Geschäft ihres Lebens machen. Die afrikanischen Herrscher machen so ihre Spielchen mit den Europäern – nach dem Motto: Wenn du mir das Geld nicht gibst, dann gehe ich eben zu einem anderen.

Ist nicht auch die rigide Agrarpolitik der EU schuld an der Misere in Afrika?

Das ist seit Jahren eine Katastrophe. Die Europäer fluten den afrikanischen Markt mit hoch subventionierten Agrarprodukten, sodass sie unseren Bauern die Möglichkeit rauben, konkurrenzfähig zu sein, weil ihre Produkte teurer sind. Eine faire Handelspolitik und die Öffnung des europäischen Marktes für afrikanische Produkte ist dringend erforderlich. Ein Beispiel: Die in Afrika erzeugten Tomaten haben überhaupt keine Chance, auf den afrikanischen Märkten mit den billigen Tomatendosen aus Italien zu konkurrieren. Was tun die arbeitslosen Bauern? Sie flüchten, kommen nach Italien und sind dort als Hungerlöhner in der Agrarindustrie tätig. Sie verarbeiten ausgerechnet jene Tomaten, die sie zu Hause arbeitslos machen.

Bei der digitalen Vernetzung liegt Afrika aber weit vorne?

Durchaus. In Afrika leben derzeit 1,3 Milliarden Menschen, und man vermutet, dass es mehr als 900 Millionen Handys gibt. In diesem Bereich sind Afrikaner sehr innovativ. Ein Beispiel: Man kann mittlerweile selbst auf dem Dorf und auf dem Markt mit dem Handy bezahlen. Eine digitale Währung macht es möglich. Oder: Man lädt sich 20 Euro auf das Mobilphone, geht zu einem Kiosk und kann seiner Mutter, die 400 Kilometer entfernt wohnt, innerhalb von Sekunden zehn Euro schicken. Erfreulich ist die digitale Vernetzung auch, wenn es um einen Wissensaustausch unter Ärzten und Krankenhäusern geht. Da teilt der Arzt in der Stadt seinem Kollegen auf dem Land mit, wie er zu operieren hat.

Was können wir Europäer denn von Afrika lernen?

Kaiser Haile Selassie mit Königin Elisabeth II. bei einem dreitägigen Staatsbesuch in Großbritannien im Jahr 1954. Foto: imago/ZUMA Press

Vielleicht eine gewisse Art des Laisser-faire. In Europa leben die Menschen sehr zeitbesessen. Vor vielen Jahren, als ich mit Unternehmensberatung anfing, gab es noch kein Faxgerät, nur Telex. Ich habe einmal ein Telex nach Afrika geschickt, und nach drei Tagen des Wartens erhielt ich noch keine Antwort. Nach einer Woche rief ich den Geschäftspartner schließlich an  und fragte ihn, ob er denn nicht mein Telex bekommen habe. Er antwortete ganz ruhig: Ja, das Telex habe ich bekommen. Ich sagte, meine deutschen Partner werden etwas nervös. Daraufhin meinte er: Die Europäer haben die Uhren, und wir haben die Zeit. Diese Nonchalance können wir vielleicht von den Afrikanern lernen.

Sie stammen aus dem Kaiseradel, sind der Großneffe Haile Selassies: Wie weit lässt sich Ihre Abstammung dynastisch und genealogisch zurückverfolgen? 

Sehr weit. Das äthiopische Kaiserhaus ist mit 3000 Jahren das älteste der Welt. Der erste äthiopische Kaiser war Menelik I., ein Sohn der Königin von Saba und des Königs Salomon, der um 980 vor Christus das Kaiserreich gründete.

Vita Asfa-Wossen Asserate

wird am 31. Oktober 1948 in Addis Abeba als Sohn des letzten Präsidenten des kaiserlichen Kronrates, Herzog Leul Asserate Kassa, und der Prinzessin Zuriash Worq Gabre-Iqziabher geboren. Sein Großonkel ist Kaiser Haile Selassie. Ab dem siebten Lebensjahr besucht Asfa-Wossen die Deutsche Schule in Addis Abeba, an der er das Abitur macht. In Tübingen und Cambridge studiert er Geschichte und Jura und promoviert in Frankfurt. Von dort aus erlebt er 1974 die Revolution in Äthiopien, die ihn 17 Jahre lang an einer Rückkehr hindert. Sein Vater wird erschossen, die Familie verhaftet. Asserate ist als Unternehmensberater, politischer Analyst und Autor tätig. Mit „Manieren“ und „Draußen nur Kännchen“ erzielt er Bestseller.Sein aktuelles Werk ist zugleich hoch brisant: „Die neue Völkerwanderung“ (ullstein). tac

Wie müssen wir uns Ihre Kindheit vorstellen?

Ich wurde im elterlichen Haus von einer deutschen Erzieherin erzogen. Deshalb ging ich später auch auf die Deutsche Schule, als sie 1957 in Addis Abeba eröffnete. Ich gehörte zu den ersten zwei äthiopischen Schülern, die dort das Abitur absolviert haben.

Was gehörte zu Ihren Pflichten und Privilegien?

Das größte Privileg war für mich, dass ich auf eine deutsche Schule gehen konnte. Der Besuch einer Privatschule war nur wenigen äthiopischen Kindern finanziell erlaubt. Privilegien bedeuten aber auch Pflichten, zu seinem Land, zu seiner Familie und zu seiner Kirche.

War es Ihnen als Prinz verboten, mit Kindern aus der Nachbarschaft Fußball zu spielen? 

Nein. Es gab überhaupt keinen Standesunterschied zu anderen äthiopischen Kindern. In unserer Umgebung habe ich immer Fußball gespielt und vieles mehr. Später im Teenager-Alter, als meine Freunde schon in Discos und Nachtclubs gingen, fiel es mir allerdings sehr schwer, darauf zu verzichten. Denn diese Besuche waren mir verboten. Gott sei Dank habe ich erst damit angefangen, als ich 1968 nach Deutschland kam.

Entsprach Deutschland dem Bild, das Ihnen in der Schule vermittelt wurde?

Überhaupt nicht. Ich kam bereits 1965 das erste Mal mit meiner Mutter nach Deutschland. Wir landeten in Frankfurt. Ich sah mir diese Hochhäuser – noch nicht so hoch wie heute – aus dem Taxi heraus an und war vollkommen verblüfft. Das Deutschland, was ich kannte, hatte ich als Schüler in den Fibeln gesehen, ein Deutschland des Biedermeiers mit mittelalterlichen Häusern, mit Zunftzeichen, mit Giebelfenstern, aus dem ein alter Mann mit schlohweißen Haaren schaut – der typische deutsche Denker eben. Meine Vorstellung war die eines Bilderbuch-Deutschlands. Ich habe den Taxifahrer gefragt, wo denn das wahre Deutschland sei. Der lachte sich kaputt und nahm mich später mit nach Sachsenhausen. Dort tranken die Deutschen vor idyllischen Fachwerkhäusern ihren Äppelwoi und haben gesungen. Da sagte ich: Ja, jetzt bin ich in Deutschland.

Dr. Asserate in Frankfurt mit seiner Autobiografie. Foto: dpa/Salome Kegler

Sie platzten als Student mitten hinein in die 68er. Eckten Sie mit Ihrer höfischen Kultur nicht bei den Linken an?

Nein. Obwohl ich dort mit Anzug und Krawatte herumlief und mich der Hippie-Mode und diesem Leben nicht angeschlossen habe, eckte ich nicht an. Ich interessierte mich schon damals für Politik. Natürlich habe ich nicht an die Diktatur des Proletariats geglaubt, insofern gab es schon viele Auseinandersetzungen. Man kann vieles sagen über die 68er-Bewegung: Es gab sehr viel Mief damals, und es war gut, dass man dagegen kämpfte, aber meiner Ansicht hat man den Fehler gemacht, alles, was nach Tradition, Patrimonium und Geschichte roch, aus dem Fenster zu schmeißen. Dennoch war es für mich als ein Mensch, der aus einer absolutistischen Umgebung kam, großartig, dass ich überhaupt mit Andersdenkenden diskutieren konnte.  (Weiterlesen: Prinz Asfa-Wossen Asserate über Manieren)

Das kannten Sie zuvor nicht?

Sehen Sie, in Afrika gibt es 2000 Sprachen, aber keine kennt das Wort Gegner. Es gibt immer nur Freund und Feind. Dazwischen gibt es nichts. Dieses Dazwischen ist aber die Basis aller demokratischen Institutionen. Deshalb fällt es vielen afrikanischen Ländern so schwer, demokratische Reformen durchzusetzen, weil es immer Leute gibt, die sagen: Der sieht ganz anders aus, gehört einem anderen Stamm an, denkt anders als ich. Also ist er doch mein Feind. Und bevor er mich umbringt, bringe ich doch lieber ihn um.

Sie sind einem deutschen Studentencorps beigetreten. Haben Sie dort das Biertrinken gelernt?

Das muss man ja wohl oder übel. (lacht) Aber das war nicht der Grund, warum ich in das Corps Suevia Tübingen eingetreten bin. Man kann über Corps und Verbindungen sagen, was man will. Ich bin in einem der liberalsten Corps eingetreten. Ich bin stolz darauf, dass es eines der ersten Corps war, die nach 1933 zugemacht haben, weil sie die jüdischen Corpsbrüder nicht rauswerfen wollten. Und zweitens gehörten zu meinen Corpsbrüdern Menschen wie Ulrich von Hassel und andere, die eine große Rolle beim 20. Juli gespielt haben. Das Corps Suevia ist keine reaktionäre, sondern eine hochliberale Institution, bei der ich Mitglied bin. Es geht vor allem um Freundschaft. Zu meiner Zeit waren die aktiven Mitglieder großartige Menschen, mit denen ich bis heute eine langjährige Freundschaft pflege. 

Sie leben seit 50 Jahren in Deutschland und haben seit 1981 den deutschen Pass. Welche deutschen Eigenschaften und Tugenden haben auf Sie abgefärbt?

Ich bin jetzt sehr korrekt, was Zeit angeht. Wenn ich in Afrika bin, sage ich jedem meiner Gesprächspartner, ich werde 15 Minuten auf Sie warten, dann gehe ich weg. Ich habe hier auch Zuverlässigkeit zu schätzen gelernt. Das Wichtigste aber, was Deutschland mir gegeben hat, ist das Grundgesetz. Die Präambel hat immer wieder mein menschliches und politisches Dasein geprägt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Diesen Passus brauchen Sie nur in allen anderen Ländern der Welt einzuführen, und es gäbe keine Probleme mehr. Solange dieser Satz die Basis einer Verfassung ist, kann man jede Form von Regierung akzeptieren.  (Weiterlesen: Kulturpreis Deutsche Sprache an Asserate)

Dr. Asserate bei der Frankfurter Buchmesse 2017. Drei Bücher hat Asserate geschrieben, "Draußen nur Kännchen" erschien im Herbst 2010. Foto: imago/HMB-Media

Was bringt Sie in Deutschland zum Schmunzeln? 

Zum Beispiel die Eigenheit, die auch den Titel eines Buches von mir kennzeichnet, dass Sie in vielen Cafés auch heute noch draußen nur Kännchen, aber keine Tasse Kaffee bekommen. Sie müssen wissen, dass nur in zwei Ländern der Welt, Österreich und Deutschland, Kaffee in Kännchen serviert wird. Überall woanders bekommen Sie eine Tasse Kaffee.

Hat auch mit einer gewissen Bürokratie zu tun…

Natürlich. Die Deutschen sind die korrektesten Menschen, die es gibt. Das hat zwei Seiten: Einerseits bewundern wir die deutsche Präzision und Sorgfalt, andererseits kann man es auch übertreiben. Wollen Sie etwa ein Hochhaus bauen, so dauert es in China von der Genehmigung bis zur Aushändigung des Schlüssels höchstens drei, vier Jahre. Versuchen Sie das hierzulande, haben Sie Glück, wenn Sie die Planung und Genehmigung in weniger als fünf Jahren haben. Aber wir müssen auch betrachten, dass die Hochhäuser hier minutiös geplant werden, sodass die Sicherheit der Menschen bis zum Höchstmaß garantiert ist.

Hemmt uns das Sicherheitsdenken nicht auch?

Sicher, in der Wirtschaft zum Beispiel. Aber man würde diese Art der Politik ja nicht haben, wenn es nicht das deutsche Volk so rigoros einfordern würde. Schau dir deine Regierung an, und du weißt, wie das Volk tickt. Die Sicherheitsbedürfnisse der Deutschen sind sicher auch hemmend, was die Wirtschaftsbeziehungen zu Afrika angeht. Die Unternehmen wollen eine so hundertprozentige Sicherheit und vergessen dabei, dass ihre Vorfahren im 19. Jahrhundert durchaus bereit waren, ein gewisses Risiko zu tragen. Dieser Mut hat Deutschland ja zu einem großen unternehmerischen Staat gemacht.

Was müsste passieren?

Ich plädiere seit Langem dafür, dass man deutschen mittelständischen Unternehmen mehr Sicherheitsgarantien durch Hermes-Bürgschaften geben muss. Trotzdem verlangen sie noch höhere Sicherheiten. Ich habe da meine Zweifel, ob sie die von den afrikanischen Partnern erhalten können. Die Chinesen können da viel robuster vorgehen, geschützt von der eigenen Regierung, die ihnen Sicherheiten gibt. Aber die Afrikaner haben längst erkannt, dass China nur die Bodenschätze ausbeutet und an Nachhaltigkeit nicht interessiert ist. Stattdessen bezahlen sie uns mit billigen Konsumprodukten. In Simbabwe gibt es bereits ein eigenes Wort dafür: Zhing-Zhong.

Der ehemalige äthiopische Kaiser Haile Selassies – das Foto entstand vermutlich im Jahr 1960. Foto: imago/United Archives International

Wie haben Sie jene dramatische Zeit erlebt, als es 1974 zum Militärputsch gegen Kaiser Haile Selassie kam? 

Ich war ja zu der Zeit in Frankfurt und stand kurz vor meiner Promotion. Die sogenannte schleichende Revolution habe ich also nur aus der Ferne erlebt. Am 23. November 1974 kam es dann zur Blutnacht, in der die Revolutionäre 60 führende Politiker der kaiserlichen Regierung ohne ein Gerichtsurteil erschossen, darunter auch meinen Vater. Einige Monate zuvor hatte man meine Familie wie auch die gesamte kaiserliche Familie in Sippenhaft genommen. Sie blieben jahrelang hinter Gittern. Ich war das einzige Mitglied, das nicht im Gefängnis saß.

Wie verkraftet man so etwas? 

Die größte Stütze für mich war und ist mein Glauben. Ich gehöre der äthiopisch-orthodoxen Kirche an, der ältesten der Welt. Der feste Glaube ist das größte Geschenk, das meine Eltern und mein Großvater, ein sehr frommer Mann, mir hinterlassen haben.

Wie konnten Ihre Mutter und Geschwister den Arrest überstehen?

Auch für sie spielte das Vertrauen auf Gott eine große Rolle und vielleicht auch die Tatsache, dass man sie zusammen eingesperrt hatte, getrennt nach Mädchen und Jungen natürlich. Aber so konnten sie sich gegenseitig trösten. Zusammen mit Cousins und Cousinen waren sie im Gefängnis nicht wenige. Hinzu kommen noch Tausende andere ihres Alters, die in den ersten Jahren des roten Terrors inhaftiert wurden. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Prinz Asfa-Wossen Asserate (links) wurde 2008 zum Ritter des Templerordens – Ritterorden Christi vom Tempel zu Jerusalem – ernannt. Von General Großprior Werner Rind erhielt Asserate in der Kirche St. Nikolai in Wettin das Templer-Gewand. Foto: imago/Steffen Schellhorn

Was taten Sie, als Sie nach dem Terror 1991 wieder äthiopischen Boden betreten konnten?

Ich habe jene Kirche aufgesucht, in der ich getauft wurde und die mein Großvater erbaut hatte. Dort habe ich dem Allerhöchsten gedankt, dass ich wieder einen Fuß auf mein Vaterland setzen durfte.

Haben Sie jemals etwas vom konfiszierten Vermögen und Besitz Ihrer Familie wiedergesehen? 

Vom Besitz absolut nichts. Aber welches Vermögen? Es wurde damals nach der Revolution von vielen westlichen Medien geradezu genüsslich darüber berichtet, wie viele Milliarden das Kaiserhaus angeblich in die Schweiz gebracht hatte. Das war großer Unsinn. Der Schweizer Bankenverband sah sich in den 80er-Jahren sogar erstmals in seiner Geschichte genötigt, ein offizielles Statement abzugeben, dass die kaiserliche Familie nicht einen Cent in der Schweiz deponiert hat. Allein, wenn gestimmt hätte, was die revolutionäre Regierung immer wieder behauptet hat, würden wir alle ein ganz anderes Leben führen. Außerdem: Was sollte denn unser Reichtum gewesen sein? Allenfalls Land. Diese Immobilie können Sie nicht in die Schweiz verlagern. Wir hatten kein Öl oder Bodenschätze, womit man Milliarden hätte anhäufen können. 

Hatten die Revolutionäre dem Volk nicht eine Landreform versprochen?

Ja. Das Motto der Revolution hieß „Land to the tiller“, Land dem Ackerbauern. 90 Prozent des damaligen äthiopischen Reiches gehörte den kaiserlichen Familien, der Aristokratie und der Kirche. Die Tragödie besteht nun darin, dass 45 Jahre später der äthiopische Bauer, für den die Revolution gemacht wurde, bis zum heutigen Tag nicht der Besitzer des Landes ist, das er bebaut. Gestern war er unser Pächter und heute Pächter des Staates. Was für eine Revolution!


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