Dorf kämpft um Autonomie von Italien Das vergessene Fürstentum Seborga

Von Wolf H. Wagner

Das Dorf Seborga in Italien versteht sich als vergessenes Fürstentum. Foto: Courtesy of Principato di SeborgaDas Dorf Seborga in Italien versteht sich als vergessenes Fürstentum. Foto: Courtesy of Principato di Seborga

Seborga. Seborga ist ein kleines Dorf in Ligurien, nahe der Küste und unweit der französischen Grenze. Etwa 300 Menschen leben hier, die meisten von ihnen betreiben Landwirtschaft. Der Ort käme nie in den Genuß internationaler Aufmerksamkeit, gäbe es nicht eine Besonderheit: Seborga versteht sich als vergessenes Fürstentum und strebt die Autonomie von Italien an.

Sportnachrichten zu Beginn des Jahres weckten die Aufmerksamkeit. Bei einem international belegten Futsal-Tournier in Mailand belegte die U-13-Mannschaft des Fürstentums Seborga hinter Italien den zweiten Rang, noch vor den Teams aus Großbritannien, Peru und der Schweiz. Fürstentum Seborga, wo liegt das?

Seborga ist ein kleines Dorf in Ligurien. Foto: Courtesy of Principato di Seborga


Kommt man die Provinzstraße 57 von Sanremo hoch in die ligurischen Berge, fallen einem schon von Weitem die hellen Häuser mit den roten Ziegeldächern von Seborga ins Auge. Kurz vor dem Ortseingang zeigt ein blau-weiß-blauer Streifen und eine goldene Krone auf dem Asphalt an, dass man sich an der Gemeindegrenze befindet. Doch es ist nicht nur eine Ortsumrandung. Das Signal sowie das am Straßenrand aufgestellte Schilderhäuschen wollen zeigen, wir überschreiten eine Grenze. Nämlich die von der Italienischen Republik zum Fürstentum Seborga.

Die "Grenze" zu Seborga. Foto: Courtesy of Principato di Seborga


Es ist eines jener Kleinstgemeindewesen, von dem man nicht sagen kann, ob es existiert oder nicht. Etwa 400 soll es davon auf der Welt geben, die meisten sind wahrscheinlich auf keiner politischen Landkarte verzeichnet. Wie eben auch das Fürstentum Seborga, obwohl seine Einwohner fest davon überzeugt sind, dass ihr Dorf ein autonomes Staatsgebiet ist. Sie begründen ihren Anspruch mit historisch verbrieften Urkunden, nach denen im Mittelalter das Fürstentum von mehreren Päpsten, damals machtvolle Herrscher der Region, anerkannt wurde.

Ein Blumenzüchter als Historiker

Der italienische Staat indes erkennt die von den Seborghini geforderte Unabhängigkeit nicht an, weswegen sie geneigt sind, ihr Recht vor dem Europäischen Menschengerichtshof in Straßburg erfechten zu wollen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die Bewohner des Fürstentums nicht mit allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen der römischen Regierung konform sind.

Giorgio Carbone, ein ortsansässiger Florist, pflegte neben der Vorliebe für schöne Blumen eine weitere Passion – die Geschichte seines Ortes Seborga. Bei seinen Studien in alten Kirchendokumenten stieß er auf eine Schenkungsurkunde aus dem Jahre 954, nach dem Graf Guidone von Ventimiglia das Territorium von Seborga an das Kloster Sant’Onorato di Lerino übereignete. 1079 erhob Papst Gregor VII. das Klostergebiet zum eigenständigen Fürstentum von Seborga und den amtierenden Abt folgerichtig zum ersten Fürsten. Es handelte sich dabei um ein Gebiet, das 14 Quadratkilometer oberhalb der ligurischen Küste bedeckte, das heutige Gemeindegebiet Seborgas.

Piazza San Martino in Seborga. Foto: Courtesy of Principato di Seborga


1515 bestätigte Papst Leo X. dem damalig residierenden Fürst-Abt Agostino Grimaldi (aus dem Geschlecht jener Grimaldis, die bis heute in Monaco residieren) die Unabhängigkeit des kleinen Fürstentums. Zwei Jahrhunderte später sahen sich die Klosterherren aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage veranlasst, das Gebiet an das Könighaus Savoyen abzutreten, gegen den entschiedenen Widerstand der Republik Genua, die keine fremde Enklave auf ihrem Gebiet dulden wollte.

Mehr als dreißig Jahre dauerten die Verkaufsverhandlungen, bis im Januar Seborga an Vittorio Amadeo II von Savoyen veräußert wurde. Die Besonderheit, die Girogio Carbone beim Studium der historischen Verträge herausfand, war: Dieser Vertrag wurde nirgendwo registriert und erlangte somit auch keine rechtskräftige Gültigkeit. Auch in den Kriegswirren des 19. Jahrhunderts – in den drei italienischen Unabhängigkeitskriegen besetzten mal französische, mal österreichische, mal die sardinischen Truppen das Gebiet – wurde das kleine, dörfliche Fürstentum keinem anderen Staatswesen zugeschlagen. Selbst als das Königreich Sardinien Savoyen und die Grafschaft Nizza an die französische Krone abtrat, blieb Seborga ebenso unbeachtet wie bei der Ausrufung des italienischen Königreiches 1861.

Laienhistoriker als "Fürst auf Lebenszeit"

Mit dieser Erkenntnis ließ sich Giorgio Carbone im Jahre 1964 von der Ortsbevölkerung zum Principe Giorgio I. krönen. Unermüdlich betrieb er in den Folgejahren den Aufbau des kleinen Staatswesens. Ein fürstlicher Rat wurde gebildet, eine eigene Garde aufgestellt und schließlich auch eine eigene Währung geprägt. Der Luigino – im Werte von 6 US-Dollar – kann in den Geschäften, Hotels und Gaststätten Seborgas als Zahlungsmittel genutzt werden. Selbst eigene Autokennzeichen wurden im Ort geprägt. Allerdings, da sich Rom die Oberhoheit über Seborga vorbehält, dürfen sie nur zusätzlich zu den amtlichen italienischen Schildern angebracht werden. Giorgio I. krönte sein Lebenswerk 1996, als er offiziell die Unabhängigkeit des Fürstentums ausrief. Bereits drei Jahre zuvor waren die Einwohner Seborgas von den Argumenten des Laienhistorikers so überzeugt, dass sie ihn mit 304 Stimmen zum „Fürsten auf Lebenszeit“ wählten.

Prinz auf Zeit: Marcello Menegatto und seine Frau Nina herrschen als Fürstenpaar über Seborga. Foto: Courtesy of Principato di Seborga


Nach dem Tode Giorgio Carbones – er hinterließ keine leiblichen Erbfolger – wählten die Seborghini 2010 für eine siebenjährige Amtszeit den Bauunternehmer Marcello Menegatto zum neuen Fürsten von Seborga. 2017 wurden er und seine Gattin Nina, eine gebürtige Allgäuerin, als „Herrscherpaar“ bestätigt. Es gehe ihm vor allem um den wirtschaftlichen und kulturellen Ausbau der Gemeinde, erklärte Marcello I. Und Frau Nina bestätigt: „Seit wir Fürstentum sind, hat sich der Tourismus neben der Landwirtschaft als gewinnbringender Zweig entwickelt.“ Damit das so bleibt, hat das Fürstenpaar den Aufbau eines Spa mit 5-Sterne-Hotel und einem Golfplatz geplant. „Von Rom und der Region sind wir vergessen, wir sollen zwar Steuern an den italienischen Staat zahlen, doch für uns tut er wenig“, so die Seborghini.

Noch keine Klage eingereicht

„Zudem sind wir auch nicht mit allen politischen Entscheidungen, die Italien und seine Regierung treffen, einverstanden“, erklärt Luca Pagani, der Pressesprecher des Fürstentums. „Wir wahren zwar strikte Neutralität und mischen uns nicht in die Angelegenheiten anderer Staaten, Italien eingeschlossen, ein. Doch nach unserer festen katholischen Tradition können wir zum Beispiel die Ausgrenzung von Flüchtlingen nicht gutheißen. Solidarität und Toleranz gehören zu unseren Grundprinzipien, schließlich sind 13 Prozent der Einwohner der Gemeinde Ausländer.“ Pagani meint, man dürfe Flüchtlinge nicht pauschal dämonisieren, wie es häufig von Politikern oder auch in der öffentlichen Meinung geschieht. Er sprach sich für klare und respektvolle Einwanderungsregeln aus.

Bislang hat Seborga in Straßburg noch keine Klage auf Anerkennung seiner Unabhängigkeit gestellt. Das kleine Fürstentum nahe der ligurischen Grenze wird so auch weiterhin von Italien verwaltet. Dennoch bieten die Bewohner des Ortes mit ihrem solidarischen und respektvollen Umgang miteinander ein Beispiel, wie Gemeindewesen auch funktionieren kann. Und mit einem Augenzwinkern das „Herrscherhaus“ akzeptiert.


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