Super-Gau nach Tsunami 2011 Betreiber Tepco: "Deutliche Fortschritte" in der Atomruine Fukushima

Von dpa

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Arbeiter in Schutzanzügen im Hauptkontrollraum im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, wo es 2011 zum Super-Gau kam. Foto: dpa/kyodoArbeiter in Schutzanzügen im Hauptkontrollraum im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, wo es 2011 zum Super-Gau kam. Foto: dpa/kyodo

Fukushima. Vor fast acht Jahren löste der Super-Gau in Fukushima weltweit Angst und Schrecken aus. Inzwischen ist Fukushima aus den Schlagzeilen verschwunden. Die Lage gilt als stabil. Auch für die Arbeiter in der Atomruine hat sich manches gebessert. Doch ein Ende ist noch weit.

Fast acht Jahre nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima haben sich die Bedingungen für die Tausenden Arbeiter in der Atomruine nach Angaben des Betreiberkonzerns Tepco deutlich verbessert. In 96 Prozent der havarierten Anlage könnten sich die Arbeiter inzwischen ohne aufwendige Strahlenschutzkleidung bewegen, erklärte Tepco-Sprecher Kenji Abe am Donnerstag einer kleinen Gruppe ausländischer Journalisten bei einem Ortstermin. "Wir sehen deutliche Fortschritte." Waren zwischenzeitlich rund 7000 Arbeitskräfte von Tepco sowie angeheuerten Vertragsunternehmen tagtäglich im Einsatz, sind es heute im Durchschnitt noch gut 4200.

Satellitenaufnahme vom 14. März 2011 nach der zweiten Explosion auf dem Areal. Foto: dpa/DigitalGlobe

Fast acht Jahre sind vergangen, seit an jenem 11. März 2011 ein schweres Erdbeben und ein gewaltiger Tsunami den Nordosten des Inselreiches heimsuchten. Rund 18.500 Menschen starben damals in den Fluten. Zum Sinnbild der Katastrophe aber wurde der Super-Gau im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, auch wenn dadurch niemand direkt ums Leben kam. Wegen der radioaktiven Strahlung von Kernschmelzen in drei der Reaktoren mussten rund 160.000 Anwohner damals fliehen. Mehr als 30.000 können noch immer nicht in ihre Wohnungen und Heimatorte zurück. Es war die schlimmste Atomkatastrophe seit Tschernobyl 1986.


Geisterstadt Okuma zerfällt langsam und wuchert zu

Noch heute lassen grotesk verbogene Stahlstreben und geborstene Betonplatten an den Reaktoren das Chaos erahnen, das hier damals herrschte. Die Fahrt zur Atomruine führt durch die Stadt Okuma, in der niemand mehr leben kann. Vor den langsam verfallenen und vom Beben zerstörten Häusern und Geschäften wuchert das Unkraut, Zufahrtswege sind gesperrt. Nur die Durchfahrt über die Hauptstraße ist erlaubt. In anderen Gebieten dagegen dürfen die ehemaligen Bewohner nach Dekontaminierungsarbeiten wieder zurück. Doch viele weigern sich, andere haben woanders längst ein neues Leben begonnen.

Verlassene Häuser in der nach wie vor zur Sperrzone erklärten Stadt Okuma Machi, wo das Kernkraftwerk Fukushima steht. Wohnen darf hier auch nach acht Jahren niemand. Foto: dpa/Lars Nicolaysen

Derweil gehen die Arbeiten in der Atomruine Fukushima weiter. 30 bis 40 Jahre wird es noch dauern, bis der Meiler stillgelegt ist. Vieles hat sich hier seit dem Super-Gau getan. Die meisten Trümmer sind beseitigt, das Gelände ist mit Beton übergossen. Was am meisten erstaunt, ist, dass sich die Arbeiter in weiten Gebieten nicht mehr wie früher mit speziellen Schutzanzügen und Vollgesichtsmasken bewegen.

Strahlenwerte eklatant gesunken

"Damals, als die Katastrophe begann, herrschten an dieser Stelle hier Strahlenwerte von 50.000 Mikrosievert pro Stunde. Jetzt sind es noch 110 bis 120 Mikrosievert pro Stunde", erläutert Sadanobu Kanno, "Risk Communicator" bei Tepco, und blickt von einer zubetonierten Anhöhe auf die Unglücksreaktoren herunter. Obwohl die Entfernung zu den zerstörten Reaktoren von hier nur rund 100 Meter beträgt, müssen weder er noch die Reporter Masken oder sonstige Schutzkleidung tragen. Das war vor noch nicht langer Zeit völlig undenkbar.

Arbeiten im Kontrollraum der Reaktoren 3 und 4 nur in Schutzkleidung. Foto: imago/Kyodo News

Doch dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch gewaltige Herausforderungen gibt. Noch immer lagern in den Reaktoren 1 bis 3 jeweils mehrere Hundert abgebrannte Brennstäbe in Abklingbecken, insgesamt rund 1500. Doch auch hier macht der Betreiberkonzern Fortschritte, im März soll mit der Bergung im Reaktor 3 begonnen werden. 

Roboter sollen geschmolzenen Brennstoff lokalisieren

In den beiden anderen zerstörten Reaktoren soll im Jahr 2023 damit begonnen werden, die Brennstäbe zu entfernen, um sie dann an einem sichereren Ort zu lagern. Noch schwieriger dürfte es sein, an den geschmolzenen Brennstoff zu gelangen. Bislang weiß man nur in etwa, wo er sich befindet. Da die Strahlung im Inneren tödlich ist, muss Tepco Roboter einsetzen, um den Brennstoff zu lokalisieren.

Ferngesteuerte Geräte von Toshiba sollen geschmolzenen Kraftstoff aus den Reaktoren bergen. Foto: dpa/AP/Mari Yamaguchi

Angepeilt ist, mit der Bergung des geschmolzenen Brennstoffs im Jahr 2021 zu beginnen. Doch zunächst muss man erst einmal entscheiden, wie das überhaupt funktionieren soll. Derweil müssen die havarierten Reaktoren ständig weiter gekühlt werden. 

Platz für Wassertanks wird knapp

Tagtäglich dringt Grundwasser auf das Gelände der Atomruine, ein Teil davon gelangt in die Untergeschosse der Reaktoren. Dort mischt es sich mit Wasser, mit dem Tepco die zerstörten Reaktoren kühlt. Ein Teil des dadurch radioaktiv belasteten Wassers wird nach Durchlaufen eines Filtersystems in riesigen Tanks zwischengelagert – inzwischen sind es rund 1,1 Millionen Tonnen. Bald ist kein Platz mehr für neue Tanks.

In den riesigen Tanks wird verstrahltes Wasser, das bei der andauernden Kühlung der beschädigten Reaktoren von Fukushima anfällt, gelagert. Foto: dpa/Lars Nicolaysen

Immerhin aber konnte die Menge an einsickerndem Grundwasser deutlich verringert werden, nicht zuletzt auch durch den Bau eines unterirdischen Eiswalls rund um die zerstörten Reaktoren. Waren es früher rund 400 Tonnen Grundwasser am Tag, seien es inzwischen nur noch etwa 100 bis 150 Tonnen am Tag. 

Kampf gegen Gerüchte – auch mithilfe Olympia 2020

Dem Betreiberkonzern ist es wichtig, die Weltöffentlichkeit zu informieren. Denn auch nach acht Jahren halten sich Gerüchte, Fukushima sei ein gefährlicher Ort. Länder wie Taiwan verbieten weiter die Einfuhr von Lebensmitteln aus Fukushima. "Wohl nirgendwo sonst sind die Lebensmittelkontrollen derart strikt wie heute in Fukushima", erklärt Tepco-Sprecher Kanno. Die klare Botschaft: Die Lage ist unter Kontrolle. Auch deswegen werden die Auftaktspiele des Olympia-Gastgebers Japan im Baseball und Softball im kommenden Jahr in der Provinz Fukushima stattfinden.


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