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60 Tote und fast 300 Vermisste Nach Schlammlawine in Brasilien: Zahl der Toten steigt weiter

afp und dpa

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Rund zwölf Millionen Kubikmeter Schlamm ergossen sich am Freitag über mehrere Siedlungen in Brasilien. Foto: imago/XinhuaRund zwölf Millionen Kubikmeter Schlamm ergossen sich am Freitag über mehrere Siedlungen in Brasilien. Foto: imago/Xinhua

Brumadinho . Bei einem Dammbruch in einer Eisenerzmine im Südosten Brasiliens sind mehr als 50 Menschen ums Leben gekommen. Die Rettungskräfte suchen noch immer nach Überlebenden in den Schlammmassen, aber die Chancen nehmen von Stunde zu Stunde ab.

Auf der Suche nach Überlebenden des verheerenden Dammbruchs an einer Eisenerzmine im Südosten Brasiliens haben Helfer im Schlamm einen Bus gefunden. Ob und wie viele Menschen in dem Fahrzeug saßen, sei noch unklar, berichtete die Zeitung "O Globo" am Sonntagabend (Ortszeit). 

Schon zuvor war dem Bericht zufolge ein erster Bus am Ort des Dammbruchs in Brumadinho im Bundesstaat Minas Gerais entdeckt worden, aus dem Einsatzkräfte mindestens zehn Leichen bargen.

Ein freiwilliger Helfer hatte den zweiten Bus "O Globo" zufolge im Schlamm entdeckt. "Ich wollte helfen, eine Kuh zu retten und sah ein blaues Teil, ich grub und sah, dass es ein Fahrzeug war, vielleicht ein Minibus", sagte er "Globo"-Reportern. Er habe aber kein Werkzeug bei sich gehabt und nicht sehen können, ob in dem Bus Menschen saßen.

60 Tote und fast 300 Verletzte

Der Damm an der Eisenerzmine Córrego do Feijão des Konzerns Vale in Brumadinho war am Freitag gebrochen, daraufhin rollte eine Schlammlawine über Teile der Anlage und benachbarte Siedlungen hinweg. Die Zahl der bestätigten Todesopfer stieg auf 60, wie die Feuerwehr am Montag mitteilte. 292 weitere Menschen wurden noch vermisst. Die Zahl der Toten dürfte demnach weiter steigen. "Unsere Priorität ist es, Überlebende und Opfer zu finden", sagte der Gouverneur des Bundesstaats Minas Gerais, Romeu Zema.

"Es sind viele Vermisste. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie tot sind, ist erheblich gestiegen", sagte der Minister für regionale Entwicklung, Gustavo Canuto. Am Sonntag konnten die Rettungskräfte keine Überlebenden bergen.

Rund 200 Feuerwehrleute und 13 Hubschrauber waren an den Such- und Bergungsarbeiten nahe der Ortschaft Brumadinho im Bundesstaat Minas Gerais beteiligt. Israel schickte 130 Soldaten und 16 Tonnen Material an die Unglücksstelle, um bei den Bergungsarbeiten zu helfen. Am Sonntag wurde die Suche vorübergehend eingestellt, weil ein zweiter Damm zu brechen drohte.

Einsatzkräfte bergen Leichen aus dem Schlamm. Viele Menschen werden noch vermisst. Foto: AFP/ Mauro Pimentel

Die Schlammlawine des Dammbruchs hatte alles mitgerissen, was ihr im Wege stand: Häuser, Menschen, Tiere. "Ich habe alles verloren. Wir sind gerannt, meine Frau und mein Enkel, nur mit unserer Kleidung am Körper", sagte Virgilio Fernandes Pessoa am Wochenende der Zeitung "Estado de Minas". Er lebte von seinen Tieren, die der Schlamm mitgerissen hat. "Ich habe 40 Jahre lang gelitten und gekämpft und jetzt in fünf Minuten alles verloren. Das ist nicht fair."

Dramatische Szenen im TV

Der Damm an der Mine des brasilianischen Bergbaukonzerns Vale war am Freitag gebrochen. Eine Schlammlawine war über Teile der Anlage und benachbarte Siedlungen hinweggerollt. Wie es genau zu dem Unfall kam, sei noch unklar, sagte Vale-Präsident Fábio Schvartsman. Er sprach von einer "fürchterlichen Tragödie". Das Umweltministerium kündigte eine Strafe in Höhe von 250 Millionen Reais (58 Mio Euro) gegen den Konzern an. Insgesamt ergossen sich nach Angaben von Vale rund zwölf Millionen Kubikmeter Schlamm über die Anlage und die nahe liegenden Siedlungen.

Dieses Rind steckt im Schlamm fest. Foto: AFP/DOUGLAS MAGNO

Im Fernsehen waren dramatische Szenen von den Rettungsarbeiten zu sehen: Von Hubschraubern aus zogen Retter Menschen aus dem Schlamm. Ein Mann hievte seine vor Schmerzen schreiende Frau aus den Trümmern. Eine schlammverschmierte Kuh stakste zwischen Schutt, mitgerissenen Ästen und nasser Erde umher.

Die Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung ein, um die Verantwortlichen für das Unglück zu ermitteln. "Wir tun alles, um die Sicherheit und Stabilität der Dämme sicherzustellen", sagte Vale-Chef Schvartsman in einer Erklärung. Der TÜV Süd hatte die Dämme im vergangenen Jahr geprüft, wie das Unternehmen in München auf Anfrage bestätigte. "Wir werden die Ermittlungen vollumfänglich unterstützen und den Ermittlungsbehörden alle benötigen Unterlagen zur Verfügung stellen", teilte der TÜV Süd mit.

Umweltministerium will Konzern bestrafen

"Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um den Opfern zu helfen, die Schäden gering zu halten, die Fakten zu ermitteln, für Gerechtigkeit zu sorgen und diese Tragödien für die Brasilianer und die Umwelt künftig zu verhindern", schrieb Staatschef Jair Bolsonaro auf Twitter. Der rechtspopulistische Präsident steht freilich in dem Ruf, den Unternehmen weitgehend freie Hand zu lassen und von strengen Umweltschutzbestimmungen wenig zu halten.

Naturschutzverbände forderten eine strengere Kontrolle. "Brasilien muss die Regierungsbehörden stärken, die die wichtige Aufgabe haben, die wirtschaftlichen Aktivitäten mit hohem Risiko für Umwelt und Gesellschaft zu überwachen", sagte der Direktor der Naturschutzorganisation WWF in Brasilien, Mauricio Voivodic.

Schlamm versperrt die Straße. Die Behörden haben wenig Hoffnung, die 300 Vermissten alle noch lebend zu finden. Foto: AFP/Mauro Pimentel

Im Jahr 2015 gab es in Minas Gerais schon ein ähnliches Unglück. Bei der "Tragödie von Mariana" kam es in einem Eisenerzbergwerk zu einem Dammbruch an einem Rückhaltebecken. Seinerzeit kamen 19 Menschen ums Leben. Das damalige Betreiberunternehmen Samarco gehörte ebenfalls Vale sowie dem australisch-britischen Konzern BHP. Eine riesige Welle mit Schlamm und schädlichen Stoffen ergoss sich in angrenzende Ortschaften und kontaminierte den Fluss Rio Doce auf rund 650 Kilometern Länge. Bis in den Atlantik floss die braunrote Brühe.


"Diese neue Katastrophe ist die traurige Konsequenz davon, dass die brasilianische Regierung und die Bergbauunternehmen nichts dazugelernt haben", sagte Nilo D’Ávila von der Umweltorganisation Greenpeace. "Das ist kein Unfall, sondern ein Umweltverbrechen, das bestraft werden muss."

In dem Bergbaukomplex nahe dem Ort Brumadinho im Osten Brasiliens war der Staudamm eines Rückhaltebeckens gebrochen. Foto: imago/Agencia EFE7Yuri Edmundo

Am frühen Sonntagmorgen heulten erneut die Sirenen – Menschen liefen in Schlafanzügen auf die Straße. In einem anderen Rückhaltebecken der Mine waren erhöhte Wasserstände gemessen worden, teilte Vale mit. Aus Angst vor einem weiteren Dammbruch evakuierte die Feuerwehr mehrere Ortschaften in der Region. Rund 24.000 Menschen wurden vorübergehend in Sicherheit gebracht. Später durften sie zurückkehren.


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