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Steuerbetrug, Drogengeschäfte, Gesundheitsprobleme Shisha-Bars: Zwischen Jugendtrend und Kriminalität

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Foto: Soeren Stache/dpaFoto: Soeren Stache/dpa

Osnabrück. Großrazzia in Nordrhein-Westfalen, Hunderte Polizisten sind im Einsatz. Es geht gegen kriminelle Familienclans. Dutzende Lokale werden durchsucht – darunter viele Shisha-Bars. Sie sind Behörden zunehmend ein Dorn im Auge als Dreh- und Angelpunkt von Kriminalität. Aber das sind längst nicht die einzigen Probleme. Ein Überblick.

Laute Musik, blinkende Lichter, ein süßlicher Geruch liegt in der Luft. Die meisten Besucher haben Migrationshintergrund und auf den Tischen stehen, nein, keine alkoholischen Getränke, sondern Wasserpfeifen und Tee. „La Orient“ heißt das Lokal am Osnabrücker Güterbahnhof. 

Foto: Michael Gründel

Früher war an diesem Standort einmal eine klassische Diskothek. Es wurde viel getrunken, es wurden härtere Drogen genommen. Und heute? Wasserpfeifentabak. In den Geschmacksrichtungen Apfel, Kirsche oder Honigmelone. Die Bedienung steht beratend zur Seite. 

Die Shisha ist Trend. Unter Migranten sowieso. Die Wasserpfeife stammt aus dem arabischen Raum und ist dort seit Jahrhunderten Freizeitgegenstand. Aber zunehmend auch hierzulande unter jungen Menschen ohne Migrationshintergrund.

Bereits 2016 besang der Komiker „Der Ömsen“ auf seinem Youtube-Kanal: „Digga lass mal Sisha Bar - Yallah, Yallah hopsassa – Komm Diggah lass mal Shisha Bar – Alle Brüder sind schon da“:


Mehr als 16 Millionen Aufrufe verzeichnete das Video mittlerweile, das den Shisha-Trend aufs Korn nimmt. Zum Vergleich: Der Clip zum Lied „Atemlos“ von Helene Fischer kommt auf dem offiziellen Youtube-Kanal der Künstlerin auf derzeit 24 Millionen Aufrufe. 

Immer mehr Shisha-Bars eröffnen in den Städten. Zumindest gefühlt. Denn exakte Zahlen dazu gibt es nirgends. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass Migrantenkultur die Mehrheitsgesellschaft so lange nicht interessiert, wie sie nicht negativ auffällt. Das ändert sich gerade. Denn mit der steigenden Zahl der Bars werden auch die Probleme sichtbarer. 

DIE GESUNDHEIT

„Shisha-Bars im Visier der Behörden“, lautete eine der vielen Schlagzeilen im vergangenen Jahr. Immer wieder war von lebensgefährlich verletzten Kunden zu lesen – Kohlenmonoxid-Vergiftung. Das geruchs- und geschmacklose Gas blockiert im Körper die Sauerstoffaufnahme. Im besten Fall wird Betroffenen schwindelig und übel, im schlimmsten Fall sterben sie.

Was hilft? Eine bessere Belüftung der Lokale. Das Land Schleswig-Holstein hat zuletzt einen Erlass herausgegeben, der unter anderem Kohlenmonoxid-Warnmelder in den Bars vorschreibt. Nordrhein-Westfalen plant Ähnliches. In Niedersachsen wird noch diskutiert. Die Geräte sollen Alarm schlagen, wenn der Anteil des Gases in der Luft eine gefährliche Konzentration annimmt.

Im Zweifelsfall retten solche Warner leben. Oder verhindern zumindest, dass schwerverletzte Betroffene in eine Druckkammer müssen. 

Foto: Federico Gambarini/dpa

Dort wird versucht, das Kohlenmonoxid wieder aus dem Körper zu bekommen. Die Kammern sind rar gesät in Deutschland, eine steht in Düsseldorf: Die Uni-Klinik verzeichnete 2018 etwa 50 „Shisha-Opfer“, 2015 war es lediglich einer.  

Und dann wäre ja noch die Frage der Abhängigkeit. Das Bundesamt für Risikobewertung warnt: „Wasserpfeifen stellen keine harmlose Alternative zur Zigarette dar; man muss im Gegenteil davon ausgehen, dass die von Wasserpfeifenrauch ausgehenden Gesundheits- und Suchtgefahren ähnlich hoch sind.“  

Björn Malchow, Vize-Geschäftsführer der Landesstelle für Suchtfragen in Schleswig-Holstein sagt, er beobachte den Trend zur Shisha mit Sorge. „Zigaretten rauchen ist uncool, aber cool ist es, gemeinsam mit anderen diese eher süßlichen Aromen zu sich zu nehmen.“ So könne die Wasserpfeife schnell zum Einstieg in die Nikotin-Abhängigkeit führen. Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) sagt, Prävention und Aufklärung seien dringend notwendig.

DIE STEUERN

Der Schaden für den Einzelnen kann im Zweifelsfall also erheblich sein. Aber was ist mit der Gesellschaft? Immer wieder werden Shisha-Bars in Verbindung gebracht mit Kriminalität. Die Zahlen des Zolls sind eindeutig: Im Jahr 2017 sind Steuerzeichen für rund zwei Millionen Kilogramm Wasserpfeifentabak bezogen worden. Die Zeichen signalisieren, dass entsprechende Abgaben auf den Tabak geleistet worden sind. 

Foto: Dirk Fisser

Zwei Millionen Kilogramm sind also legal in Umlauf gebracht worden. Dem gegenüber stehen 1,13 Millionen Kilo unversteuerter Wasserpfeifentabak, den der Zoll bei Durchsuchungen 2017 sichergestellt hat. Wie viel die Ermittler gar nicht erst finden, bleibt Spekulation. Die fast schon banal klingende Schlussfolgerung des Zolls: „Dies zeigt deutlich auf, dass der Bedarf an Wasserpfeifentabak auch durch illegale Ware gedeckt wird.“  

Dabei verzeichnet der Zoll einen Trend, der zuvor schon beim Cannabis zu beobachten war: Wurde der unversteuerte Tabak bislang klassischerweise aus Nordafrika oder Arabien nach Deutschland geschmuggelt, wird der Schwarzmarkt mittlerweile zunehmend mit Ware versorgt, die hierzulande in Küchen, Garagen oder großen Lagerhallen produziert wird.

Foto: Paul Zinken/dpa

„Im Jahr 2018 wurden mindestens acht illegale Herstellungsbetriebe identifiziert und beschlagnahmt“, heißt es von den Ermittlern.   

DIE KRIMINALITÄT

Die Zahlen des Zolls legen nahe, was Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter so formuliert: „Es gibt die kriminalpolizeiliche Hypothese, dass zumindest ein Teil der Shisha-Bars in Zusammenhang mit organisierter Kriminalität steht.“ Beispielsweise mit Rocker-Gruppen oder kriminellen Familien-Clans, darauf gebe es Hinweise. Gewerkschafter Reinecke sagt: „Die Gegenseite nimmt uns nicht ernst.“

Die Kriminalbeamten könnten Strukturen oftmals wegen des Datenschutzes nicht nachweisen. „Hat der Betreiber einer Shisha-Bar eine weiße Weste, dann dürfen wir seine Daten nicht abspeichern.“ Aber nur so könnten sich Netzwerke dokumentieren lassen, sagt Reinecke. 

Die Politik nehme in Kauf, dass die Polizei so einen aussichtslosen Kampf gegen die organisierte Kriminalität führe. Diese „berührt das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger kaum. Und um das geht es der Politik.“ Oder anders gesagt: Was hinter den verqualmten Fenstern mancher Shisha-Bar vor sich geht, interessiert die wenigsten.

Solange es nicht knallt. In Berlin beispielsweise stürmten im Spätsommer etwa 30 Männer ein Lokal und zertrümmerten das Mobiliar. Oder in Essen: Im September eskalierte eine Polizeikontrolle in einer Bar, ein 17-Jähriger prügelte auf eine Beamtin ein. Bereits 2015 kam es in Hannover in einer Shisha-Bar zu einer Schießerei mit einem Schwerverletzten.

Foto: Peter Steffen/dpa

Und Anfang Januar die Großrazzia der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Es wird intensiver über die Verflechtungen der Bars mit dem Rocker-Milieu oder kriminellen Familienclans gesprochen. Von rechtsfreien Räumen ist mit Blick auf die Lokale häufig die Rede.  

DER TREND

Natürlich gebe es auch solche Shisha-Bars, sagt der Religions- und Sozialwissenschaftler Rauf Ceylan. Der Professor an der Universität Osnabrück warnt aber vor Verallgemeinerung: „Die Spannbreite ist sehr groß: Von Milieu-Bars mit zweifelhaftem Ruf bis hin zu großen, noblen Clubs.“ Den Erfolg der Wasserpfeifen erklärt er sich so: „Die Shisha ist ein Lebensgefühl. Sie ist Bestandteil in vielen Musikvideos aus dem Bereich Rap. Sie vermittelt ein Gefühl von Zusammenhalt und Zugehörigkeit.“

Tatsächlich: In vielen Musikvideos auf Youtube gehört die Shisha so selbstverständlich dazu wie Bomberjacke, tätowierte Muskelprotze und stark geschminkte Frauen. Es wird mit der Nähe zur Kriminalität kokettiert. Genau das Klischee, das die Betreiber der hochwertigeren Bars wie „La Orient“ in Osnabrück ablegen wollen.

Geschäftsführer Mehmet Resat Mendanlioglu sieht die gestiegene Nachfrage nach der Wasserpfeife zwiespältig. Der Shisha-Boom sorge dafür, dass die Zahl der Bars in den vergangenen Monaten rapide gestiegen sei. 

Viele wollen ein Geschäft machen. Aber sind sie auch seriös? Mendanlioglu sagt:

„Da gehen Sie an Läden vorbei und alles ist total zugequalmt. Ich verstehe einfach nicht, dass die Behörden da nicht einschreiten.“Mehmet Resat Mendanlioglu, Sisha-Bar-Besitzer

Er fordert: „Die Zahl der Shisha-Bars sollte begrenzt werden.“ Lange aufregen kann er sich aber nicht. Das Wochenende steht an. Volles Haus im „La Orient“. Für 200 Gäste ist Platz. „Die kommen zum Teil aus 100 Kilometern Entfernung.“ Aber nicht jeder wird reingelassen. Vor dem Eingang stehe ein Türsteher, so Mendanlioglu. Es soll gesittet in seiner Bar zugehen. 

Auch dieser Trend wird auf Youtube parodiert. Auf dem Kanal „Ost Boys Stories“ heißt es: „Shisha Bar ist plötzlich elit geworden. Du isch komm rein, sagt er mir, ,Nicht in der Jogginghose‘. Bischt jetzt Shisha Bar mit Facekontrolle? Halt’s Maul!“ 


(Mit Kay Müller) 


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