Interview mit Lawinenforscher Anselm Köhler Lawinengefahr – deshalb gibt es sie auch in Norddeutschland

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Eine Lawine auf dem Testgelände "Vallée de la Sionne" des WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in der Schweiz. Foto: Martin Heggli/SLFEine Lawine auf dem Testgelände "Vallée de la Sionne" des WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in der Schweiz. Foto: Martin Heggli/SLF

Davos. Mit dem Schneefall steigt auch die Lawinengefahr in Bayern und Österreich an. Warum besonders Skifahrer außerhalb der Pisten gefährdet sind und auch in Norddeutschland eine Lawinengefahr nicht komplett gebannt ist, erklärt Lawinenforscher Anselm Köhler.

Wenn über dem Kopf von Anselm Köhler eine mächtige Schneelawine hereinbricht, übersteht er dies unbeschadet. Der Forscher arbeitet an einem sicheren Ort – in einem Betonbunker auf dem Lawinentestgelände "Vallée de la Sionne" in den Schweizer Alpen. 

Dr. Anselm Köhler vor dem lawinensicheren Bunker auf dem Testgelände "Vallée de la Sionne" des Schweizer WSL – Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF.

Einer Lawine zum Opfer fällt am Mittwoch ein 16-Jähriger, der beim Skifahren in Österreich vor den Augen seiner Eltern und seines Bruders verschüttet wurde. Die Familie des Deutsch-Australiers ist in St. Anton am Arlberg abseits der Pisten unterwegs und kommt laut Polizei in sehr steilem Gelände nicht weiter. Der 16-Jährige setzt einen Notruf ab. Während die Retter unterwegs sind, um die Familie zu retten, erfassen ihn die Schneemassen. Nach 20 Minuten sei er geborgen worden – eine Reanimation blieb erfolglos. Damit ist der 16-Jährige eines von zahlreichen Lawinenopfern in diesem Winter.

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Richtiges Verhalten abseits der Piste 

Immer wieder kommt es vor, dass Skifahrer vorgegebene Pisten verlassen und sich beim sogenannten "Freeriden", dem Fahren im freien Gelände, auf ungesichertes Terrain bewegen.

"Skigebiete sorgen dafür, dass keine Lawinengefahr auf den Pisten besteht", sagt Lawinenforscher Köhler im Gespräch mit unser Redaktion. Durch Maßnahmen wie künstliche Sprengungen würden gefährliche Hänge entladen. "Wer auf den Pisten bleibt, kann davon ausgehen, dass keine Lawinengefahr besteht", meint der Experte. 

Zur Person

Lawinen-Forscher Anselm Köhler
Experte Dr. Anselm Köhler ist PostDoc am Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in der Schweiz auf dem weltgrößten Testgelände für Lawinen. Er erforscht dort deren Entstehung. In seiner Dissertation beschäftigte sich der 33-Jährige mit der Dynamik großer Lawinen. 

Und doch reizt einige Wintersportler immer wieder das Fahren abseits der Piste. Auch Köhler ist Tiefschnee-Fan. "Natürlich ist es verlockend, sich im Skigebiet einen Hang mit feinstem Pulverschnee auszusuchen, durch den nur zwei Spuren gehen. Allerdings weiß man nie wohin die Spuren führen, diesen darf niemals blindlings gefolgt werden", sagt Köhler.

Weiterlesen: Geschlossene Ski-Gebiete: Bleiben Urlauber auf ihren Kosten sitzen?

Es käme darauf an, gut informiert zu sein und über ausreichend Erfahrung zu verfügen, um selbst einschätzen zu können, ob ein Hang befahrbar sei oder nicht. Dabei helfe etwa der Lawinenlagebericht. Jedoch sollte sich nicht nur darauf verlassen werden. Einen Lawinenlagebericht zu lesen, sei das eine, ihn aber auch im Gelände zu deuten und umzusetzen nochmal etwas völlig anderes. Das erfordere viel Erfahrung, sagt Köhler. Diese gewinne man durch Kurse, Bergführer oder erfahrene Tiefschneefahrer. 

Entstehung von Lawinen

Köhler und seine Kollegen erforschen in der Schweiz die Entstehung von Lawinen-Abgängen an einem abgelegenen Testhang. Durchschnittlich gebe es dort 30 spontane Abgänge pro Winter, die automatisch gemessen würden, sagt Köhler. Alle ein bis zwei Jahre führe das Team mit Sprengstoff eine künstliche Lawinen-Auslösung herbei. Dies geschehe, wenn mehr als ein Meter Neuschnee im Anrissgebiet – also dem Bereich, wo eine Lawine abbricht – innerhalb von 48 Stunden falle.

Das Video zeigt eine künstliche Lawinen-Ablösung durch eine Sprengstoff-Explosion:


Eine Lawine definiert der Wissenschaftler als "die Bewegung von Schnee einen Hang herunter". Es gebe keine feste Größe, ab wann sich eine Lawine loslöse. Ein Skifahrer könne eine Lawine an einem Hang ab etwa 50 bis 100 Höhenmetern auslösen. Lawinen, die ganze Straßen und Siedlungen gefährdeten, rauschen durchschnittlich 300 bis 1000 Höhenmeter hinab.


Die interaktive Grafik zeigt wie eine Lawine entsteht:

In den bayerischen Alpen und in Österreich ist bereits massig Schnee vom Himmel gefallen – und es soll noch mehr werden. Damit steigt auch die Lawinengefahr noch weiter an. Ausgelöst würden Lawinen durch eine Zusatzbelastung, erklärt Köhler. Das passiere etwa wenn eine Schneedecke zu schwer wird und abgleitet. Die typische Skifahrerlawine entsteht laut Köhler, wenn ein Skifahrer an einer Stelle in der Schwachschicht einen Bruch auslöst, der sich ausbreitet bis die gesamte Schneetafel abrutscht. Besonders gefährlich seien Skifahrerlawinen, die eigentliche keine großen Kräfte aufbauen, aber einen Skifahrer beim Stoppen unter sich verschütten könnten.

Lawinen-Gefahr im Harz? 

Während die Lawinengefahr in den bayerischen Alpen und Österreich steigt, bleibt sie in Norddeutschland fast unmöglich. Gänzlich ausgeschlossen ist sie allerdings nicht. 

Der Brocken im Harz ist mit 1141,2 Metern Höhe der höchste Berg Norddeutschlands, hier bestehe laut Köhler keine Lawinengefahr. Fakt sei, dass es keinen Lawinenlagebericht für den Harz gebe und das Mittelgebirge gerade in höheren Lagen nicht steil genug sei, als dass sich dort eine wirkliche Lawinengefahr entwickeln könnte. Höchstens vorstellbar sei, dass Dachlawinen herunter kämen, davor warnten auch Hinweisschilder an Straßen und Häusern.

Anders hingegen seien die Bedingungen beispielsweise im Okertal bei Goslar. Das Tal dort sei steil genug für Lawinen, die sich von den Hängen lösen können, für einen gefährlichen Abgang falle allerdings nicht genügend Schnee. Die größte Gefahr für Lawinen in Deutschland verortet Koehler in den Alpen, aber auch am Feldberg im Schwarzwald oder im Bayerischen Wald. 

Doch nicht nur in Skigebieten können Lawinen hereinbrechen. Im Berchtesgadener Land hatte etwa am Mittwoch eine Lawine eine Straße teilweise verschüttet. Diese sei durch die Schneemengen groß geworden und dann bis auf die Straße getrieben, sagt Köhler. Hier seien die lokalen Lawinekommissionen für eine rechtzeitige Sperrung zuständig – bei massiven Schneefall wie aktuell in Bayern bestimmt keine leichte Aufgabe.


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